HSV verliert 1:2 gegen Leipzig: Starker Start, dann zu passiv – und am Ende zu wenig Wucht

Der Hamburger SV hat das „Volkspark-Erlebnis“ diesmal nicht auf seine Seite gezogen. Trotz ordentlicher Anfangsphase, Führungstor und eines überragenden Daniel Heuer Fernandes reicht es gegen RB Leipzig am Ende nicht: 1:2 (1:1) im ausverkauften Stadion vor 57.000 Zuschauern. Aus HSV-Sicht bleibt vor allem die Erkenntnis: Wer gegen diese Leipziger Qualität nicht nah ans eigene Limit kommt, hat kaum Spielraum – und genau das fehlte nach dem 1:0 zu oft.

Schon direkt nach dem Anpfiff gab es eine kurze Unterbrechung (rund 90 Sekunden) als Protest gegen die Sonntag-Anstoßzeit – danach startete der HSV mit Schärfe, Mut und Tempo. Doch je länger die Partie dauerte, desto deutlicher zeigte Leipzig, warum es an den Top 4 dranbleibt.

Traumstart mit Energie – und eine verdiente Führung

Der HSV begann tonangebend. Downs hatte früh die erste richtig gute Gelegenheit: Nach langem Ball von Vuskovic zwang er RB-Keeper Vandevoordt zur Glanzparade (11.). Auch Königsdörffer meldete die Rothosen an. Hamburg war drin im Spiel, aggressiv in den Zweikämpfen, klar in den Wegen nach vorne.

Der erste Rückschlag kam früh: Kapitän Capaldo musste verletzt raus, Omari übernahm (20.). Doch der Wechsel bremste den HSV nicht – im Gegenteil. Nach einem Leipziger Fehler schaltete Hamburg blitzschnell um: Über rechts wurde der Ball in den Rückraum gebracht, Fabio Vieira blieb eiskalt und schob überlegt zum 1:0 ein (23.). Ein Angriff wie aus dem Lehrbuch – und genau das, was Polzin später auch als Trainingsinhalt bestätigte.

Nach dem 1:0 wird der HSV zu passiv – Leipzig bestraft es

Mit der Führung im Rücken zog sich der HSV zunehmend tiefer zurück. Leipzig bekam mehr Ballbesitz, mehr Kontrolle – und Hamburg verlor ein Stück Spannung gegen den Ball. Polzin nannte es später sehr klar: Passivität im tieferen Block, weniger Klarheit im Spiel mit dem Ball.

Leipzig brauchte dabei lange, um wirklich gefährlich zu werden, doch dann reichte eine Szene. Nach Flanke/Querablage im Strafraum drückte Romulo den Ball sehenswert per Hacke ins Eck (36.) – die erste große Leipziger Situation, aber ein Treffer, der Qualität ausstrahlt. Kurz vor der Pause musste Heuer Fernandes dann nochmals glänzen, als er aus kürzester Distanz gegen Romulo blitzschnell rettete (43.). Zur Halbzeit: 1:1 – leistungsgerecht, auch weil Leipzig in der Schlussphase der ersten Hälfte deutlich mehr Druck entwickelte.

Kalte Dusche nach der Pause – und ein Elfmeter

Der HSV kam schlecht aus der Kabine. In der 50. Minute schlug Leipzig zu: Nach einem HSV-Fehlpass im Aufbau ging es schnell, Romulo bediente Diomande – 1:2. Eine „kalte Dusche“, weil der HSV in dieser Phase gerade keinen Zugriff fand.

Der große Moment, um wieder komplett ins Spiel zu kommen, folgte in Minute 62: Elfmeter für RB nach Handspiel. Doch Heuer Fernandes hielt – stark, entschlossen, unten rechts. Spätestens da war klar: Der HSV lebt noch. Nur: Er nutzte es nicht.

Polzin brachte danach mit einem Dreifachwechsel spürbar Qualität: Poulsen, Dompé und der lange verletzte Sambi Lokonga kamen (67.). Taktisch sollte es mehr Präsenz und frische Durchschlagskraft geben – aber der Effekt verpuffte. Hamburg kam in Halbzeit zwei kaum noch an den Leipziger Strafraum, geschweige denn zu klaren Abschlüssen.

Leipzig muss den Sack früher zumachen – HSV bleibt ohne letzten Zugriff

Leipzig war in der zweiten Hälfte reifer, strukturierter, gefährlicher. Joker Banzuzi ließ sogar zwei Mal das 3:1 liegen (74., 78.). Das hielt die Partie zwar bis zum Ende „offen“, aber eher auf dem Papier. Der HSV fand keine wirkliche Schlussoffensive, keine Abschlussserie, keinen späten Druckmoment.

So stand am Ende ein verdienter Auswärtssieg für Leipzig – und für den HSV die erste Niederlage nach sechs Spielen ohne Pleite.

Polzin ungewöhnlich deutlich: „Weit weg von unserem Limit“

Der HSV-Coach nahm nach Abpfiff niemanden in Schutz – auch nicht sich selbst. Sein Fazit: Leipzig war „in vielen Belangen voraus“, auch wegen individueller Qualität. Entscheidend sei aber, dass der HSV nicht ans eigene Limit kam: „Wenn du weit weg von deinem Limit bist, dann wird es auf keinen Fall reichen.“

Auffällig war auch seine klare Haltung zum Stadion: Keine Kritik an den Rängen – der erste Schritt müsse immer von der Mannschaft kommen, durch die Leistung auf dem Platz, um das Volksparkstadion zu „entzünden“.

Was bleibt – und was sich vor Leverkusen ändern muss

Positiv: Der HSV kann Leipzig wehtun. Die Anfangsphase und das 1:0 waren ein Beleg dafür – mit Tempo, klaren Abläufen, Mut nach vorne. Und: Heuer Fernandes hielt den HSV mit Parade und Elfmeter-Reflex im Spiel.

Kritisch: Nach der Führung fehlte die Balance. Hamburg wurde zu passiv, verlor Zugriff und konnte nach dem Rückstand nicht mehr dauerhaft Druck erzeugen. Genau das muss am Mittwoch im Nachholspiel gegen Leverkusen anders werden: mehr Aktivität, mehr Klarheit, mehr Mut – und vor allem: mehr eigene Phasen im letzten Drittel.

Denn wenn diese Partie eines gezeigt hat, dann das: Gegen Champions-League-Kaliber reichen 98 Prozent nicht. Und deutlich darunter wird es sehr schnell unerquicklich.

Artikel und Bild: Ole Jacobsen.