Es war ein Abend, der sich für den HSV unangenehm vertraut anfühlte. Schon am Sonntag gegen RB Leipzig kippte nach gutem Start die Kontrolle – gegen Bayer Leverkusen fehlte sie diesmal über nahezu die komplette Spielzeit. 90 Minuten lang diktierte die Werkself Rhythmus und Ballbesitz, der HSV kam kaum in Umschaltsituationen, hatte nur wenige Ballgewinne und offensiv praktisch keine Durchschlagskraft. Am Ende entschied ein Qualitätsmoment die Partie: ein starker Steckpass, ein wuchtiger Abschluss – 0:1, verdient.
Und trotzdem blieb dieses Spiel bis zur letzten Sekunde offen. Weil Luka Vuskovic in der 98. Minute plötzlich die Doppelchance auf den Ausgleich hatte – erst scheiterte er am Keeper, dann küsste sein Kopfball die Latte. Der Frust entlud sich unmittelbar danach: Vuskovic trat mehrfach hart gegen den Pfosten. Ein Bild, das zur HSV-Gefühlslage passte – weil an solchen Abenden die Erkenntnis schmerzt, dass die Top-Teams (noch) eine Nummer zu groß sind.
„Nicht die Art und Weise, die wir zeigen wollen“
In der Mixed Zone sprach Daniel Elfadli auffällig selbstkritisch. Für ihn war die Partie „sehr ähnlich“ zu den letzten 70 Minuten gegen Leipzig – nur diesmal ohne eigene Führungsphase und ohne kurze Dominanzmomente: „Das ist nicht die Art und Weise, die wir zeigen wollen. Wir wollten uns anders präsentieren – das haben wir nicht geschafft.“
Auf die Frage, ob Leverkusen schlicht zu gut gewesen sei, wich Elfadli dem bequemen Alibi aus: Es gehe nicht darum, den Gegner als Ausrede zu nehmen. „Wir müssen den Anspruch haben, auf höchstem Level zu performen – egal, wer der Gegner ist. Und das haben wir nicht geschafft.“ Was hängen bleibt: Der HSV war selten mutig genug, den Ball zu halten, fand kaum Lösungen unter Druck – und schaffte es nicht, Leverkusens Ballsicherheit zu brechen.
Heuer Fernandes: „Wir haben die Räume nicht gefunden“
Auch Daniel Heuer Fernandes, der trotz Fingerverletzung im Warmmachen spielte (Eisspray, Tape – dann ging’s), ordnete nüchtern ein. Ja, es fühlte sich an wie am Sonntag: Man hatte sich vor dem Spiel Räume zurechtgelegt, „die hätten auch gefährlich werden können“. Doch: „Die haben wir heute nicht gefunden – weniger Bewegung, unsauberes Passspiel.“ Und so entstand dieser Abend, an dem das Ergebnis lange Hoffnung machte (0:0 bis zur 73.), ohne dass der HSV je das Gefühl vermittelte, das Spiel wirklich drehen zu können.
Das Top-Team-Problem – und warum es jetzt nicht das Wichtigste ist
Leverkusen war unfassbar ballsicher, ließ den HSV laufen, kombinierte sich auch unter Druck sauber aus engen Räumen – und nahm dem Aufsteiger genau das, was er braucht: Ballgewinne, Umschaltmomente, Entlastung. Der HSV hatte kaum Zugriff, kaum Tempo nach vorne, kaum Abschlüsse. Dass die Qualität (noch) nicht reicht, um solche Gegner über 90 Minuten zu stressen, ist keine Schande. Das Bayern-Spektakel bleibt eine Ausnahme, nicht der Maßstab. Entscheidend ist etwas anderes: Der HSV muss seine Punkte nicht gegen Leverkusen holen.
Stange bringt Leben – „macht Lust auf mehr“
Dass die Atmosphäre auf den Rängen mit Otto Stange spürbar anzog, war kein Zufall. Der 19-Jährige kam rein, spielte unbekümmert – und hatte selbst noch eine Möglichkeit. Sein Ton danach: positiv, hungrig, HSV-typisch: „Hat Spaß gemacht. Ich freue mich wieder hier zu sein… ich will weiter Minuten sammeln.“ Und trotz Niederlage: „Ich freue mich einfach jetzt aufs nächste Spiel.“
Stange steht sinnbildlich für das, was der HSV jetzt braucht: Energie, Mut, das Gefühl, dass nach vorne wieder etwas entstehen kann – gerade wenn die Mannschaft im Ballbesitz festhängt.
Remberg als Kapitän – und der Frust über „diese eine Chance“
Nicolai Remberg trug erstmals die Binde – „schon sehr besonders“, sagte er, sichtbar stolz. Gleichzeitig blieb auch bei ihm vor allem die Schlusssequenz hängen. Leverkusen habe wie erwartet viel Ball, „aber dann mit der Chance am Ende“ hättest du „trotzdem einen Punkt mitnehmen“ können. Dass Vuskovic danach den Pfosten malträtierte, kommentierte Remberg mit einem fast grinsenden Schulterzucken: Er kenne solche Momente – „wir werden ihm da keine Vorwürfe machen“. Es sei bitter, aber kein Thema, das man größer machen müsse.
Der Blick geht nach Wolfsburg
Zwei Spiele in kurzer Zeit, zwei Niederlagen – und beide mit ähnlichem Muster: zu wenig Kontrolle, zu wenig Entlastung, zu wenig Wucht nach vorne. Genau deshalb wird das Spiel am Samstag in Wolfsburg zum eigentlichen Gradmesser. Ein direkter Konkurrent im Abstiegskampf, ein Spiel, in dem der HSV wieder mehr auf Augenhöhe agieren muss – und in dem Punkte Pflicht werden.
Oder wie Elfadli es als Auftrag formulierte: „Vor allem mit einer anderen Art und Weise aufzutreten.“
Artikel und Bilder: Ole Jacobsen.

