Darum vergab Holstein so viele Chancen: DFB-Pokal – Chancenwucher bestraft

Holstein Kiel hat den Einzug ins DFB-Pokal-Halbfinale verpasst – und doch war dieses 0:3 gegen den VfB Stuttgart eines dieser Spiele, die im Bauch weh tun, weil sie lange „drin“ waren. Vor ausverkauftem Haus im Holstein-Stadion zeigte die KSV über weite Strecken Mut, Struktur und Energie, belohnte sich aber erneut nicht für gute Phasen. Stuttgart nutzte seine Qualität im zweiten Durchgang konsequent – und machte am Ende aus einem engen Pokalabend ein deutliches Ergebnis.

Rapps Überraschung mit der Raute – und Kelati als spürbarer Impuls

Marcel Rapp reagierte auf die Liga-Niederlage gegen Fürth und rotierte kräftig. Timon Weiner stand im Pokal wieder im Tor, dazu rückten unter anderem Ivan Nekic, Kasper Davidsen, Adrián Kaprálik und – nach langer Leidenszeit – Andu Kelati in die Startelf. Im Mittelfeld setzte Holstein auf eine Raute, um Stuttgarts Kombinationsspiel im Zentrum zu verdichten und die Halbräume zu schließen.

Der Plan funktionierte – vor allem in der Anfangsphase. Kiel war griffig, bissig, kam in Umschaltmomenten zu richtig guten Möglichkeiten und wirkte keineswegs wie der Zweitligist gegen den Bundesliga-Vierten. Kelati brachte dabei genau das, was Holstein zuletzt oft gefehlt hatte: Ballsicherheit, Technik, einen klaren „Input“ fürs Spiel nach Ballgewinnen.

Die erste Halbzeit: Kiel auf Augenhöhe – und mit den besseren Chancen

Holstein hatte früh die Möglichkeiten, die ein Pokalspiel prägen können. Kaprálik und Kelati kamen in aussichtsreiche Situationen – und spätestens da war spürbar: Stuttgart ist zwar schneller im Pass-Tempo, aber Kiel hat heute Zugriff und Nadelstiche. Erst ab Mitte der ersten Halbzeit wurde der VfB stabiler, bekam mehr Kontrolle, hatte seinerseits Chancen – doch Holstein blieb mindestens ebenbürtig und ging mit dem Gefühl in die Pause: Hier ist heute wirklich etwas möglich.

Der Knackpunkt nach der Pause: Stuttgart wird erwachsener – Kiel verpasst den Moment

Nach Wiederanpfiff verflachte die Partie zunächst, ohne große Höhepunkte. Stuttgart schob Kiel aber immer weiter zurück, nahm dem Umschaltspiel Stück für Stück die Luft – und schlug dann zu. Das 0:1 fiel nach einer Standardsituation, bei der sich die Kieler über den Zweikampf am Ende ärgerten: „Der Schiedsrichter hat gesagt, er spielt den Ball an mir vorbei – aber er trifft mich mit offener Sohle am Oberschenkel“, sagte Timon Weiner danach und verweist in der Mixed-Zone auf seine blauen Flecken auf dem Oberschenkel. Für Kiel kam das Gegentor „in einer Phase, in der es aus dem Nichts“ wirkte – und genau das war der Moment, in dem Stuttgart seine Klasse zeigte: kein Zittern, kein Risiko, keine Geschenke.

Warum es trotzdem nicht „nur Pech“ war

Holstein hatte auch nach dem Rückstand noch Situationen – und am Ende sogar die große Chance auf das 1:1. Doch vorne fehlte die letzte Präzision, manchmal auch die letzte Klarheit. Der Eindruck: Einige der entscheidenden Abschlüsse kamen von Spielern, denen derzeit Rhythmus und Spielpraxis fehlen. Kelati nach langer Pause, Jakupovic als Neuzugang mit wenig Minuten, Müller als Joker – das erklärt nicht alles, aber es passt ins Bild. Holstein erspielt sich Chancen, aber in den Momenten, in denen Spiele kippen, fehlt die Selbstverständlichkeit.

Jonas Meffert brachte es treffend auf den Punkt: „Heute war es definitiv möglich weiterzukommen. Wir hatten genügend Chancen – das ist echt sehr, sehr schade. In der Anfangsviertelstunde kann es 2:0 für uns stehen.“ Und genau daraus entsteht der bittere Nachgeschmack dieses Abends.

Schlussphase: Risiko, Konter – und ein Ergebnis, das zu hoch wirkt

Als Kiel am Ende alles nach vorn warf, kam Stuttgart zu den entscheidenden Kontern. Erst schob Führich nach Undav-Zuspiel zum 0:2 ein, kurz danach erhöhte Karazor sogar auf 0:3. Das ist der Teil der Geschichte, der sich brutal liest – und der den Spielverlauf nur bedingt widerspiegelt. Der VfB-Sieg geht insgesamt in Ordnung, aber drei Tore Unterschied fühlten sich eher wie „Ende der Kräfte + offene Tür“ an als wie 90 Minuten Klassenunterschied.

Stimmen: Zwischen Stolz und Frust

Timon Weiner sprach von einem „super umgesetzten Plan“, aber auch davon, dass „einer rein muss, um so ein Spiel zu ziehen“. Und die Enttäuschung war ihm anzumerken – nicht nur wegen des Ausscheidens, sondern auch, weil für ihn mit dem Halbfinale ein weiteres Pokalspiel als Nummer eins möglich gewesen wäre.

Marcel Rapp schwankte sichtbar zwischen Lob und Ärger: Die Mannschaft habe „wenig aus dem Spiel zugelassen“, „selten so viele Chancen wie gegen Stuttgart“ gehabt – und müsse sich am Ende genau das ankreiden lassen: „Ein Treffer hätte gereicht.“ Gleichzeitig betonte er, dass vieles erarbeitet war und nicht zufällig entstand: ordentliche Angriffe, klare Abläufe, guter Matchplan.

Meffert nahm aus dem Abend vor allem ein Gefühl mit, das Holstein dringend konservieren muss: „Alle waren hellwach, alle wollten den Ball, alle wollten Fußball spielen.“ Und genau da liegt der Auftrag für die Liga.

Was bleibt – und warum dieser Abend trotzdem wichtig sein kann

Holstein hat gezeigt, dass es auf großer Bühne funktionieren kann: mutig, kompakt, mit klarer Idee. Aber die alte Wunde bleibt offen: Chancenverwertung. Wenn das Thema nicht irgendwann „ketchupflaschenmäßig“ aufspringt, wird es in der Liga weiter knirschen – gerade mit Blick auf die schweren Aufgaben, die nun anstehen.

Trotzdem: Dieser Pokalabend war kein Rückschritt. Er war eher ein Spiegel. Kiel kann mithalten – muss sich aber endlich belohnen.

Artikel und Bilder: Ole Jacobsen.

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