Viele Zweikämpfe, wenig Ideen – Stimmen zum torlosen Nordderby

Das 0:0 zwischen dem FC St. Pauli und dem Hamburger SV lieferte intensive Duelle, aber nur wenige spielerische Höhepunkte. Nach Abpfiff überwog bei beiden Seiten das Gefühl, einen Punkt gewonnen – aber auch zwei verloren zu haben. Entsprechend differenziert fielen die Stimmen aus.

HSV startet mutig – verliert nach der Pause den Faden

Aus Hamburger Sicht begann das Derby vielversprechend. Der HSV trat in den ersten 25 Minuten selbstbewusst auf, suchte spielerische Lösungen und wirkte reifer in seiner Anlage. Aggressives Anlaufen, hohe Präsenz im Mittelfeld und klare Körpersprache prägten die Anfangsphase.

Nach der Pause allerdings änderte sich das Bild. Die Gäste verloren zunehmend die Kontrolle, wurden unsauber im Passspiel und ließen St. Pauli häufiger in Umschaltsituationen kommen. „Wir hatten Phasen, in denen die Abstände nicht mehr gestimmt haben“, räumte Cheftrainer Merlin Polzin ein. „Gerade unsere Kontersituationen müssen wir besser ausspielen – da waren wir heute nicht konsequent genug.“

Heuer Fernandes als Rückhalt

Einer der Gewinner des Abends auf HSV-Seite war Torhüter Daniel Heuer Fernandes. Der Schlussmann blieb erneut ohne Gegentor und strahlte in kritischen Momenten Ruhe aus. „Es tut natürlich gut, wenn man wenig zulässt und die Null steht“, sagte Heuer Fernandes. „Aber klar ist auch: In der zweiten Halbzeit hatte St. Pauli mehr Aktionen. Da musst du da sein.“ Besonders bei schnellen Gegenstößen und Distanzaktionen bewahrte der Keeper sein Team vor einem Rückstand.

St. Pauli hadert mit der ersten Halbzeit

Bei den Gastgebern überwog dagegen die Unzufriedenheit – vor allem mit den ersten 45 Minuten. Offensiv fehlte es an Bewegung, Verbindung zwischen den Linien und klaren Entscheidungen im letzten Drittel.

Verteidiger Hauke Wahl sprach offen an, woran es haperte: „Wir haben in der ersten Hälfte zu viele Zweikämpfe verloren und wenn wir Mal einen gewonnen haben, danach sofort wieder den Ball hergegeben. So bekommst du keine Struktur in dein Spiel.“ Positiv bewertete Wahl hingegen die Stabilität nach der Pause: „Defensiv haben wir über 90 Minuten wenig zugelassen – darauf lässt sich aufbauen.“

St. Paulis Louis Oppie ordnete die Partie entsprechend nüchtern ein. Der Außenbahnspieler brachte vor allem im zweiten Abschnitt mit seinem Tempo frische Impulse und sah das Ergebnis realistisch: „Direkt nach dem Spiel ist es natürlich schade, weil man zu Hause im Derby gern drei Punkte holt. Aber auf beiden Seiten gab es nicht die klaren Chancen, dass man sagen kann, wir hätten es verdient.“

Oppie bestätigte zudem, dass die taktische Vorgabe – situativ tiefer zu stehen und variabel zu agieren – vor allem in der zweiten Hälfte besser griff. „Das hat uns gutgetan, gerade mit mehr Speed von der Bank“, sagte er mit Blick auf die Wechsel.

Trainer einig: Kein Derby für die Geschichtsbücher

In der Pressekonferenz herrschte bei beiden Cheftrainern Einigkeit darüber, dass dieses Nordderby eher in die Kategorie Arbeitssieg – ohne Sieger – fiel. Viel Kampf, wenig spielerische Klasse, kaum zwingende Chancen.

„Es wird kein Derby sein, an das man sich in zehn Jahren erinnert“, sagte Polzin. Blessin formulierte es noch deutlicher: „Das war kein Spiel, das uns emotional getragen hat.“

Ein Punkt mit unklarem Wert

Am Ende steht ein leistungsgerechtes 0:0, das beiden Mannschaften defensiv Stabilität bescheinigt – offensiv aber weiter Fragen aufwirft. Für den HSV bleibt das Gefühl, in der ersten Halbzeit mehr hätte herausholen zu können. Für St. Pauli die Erkenntnis, dass der eigene Anspruch höher ist als das, was aktuell auf den Platz gebracht wird. Was der Punkt am Ende wert ist, wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen.

Artikel und Bild: Ole Jacobsen.