Es war der berühmte „Lucky Punch“, den Holstein Kiel am ersten Spieltag der 2. Bundesliga ins Mark traf. In der 99. Minute schob Paderborns Bilbija den Ball ins lange Eck – zu spät für eine Antwort der Kieler, zu spät für einen Punkt. Dabei hatte der Bundesligabsteiger mit einem feinen Freistoßtor von Armin Gigovic in der 85. Minute noch ausgeglichen und kurzzeitig Hoffnung auf Zählbares geschöpft. Doch was bleibt, ist Frust. Und viele Fragen.
„Das tut weh“ – die Stimmung in der Kabine
„Wir waren die Dummen, die mit leeren Händen dastehen“, brachte es Kapitän Steven Skrzybski im Gespräch mit den Kollegen auf den Punkt. Die Last-Minute-Niederlage ließ bei den Kielern keine Emotion aus: Enttäuschung, Wut, Ernüchterung. „Wenn man so spät einen Gegentreffer kassiert, ist das einfach nur bitter“, so Skrzybski. Dabei sah der Offensivspieler ein Spiel auf Augenhöhe: „Beide Mannschaften hatten wenig Hochkaräter, das war ein klassisches 0:0- oder 1:1-Spiel.“
Der „Flipperball“ in der Nachspielzeit
Trainer Marcel Rapp rang nach dem Abpfiff ebenfalls mit seiner Fassung. „Ich bin richtig angefasst, wenn ich sehe, wie das zustande kommt. Ein Flipperball, den wir mehrfach nicht sauber klären – das ist einfach ärgerlich“, so der Coach. Besonders ärgerlich: Eigentlich hatte sein Team nach dem Ausgleich noch einmal Schwung aufgenommen und wollte das Spiel drehen. Doch genau in dieser Phase öffneten sich hinten die Räume. „Wenn wir den Ball einfach sauberer spielen, darf das Tor gar nicht mehr fallen“, so Rapp selbstkritisch.
„Vielleicht waren wir zu ungeduldig“
Armin Gigovic, der Torschütze des Abends aus Kieler Sicht, blieb nach seinem Traumfreistoß nüchtern. „Wir wussten, dass das erste Spiel schwierig wird. Ich denke, wir haben es okay gemacht – nicht gut, aber auch nicht schlecht.“ Nach dem Rückstand habe man sich vorgenommen, nicht einzuknicken. „Wir wollten tief stehen, aber weiter Druck machen. Am Ende passiert so etwas – das ist Fußball.“ Auffällig: Auch Gigovic sprach taktische Details an. „Vielleicht waren wir manchmal zu ungeduldig im Passspiel. Wir müssen lernen, den Ball ruhiger in die gefährlichen Zonen zu bringen.“
Skrzybski: „Da fehlt noch was“
Dass der holprige Auftritt nicht allein am späten Gegentor lag, machte Kapitän Skrzybski deutlich: „Wir haben es nicht über die gesamte Spielzeit geschafft, unser Spiel durchzuziehen. Da fehlt noch was – in der Passqualität, in der Geschwindigkeit.“ Auch die Dreifach-Auswechslung in der zweiten Halbzeit brachte aus seiner Sicht nicht den erhofften Effekt: „Der Funke ist da nicht richtig übergesprungen.“ Dennoch lobte er die Intensität im Team. „Alle haben alles reingehauen – aber es war eben nicht genug.“
Überraschung im Tor: Krumrey vor Weiner
Etwas überraschend stand zum Saisonauftakt Jonas Krumrey, der 21-jährige Neuzugang von RB Salzburg, im Kieler Tor – und nicht der langjährige Vertreter Timon Weiner. Rapp begründete die Entscheidung intern mit Eindrücken aus der Vorbereitung und einem besseren Spiel mit dem Ball am Fuß. Krumrey machte seine Sache solide, war beim 0:1 vermeintlich machtlos, weil er den Ball zu spät sah und zeigte kurz vor dem 1:2 eine starke Parade gegen Marino. Trotzdem bleibt offen, wie eng das Duell auf der Torwartposition wirklich ist – und ob Weiner im Laufe der Saison wieder ins Rennen kommt.
Rapp: „Bielefeld auf Augenhöhe mit Paderborn“
Für Rapp gilt nun der Blick nach vorn. „Wir müssen das ehrlich analysieren und die richtigen Schlüsse ziehen.“ Bereits am kommenden Sonntag kommt mit Arminia Bielefeld der Pokalfinalist der vergangenen Saison ins Holstein-Stadion. Rapp erwartet einen ähnlichen Prüfstein wie am ersten Spieltag. „Bielefeld macht das gut, da wird wieder was auf uns zukommen. Trotzdem haben wir den Anspruch, dieses Spiel zu gewinnen.“
Fazit: Frust, aber kein Alarm
Der Saisonstart ist misslungen, doch von Alarmismus war im Kieler Lager nichts zu spüren. Im Gegenteil: Die Spieler traten reflektiert, aber entschlossen auf. „Die Liga ist extrem ausgeglichen, jedes Spiel wird ein 50-50-Spiel“, betonte Skrzybski. Und Gigovic stellte klar: „Es sind noch viele Spiele übrig.“ Der erste Eindruck war durchwachsen – aber er war auch ehrlich. Und genau das könnte in dieser Liga noch zum Vorteil werden.
Bericht und Bilder: Ole Jacobsen.