
Holstein Kiel reist mit personellen Sorgen, aber einer klaren Haltung zum VfL Bochum. Auf der Pressekonferenz vor dem Auswärtsspiel wurde deutlich: Trainer Tim Walter steht aktuell wie selten zuvor zwischen Pragmatismus und Überzeugung – und versucht, genau daraus neue Stärke zu entwickeln.
Zec fehlt – viele Fragezeichen im Kader
Die Ausgangslage bleibt angespannt. Innenverteidiger David Zec ist gesperrt, dazu gibt es mehrere Wackelkandidaten. John Tolkin wird vorsichtig aufgebaut, nachdem er zuletzt das Training abbrechen musste. „Er war heute laufen, morgen geht er an den Ball – da müssen wir abwarten. Wir gehen kein Risiko ein“, erklärte Walter.
Auch weitere Spieler sind angeschlagen. So laboriert Andu Kelati an einer schmerzhaften Hüftprellung, während bei Bernhardsson nach seiner Rückkehr aus einer längeren Verletzung muskuläre Reaktionen auftraten. Walter stellte klar: „Da müssen wir ihn schützen. Ziel ist, dass er gegen Münster wieder bereit ist.“
Walter setzt auf Energie: „Ich pfeife und singe“
Trotz der schwierigen sportlichen Phase fällt vor allem eines auf: Walter bleibt demonstrativ positiv – und lebt das auch vor. „Wer mich kennt, der weiß, dass ich gerne singe, dass ich gerne pfeife und gute Laune verbreite“, sagte der Kieler Coach.
Für ihn ist das kein Zufall, sondern Teil seiner Führungsphilosophie. Seine Spieler sollen sehen, dass der Trainer vorangeht – auch emotional. „Die Jungs sehen das und denken: Wenn der Alte das macht, dann probieren wir das vielleicht auch mal.“
Von Verunsicherung oder negativer Stimmung sei intern wenig zu spüren. „Jeder, der bei uns im Training ist, sieht, dass die Jungs gelassen sind. Sie haben das Vertrauen in ihre eigene Stärke wiedergewonnen“, betonte Walter.
„Ich bin ein absoluter Überzeugungstäter“
Walter beschreibt sich selbst als klaren Typen – nicht nur auf dem Platz, sondern auch im Umgang mit Menschen. „Ich bin ein absoluter Überzeugungstäter.“ Dabei gehe es nicht allein um Taktik oder Systeme, sondern um Haltung: Vertrauen, Umgang miteinander und die tägliche Arbeit im Team stehen für ihn im Mittelpunkt.
Zwischen eigener Idee und Realität des Kaders
Spannend: Walter räumt offen ein, dass Holstein aktuell nicht seinen typischen Fußball spielt. „Das ist in keinem Fall das Gleiche wie bei meinen vorherigen Teams – das sind Adaptionen.“ Er habe bewusst Dinge von Marcel Rapp übernommen und angepasst, statt alles sofort umzustellen. Der Grund ist klar: „Ich würde gerne viel mehr von meiner Idee reinbringen – aber das kann ich im Moment nicht, weil das die Jungs verunsichern würde.“
Trotzdem ist eine klare Veränderung erkennbar: „Vorher hatten Holstein Kiel viel Ballbesitz in der eigenen Hälfte – jetzt haben wir ihn mehr in der gegnerischen Hälfte.“ Auf diese Entwicklung scheint der Coach großen Wert zu legen und stolz zu sein, dass er diese Veränderung binnen kurzer Zeit schon herbeiführen konnte.
Qualität da – Konsequenz fehlt – Bochum vor der Brust
Die Analyse nach dem Nürnberg-Spiel bleibt eindeutig: Die Mannschaft zeigt Moral, kommt zurück, erspielt sich Chancen. „Die Jungs haben Qualitäten. Sie können einstecken, aber auch austeilen.“ Was fehlt, ist die letzte Konsequenz – sowohl defensiv als auch offensiv. „Es geht nur um Konsequenz in beiden Boxen“, so Walter.
Mit dem VfL Bochum wartet ein physisch starker Gegner, der wenig Ballbesitz benötigt, aber extrem effektiv agieren kann. Walter weiß um die Aufgabe, bleibt aber bei seinem Ansatz: „Wir müssen bei uns bleiben.“ Für ihn liegt der Fokus klar auf dem eigenen Team statt in der Gegneranalyse.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.
