
Holstein Kiel hat im so wichtigen Kellerduell der 2. Bundesliga einen möglichen Befreiungsschlag verpasst. Gegen Schlusslicht Preußen Münster kamen die Störche vor 13.668 Zuschauern im Holstein-Stadion nicht über ein enttäuschendes 0:0 hinaus. In einer extrem niveauarmen Partie fehlte der KSV fast über die komplette Spielzeit hinweg die Kreativität, das Tempo und vor allem die Klarheit im letzten Drittel. Münster stand tief, lauerte auf Umschaltsituationen – und war in einigen Momenten sogar gefährlicher als die Gastgeber.
Der Punkt hilft Kiel zwar insofern, als dass man in der Tabelle immerhin nicht leer ausgegangen ist. Wirklich zufrieden konnte bei den Norddeutschen nach dieser Nullnummer aber niemand sein.
Früher Rückschlag für Münster, aber keine Vorteile für Kiel
Schon früh musste Preußen Münster umstellen. Oliver Batista Meier, einer der auffälligeren und spielstärkeren Gäste, verletzte sich und musste bereits in der 16. Minute runter. Für ihn kam Lars Lokotsch. Eigentlich hätte das für Holstein ein Vorteil sein können, doch auf dem Rasen war davon nichts zu sehen.
Die Anfangsphase war geprägt von vielen Ungenauigkeiten, einigen Hereingaben in die Strafräume und viel Wind, der beiden Teams das Leben zusätzlich schwer machte. Fußballerische Höhepunkte blieben jedoch Mangelware. Kiel hatte mehr Ballbesitz, fand aber gegen den tiefen, kompakten Block der Münsteraner überhaupt keinen Rhythmus.
Das erste echte Highlight gehörte dann sogar den Gästen. In der 29. Minute kam Etienne Amenyido nach einer Flanke im Strafraum recht frei zu einem Fallrückzieher, der nicht direkt aufs Tor ging. Anschließend setzte Lokotsch den Ball per Kopf auf den Kasten, stellte Timo Weiner aber nicht vor größere Probleme.
Es war bezeichnend für diese erste Halbzeit, dass diese Szene schon zu den wenigen nennenswerten Momenten zählte. Holstein spielte zu langsam, zu behäbig, mit zu vielen Ballkontakten und ohne Überraschungsmoment. Münster wiederum riskierte ebenfalls kaum etwas. So ging es folgerichtig mit einem trostlosen 0:0 in die Pause.
Holstein bleibt ideenlos, Münster lauert auf den einen Moment
Auch nach dem Seitenwechsel änderte sich am Spielbild zunächst nichts. Kiel wollte, Münster wartete. Die Störche schoben an, fanden aber weiter keine Mittel, um die eng gestaffelte Gäste-Defensive wirklich in Bewegung zu bringen. Münster verteidigte diszipliniert und setzte immer wieder auf genau die Momente, auf die Alois Schwartz’ Mannschaft aus war.
Fast hätte eine eigene Kieler Ecke den Gastgebern dann sogar das Genick gebrochen. In der 64. Minute konterte Münster nach einem abgewehrten Standard in Überzahl, am Ende schob Joshua Mees den Ball nur knapp am langen Pfosten vorbei. Genau diese Szene zeigte, worauf die Gäste aus waren: tief stehen, Fehler provozieren und dann schnell umschalten.
Holstein sammelte zwar im Laufe der Partie viele Ecken, auffällig war aber, dass zahlreiche Standards kurz ausgeführt wurden – ohne jeglichen Ertrag. Vieles verpuffte, echte Gefahr entstand kaum. Auch aus dem Spiel heraus blieb Kiel erschreckend harmlos.
Erst in der Schlussphase wurde es zumindest ansatzweise mal gefährlich. In der 87. Minute kam der eingewechselte Marcus Müller nach einem langen Einwurf von John Tolkin aus etwa sechs Metern zum Abschluss, jagte den Ball aber in die Wolken. In der Nachspielzeit hatte dann auch Lasse Rosenboom nach einer weiteren Hereingabe noch eine kleine Möglichkeit, traf den Ball aber ebenfalls nicht sauber genug. Danach war Schluss – und das 0:0 exakt das Ergebnis, das diese Partie verdient hatte.
Weiner: „Eins der schlechteren Spiele der letzten Wochen“
Entsprechend selbstkritisch fiel die Analyse bei KSV-Schlussmann Timon Weiner aus. Der Kieler Keeper nahm nach dem Abpfiff kein Blatt vor den Mund: „Das war auf jeden Fall ganz klar eins der schlechteren Spiele der letzten Wochen. So ehrlich müssen wir sein.“ Zwar habe Holstein erneut zu null gespielt, „aber zufrieden ist heute, glaube ich, keiner“.
