
Holstein Kiel hat im ersten Spiel nach der Trennung von Marcel Rapp ein Lebenszeichen gesendet – und unter dem neuen Cheftrainer Tim Walter zumindest die Negativserie gestoppt. Beim 1:1 (0:0) gegen die SV Elversberg vor 12.086 Zuschauern im Holstein-Stadion glich Jonas Therkelsen (63.) die Gästeführung durch David Mokwa (61.) praktisch im direkten Gegenzug aus. Es war ein Punktgewinn mit Symbolkraft, dennoch wartet Kiel in der 2. Bundesliga nun seit sechs Spielen auf einen Sieg.
Standing Ovations für Rapp – und ein spürbarer Neustart
Schon vor Anpfiff war klar: Dieses Spiel stand nicht nur im Zeichen des sportlichen Neuanfangs. Das Stadion reagierte emotional auf den Abschied von Marcel Rapp – mit Sprechchören, Spruchbändern und langem Applaus. Auch Neu-Trainer Tim Walter klatschte ausgiebig mit. Später erklärte er das als Frage des Respekts: Rapp habe „herausragende Arbeit“ geleistet, er selbst hätte ihm gewünscht, „dass er es hinbekommt“.
Auf dem Rasen wollte Walter dann genau das sehen, was er in den Tagen zuvor immer wieder betont hatte: Energie. Kiel begann aggressiv, presste hoch, gewann früh Bälle. Nach einigen Minuten verflachte die Partie allerdings – bis Holstein vor der Pause durch Andu Kelati die besten Möglichkeiten der ersten Halbzeit hatte.
Walter überrascht: Weiner im Tor, Meffert mit der Binde
Sportlich setzte Walter sofort Akzente: Timon Weiner stand im Tor statt Jonas Krumrey, Jonas Meffert führte das Team als Kapitän aufs Feld. Walter begründete den Torwartwechsel später offen: Es sei „nicht gegen Jonas, sondern für Timon“ gewesen – ihm sei aktuell wichtiger, „diese Mentalität“ und ein lautstarkeres Coaching auf dem Platz zu haben. Für die kommenden Wochen wollte er daraus keine Festlegung ableiten: „Kann nächste Woche wieder anders aussehen.“
Auch die Kapitänsfrage ordnete Walter pragmatisch ein: Er brauche jemanden, „der immer spielt“ und Energie ausstrahlt. Meffert sei „kein Lautsprecher“, aber habe „Energie, die reicht für fünf“. Sobald Steven Skrzybski wieder da sei, könne er die Binde zurückbekommen – „wenn er sie wieder will“.
Das Spiel: viel Kontrolle, wenig Spektakel – zwei Minuten entscheiden alles
Über weite Strecken blieb es eine Partie ohne große Wellen. Kiel hatte mehr Zugriff als zuletzt, wirkte stabiler, aber im Spielaufbau auch fehleranfällig. Elversberg – als klarer Aufstiegskandidat angereist – kam phasenweise besser in Ballbesitz-Strukturen, ohne Kiel dauerhaft auseinanderzuziehen.
Nach der Pause kippte das Spiel in zwei Minuten: Elversberg ging über links in Führung, am langen Pfosten drückte Mokwa zum 0:1 ein (61.). Kiel zeigte genau den Reflex, den es in den vergangenen Wochen zu selten gab – die sofortige Antwort. Therkelsen traf zum 1:1 (63.), das Stadion war da. Danach blieb es umkämpft, aber auch wieder kontrolliert – der letzte Punch fehlte auf beiden Seiten. Walter lobte besonders Halbzeit eins: Intensität, Wille, Emotionen – „das einzige, was ich im Moment verlangen kann“.
Schwab: „Spirit zurück“ – Weiner lobt Krumrey
In der Mixed Zone klang es ähnlich. Stefan Schwab sprach von einer turbulenten Woche mit nur drei vollen Trainingstagen, aber einer spürbaren Veränderung im Kopf: Walter habe „Spaß und Stimmung“ reingebracht, ohne die Mannschaft taktisch zu überfrachten. Entscheidend sei gewesen, dass Kiel nach dem Rückstand nicht auseinanderbrach: „Das hat uns die letzten Wochen gefehlt.“
Timon Weiner betonte nach seinem Startelf-Comeback vor allem den Umgang unter den Torhütern. Krumrey habe ihn unterstützt – „super“, keine Eifersucht: „Ich war letztes Jahr in der gleichen Situation.“ Für Weiner war es ein Vertrauensbeweis, aber auch kein Geschenk: Er habe „die ganze Zeit Gas gegeben“ und auf die Chance gewartet.
Bernhardsson zurück – und fast der Moment der Erlösung
Ein emotionaler Baustein dieses Nachmittags war das Comeback von Alexander Bernhardsson (erste Minuten nach langer Pause). Er selbst beschrieb das Gefühl als „amazing“, Gänsehaut inklusive – genau dafür arbeite man sich „durch die Verletzung, das Gym, das Laufen“. Sportlich setzte er spät noch einen Akzent: In der Schlussphase verfehlte er mit einem Distanzschuss nur knapp den Winkel.
Rebbe hadert mit Handspiel-Szene – ohne Alibi zu suchen
Sport-Geschäftsführer Olaf Rebbe sah ebenfalls einen Schritt nach vorn („andere Struktur“, „gute Energie“), ärgerte sich aber über eine Handspiel-Szene im Strafraum in der Nachspielzeit, die aus seiner Sicht einen Elfmeter hätte geben können. Er wolle „nicht über Schiedsrichter klagen“ – aber die Häufung strittiger Situationen in dieser Saison lasse ihn „ratlos“ zurück. Gleichzeitig blieb sein Kernpunkt: Holstein müsse den Fokus auf die eigenen Themen legen – „wir können auch die Bälle reinschießen“.
Ein Punkt als Anfang – aber der Weg ist noch weit
Unter dem Strich bleibt es ein Spiel, das Mut machen kann: Kiel wirkte stabiler, emotionaler, geschlossener – das „zarte Pflänzchen“ Selbstvertrauen, von dem Rebbe sprach, ist erkennbar. Aber es bleibt eben auch bei der nüchternen Tabelle: Platz 14, sechs Ligaspiele ohne Sieg, der Abstiegskampf bleibt real.
Tim Walter wollte daraus noch kein großes Urteil ableiten – aber seine Leitplanke steht: Energie, Kompaktheit, Gegenpressing. Und ein Team, das wieder daran glaubt, dass es „in jedem Spiel gewinnen“ kann.
Artikel und Bilder: Ole Jacobsen.


