Es ist diese Art Spiel, die sich auf der Anzeigetafel permanent „offen“ anfühlt – und trotzdem nie wirklich offen ist. Der HSV verliert zu Hause mit 1:2 gegen RB Leipzig, obwohl der Beginn richtig gut war: hoher Zugriff, klare Umschaltmomente, frühe Chancen – und die verdiente Führung durch Fabio Vieira. Danach aber kippte das Spiel schleichend, der Leipziger Druck nahm kontinuierlich zu, und in der zweiten Halbzeit blieb Hamburg offensiv praktisch ohne jedes Lebenszeichen.
Leipzig gewinnt deshalb hochverdient – nicht nur wegen der Qualität, sondern weil die Sachsen nach dem Rückstand erwachsen reagierten, das Spiel kontrollierten und es eigentlich früher hätten entscheiden müssen.
Guter Beginn, effizienter Treffer – und eigentlich sogar mehr drin
Die ersten Minuten passten. Der HSV war präsent, aggressiv, zielstrebig. Downs prüfte RB-Keeper Vandevoordt früh, auch Königsdörffer war in Aktionen drin – und das 1:0 war dann genau der Angriff, den Polzin später auch als „Trainingsinhalt“ beschrieb: sauber vorgetragen, guter Rückraum, klarer Abschluss.
Daniel Heuer Fernandes fand für die Anfangsphase passende Worte: „Die ersten 20 Minuten waren gut von uns. Wir waren sehr präsent.“ Und: Der HSV hatte in dieser Phase nicht nur den Treffer, sondern auch die Möglichkeiten, den Vorsprung „noch besser“ auszuspielen.
Der Knackpunkt: Nach dem 1:0 zu passiv, Leipzig wird immer stärker
Was danach folgte, war das Gegenteil von Spielkontrolle: Hamburg wurde tiefer, passiver, verlor nach und nach den Zugriff auf zweite Bälle und Entlastung. Miro Muheim brachte es ziemlich klar auf den Punkt: „Wir haben uns dann zu sehr einigeln lassen, zu tief gestanden. Und wenn du dann so lange den Ball nicht hast, dann hast du auch Probleme bei eigenem Ballbesitz.“
Leipzig brauchte nicht viele Chancen, aber die wurden hochkarätig. Der Ausgleich durch Romulo (Hacke) war sinnbildlich: Qualität entscheidet einzelne Momente – und plötzlich ist das Spiel wieder auf Null.
Yussuf Poulsen, der Ex-Leipziger in Reichen der Hamburger sah ebenfalls vor allem den Unterschied in Stabilität und Intensität: „Wir waren einfach nicht so stabil, wie wir es die letzten Wochen gemacht haben. Wenn diese Energie nicht bei 100 Prozent ist, bekommst du gegen so eine Mannschaft Probleme.“
Zweite Halbzeit: „Spannend“ nur wegen des Ergebnisses
Die zweite Halbzeit ist aus HSV-Sicht schnell erzählt – und genau das ist das Problem. Leipzig trifft früh zum 2:1, hat danach mindestens drei Situationen, um auf 3:1 zu erhöhen, und der HSV findet offensiv nicht mehr statt. Nicht mal „Annäherungen“ ans gegnerische Tor – die Partie blieb vom Ergebnis her eng, was immer wieder ein ungläubiger Blick auf die Anzeigetafel verriet, aber das Spielgefühl war deutlich.
Heuer Fernandes sagte dazu: „In der zweiten Halbzeit fand ich es extrem schwierig. Wir sind nicht so in unsere Abläufe gekommen.“ Und er ergänzte: „Die Leistung war nicht schlecht, nicht gut – so ein Mittelding. Aber der Gegner hat heute verdient gewonnen.“
Dass der HSV trotzdem bis zum Ende „lebt“, lag vor allem an Heuer Fernandes selbst: Elfmeter gehalten, mehrere starke Aktionen – doch: Der gehaltene Elfmeter änderte nichts am Gesamtbild, weil Hamburg offensiv nicht zurückkam.
Was fehlte? Entlastung, zweite Bälle, Mut mit Ball
Leipzig hat es dem HSV zunehmend schwer gemacht, Lösungen zu finden – Pressing im Zentrum, viel Druck auf erste Kontakte, gute Restverteidigung bei HSV-Umschaltmomenten. Hamburg wich oft nach außen aus, aber ohne Dynamik in der Folgeaktion. Heuer Fernandes: „Wir haben viel über außen versucht – und sind irgendwie nicht nach vorne gekommen.“
Poulsen blieb dabei nüchtern: „Die Leipziger waren besser als wir. Wir haben die Lösungen nicht gefunden.“
Blick auf Leverkusen: Polzin muss umbauen – und wieder ans Limit
Viel Zeit zum Grübeln gibt es nicht: Mittwoch wartet Leverkusen. Und Polzin wird umstellen müssen, vor allem hinten, da Dauerbrenner Miro Muheim fehlen wird mit einer Sperre wegen seiner 5. Gelben Karte und auch Kapitän Nicolas Capaldo ist nach seiner verletzungsbedingten Auswechslung wohl nicht spielfähig.
Muheim kündigte bereits an, dass jetzt kein Nachtrauern drin ist: „Am Mittwoch geht es weiter – wieder gegen eine Top-Mannschaft. Da wollen wir es besser machen.“ Der Ansatz ist klar: Gegen Leverkusen braucht der HSV wieder das, was gegen Leipzig nach dem 1:0 verloren ging: Mut, Aktivität, Entlastung. Sonst droht ein ähnliches Spielbild – nur mit noch mehr Belastung, weil Leverkusen Ball und Tempo dauerhaft hochhalten kann.
Die gute Nachricht: Der HSV hat in den letzten Wochen gezeigt, dass er gegen große Gegner bestehen kann – aber eben nur, wenn er sein Level trifft. Poulsen formulierte es passend als Lehre: „Wenn die Energie nicht ganz bei 100 Prozent ist, bekommst du Probleme.“
Artikel und Bilder: Ole Jacobsen.