Vor allem gegen den tief stehenden Gegner habe Kiel keine Lösungen gefunden. „Wir wussten, dass Münster mit dem neuen Trainer defensiver agieren wird. Genau so ist es dann auch gekommen. Wir haben aber einfach keine Lösung gefunden“, sagte Weiner. Dass Münster trotz des eigenen Offensivmangels dennoch zwei, drei gefährliche Konter fahren konnte, registrierte auch er: „Deswegen bin ich froh, dass wir wieder zu null gespielt haben.“
Die vielen kurzen Ecken erklärte Weiner auch mit den schwierigen Bedingungen: „Wegen des Windes ist es total schwierig, Bälle vernünftig reinzuspielen. Vielleicht war es trotzdem nicht zu 100 Prozent die richtige Entscheidung. Das müssen wir intern besprechen.“
Skrzybski sieht fehlenden Mut im letzten Drittel
Kapitän Steven Skrzybski sprach ebenfalls von einem schweren Spiel und bemängelte insbesondere das Verhalten in der Offensive. „Wenn wir ins letzte Drittel kamen, waren wir nicht mutig genug“, sagte er. Der Matchplan habe „ein Stück weit etwas anderes vorgesehen als das, was wir am Ende auf dem Platz umgesetzt haben“.
Dass Kiel so selten wirklich bis an die Grundlinie kam oder die letzte Kette Münsters einmal konsequent auseinanderzog, sei eines der Hauptprobleme gewesen. „Wahrscheinlich haben wir vor dem Strafraum zu langsam gespielt, zu wenig direkt, zu wenig riskiert“, so Skrzybski.
Meffert: „Es hat ein kleiner Tick gefehlt“
Ähnlich fiel die Einschätzung von Jonas Meffert aus. Auch er sprach von einem „kleinen negativen Gefühl“ nach dem Spiel, obwohl Kiel immerhin nicht verloren habe. „Wir haben uns natürlich sehr viel vorgenommen. Wir wollten mit dem Sieg im Rücken zu Hause direkt nachlegen“, sagte Meffert.
Am Ende habe „ein kleiner Tick“ gefehlt – in der Genauigkeit, im letzten Pass, im letzten Willen im entscheidenden Moment. Dennoch wollte Meffert nicht alles schwarzmalen. „Man kann keinem absprechen, dass alle alles gegeben haben“, betonte er. Und doch war auch ihm bewusst, dass ein Heimspiel gegen den Tabellenletzten eigentlich anders aussehen muss.
Dass viele Szenen verkrampft wirkten, wollte Meffert nicht dramatisieren, räumte aber ein: „Wenn man heute von außen geguckt hat, wird man wahrscheinlich sagen, dass das ein typisches Spiel Siebzehnter gegen Achtzehnter war.“
Tim Walter platzt der Kragen
Nach dem Abpfiff wurde es im Kieler Mannschaftskreis laut. Tim Walter hatte sichtbar Redebedarf – und bestätigte später auf der Pressekonferenz, was ihm nicht gefallen hatte. „Wir haben keinen Ballspeed auf den Ball gebracht, den Gegner nicht in die Verschiebebewegung bekommen“, sagte der KSV-Coach. Das sei das Grundproblem gewesen.
Walter verwies darauf, dass seine Mannschaft in dieser Saison bislang kaum in der Situation gewesen sei, gegen einen derart tief stehenden Block das Spiel machen zu müssen. „Die Mannschaft war noch nie in der Situation im ganzen Jahr, dass wir gegen einen tief stehenden Block angreifen müssen. Das ist nicht so einfach“, sagte er.
Entscheidend sei dabei Präzision – und genau die habe gefehlt. „Wir haben nicht angedribbelt, zu früh gepasst, keinen Ballspeed draufgebracht. Dann kriegst du keinen Gegner der Welt in die Verschiebebewegung“, analysierte Walter.
Gleichzeitig wollte er seiner Mannschaft trotz des enttäuschenden Nachmittags keinen Komplettvorwurf machen. Kiel habe immerhin wieder zu null gespielt und sei in der Tabelle einen Platz geklettert. „Es ist ein enges Rennen da unten. Von daher nehmen wir jeden Punkt mit“, sagte Walter.
Ein Punkt, der sich trotzdem wie zwei verlorene anfühlt
Unterm Strich bleibt für Holstein Kiel ein Punkt, der tabellarisch noch etwas wert sein kann, sich emotional aber eher wie eine Enttäuschung anfühlt. Nach dem wichtigen Sieg in Bochum hätten die Störche mit einem Heimerfolg gegen Schlusslicht Münster einen echten Sprung machen können. Stattdessen steht nun ein 0:0, das den Eindruck verfestigte, dass diese Mannschaft im Abstiegskampf immer dann Probleme bekommt, wenn sie selbst Lösungen finden und ein Spiel aktiv gestalten muss.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.
