Holstein Kiel: Was ist wichtiger – der Weg oder das Ziel?

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Diskussionen dürfte es bei Holstein Kiel wie hier zwischen Torwart Timon Weiner und Kapitän Jonas Meffert nicht nur auf dem Platz geben

Holstein Kiel spielt viel Fußball, hat viel Ballbesitz und bekommt regelmäßig Anerkennung für seine Auftritte. Nur eines fehlt: Siege. Nach fünf Spieltagen stehen die Störche ohne Erfolg am Tabellenende der 2. Bundesliga. Spätestens jetzt muss deshalb eine Frage erlaubt sein: Muss sich Holstein dem Fußball von Tim Walter anpassen – oder Walter seinen Fußball stärker an Holstein?

Es ist inzwischen ein bekanntes Muster. Holstein Kiel spielt ordentlich, Holstein Kiel investiert viel, Holstein Kiel hat Phasen, in denen es dem Gegner seinen Fußball aufzwingt. Hinterher wird über fehlende Belohnung gesprochen, über falsche Entscheidungen, individuelle Fehler oder jenes Quäntchen Glück, das gerade auf der anderen Seite liegt. All das kann stimmen. Nur steht nach fünf Spieltagen eine Zahl über sämtlichen Erklärungen: null Siege.

Nach dem 0:1 beim 1. FC Heidenheim ist Holstein Tabellenletzter. Als einzige Mannschaft der Liga wartet die KSV noch auf ihren ersten Erfolg. Natürlich hatte die Gelb-Rote Karte gegen Jonas Therkelsen erheblichen Einfluss auf die Partie. Natürlich hielt Holstein lange dagegen. Und natürlich hätte auch in Heidenheim manches anders laufen können. Doch irgendwann reicht „hätte“ nicht mehr.

Attraktivität allein bringt keine Punkte

Tim Walters Fußball besitzt zweifellos Qualitäten. Seine Mannschaften wollen den Ball, wollen gestalten, mutig aufbauen und den Gegner beschäftigen. Junge Spieler bekommen Verantwortung und können sich unter Walter entwickeln. Für Zuschauer ist diese Art Fußball häufig attraktiv. Aber Profifußball ist am Ende auch Ergebnisfußball.

Und genau dort beginnt die Ursachenforschung. Denn das Problem beschränkt sich längst nicht auf einen unglücklichen Nachmittag in Heidenheim. Immer wieder wird Holstein für seine Spielanlage gelobt, immer wieder fehlen anschließend die Punkte. Walter selbst betont regelmäßig, seine Mannschaft müsse sich für ihren Aufwand endlich belohnen.

Vielleicht muss die Frage inzwischen aber anders gestellt werden: Warum belohnt sie sich so häufig nicht? Wenn dieselben Probleme wiederholt auftreten, sind sie irgendwann nicht mehr ausschließlich Pech.

Passt das System zum vorhandenen Personal?

Walters Fußball verlangt seinen Spielern enorm viel ab. Im Aufbau müssen unter Druck richtige Entscheidungen getroffen werden. Ballverluste können besonders gefährlich werden, weil viele Spieler bereits offensiv positioniert sind. Die Restverteidigung muss funktionieren, Innenverteidiger benötigen Sicherheit mit dem Ball und gleichzeitig genügend Tempo, um große Räume hinter sich verteidigen zu können. Und genau hier liegt möglicherweise der entscheidende Punkt.

Holstein verfügt nicht auf jeder Position über Spieler, die für einen derart risikoreichen Fußball ideale Voraussetzungen mitbringen. Timon Weiner ist ein starker Torhüter, aber nicht zwangsläufig der klassische spielmachende Keeper. Auch in der Innenverteidigung stellt sich die Frage, ob die vorhandenen Profile optimal zu einem System passen, das bei Ballverlusten große Räume produzieren kann.

Walter spricht selbst häufig über Entscheidungen seiner Spieler. Mal fehlt beim letzten Pass die richtige Wahl, mal wird im Aufbau eine Situation falsch gelöst. Gleichzeitig weiß auch er, dass Fehler zum Fußball gehören. Genau deshalb muss ein System aber möglicherweise auch die Fehleranfälligkeit seiner Spieler berücksichtigen.

In der 2. Bundesliga stehen keine elf Weltklassespieler auf dem Platz, die unter höchstem Druck nahezu immer die richtige Entscheidung treffen. Vielleicht muss ein Trainer deshalb nicht nur fragen, wie er Fußball spielen möchte, sondern auch: Welcher Fußball gibt genau dieser Mannschaft die größte Chance zu gewinnen?

Braucht Holstein einen Plan B?

Das bedeutet keineswegs, Walters gesamte Idee über Bord zu werfen. Holstein muss nicht plötzlich ausschließlich lange Bälle schlagen und sich mit zehn Spielern am eigenen Strafraum verschanzen. Aber vielleicht braucht diese Mannschaft mehr Pragmatismus. Etwas tiefer stehen. Räume verkleinern. Zweikämpfe erzwingen. Nach Ballgewinnen schneller umschalten. Dem Gegner häufiger die Aufgabe überlassen, selbst Lösungen finden zu müssen. Und vor allem: die eigene Fehleranfälligkeit reduzieren. Ein solcher Plan B wäre kein Eingeständnis des Scheiterns. Im Gegenteil: Gute Trainer passen ihre Idee auch an das vorhandene Personal und die jeweilige Situation an.

Gerade die 2. Bundesliga verzeiht wenig. Intensität, zweite Bälle, Standards, Umschaltmomente und körperliche Präsenz entscheiden Spiele ebenso wie spielerische Qualität. Wer diese Liga ausschließlich kontrollieren möchte, muss außergewöhnlich sauber spielen. Holstein gelingt das derzeit nicht konstant genug.

Die Vergangenheit macht die Frage legitim

Auch Walters Zeit beim HSV gehört zu dieser Diskussion. Seine Mannschaft spielte dort über weite Strecken attraktiven und offensiven Fußball, erzielte viele Tore und gehörte zu den spielstärksten Teams der Liga. Das entscheidende Ziel – der Bundesliga-Aufstieg – wurde unter Walter dennoch nicht erreicht.

Das bedeutet nicht, dass seine Idee grundsätzlich nicht funktioniert. Es zeigt aber, warum die gegenwärtige Kieler Entwicklung genauer betrachtet werden muss. Denn irgendwann entscheidet nicht mehr, wie überzeugend ein Ansatz theoretisch aussieht. Entscheidend ist, was er produziert.

Was ist wichtiger: der Weg oder das Ziel?

Noch wäre es völlig überzogen, nach fünf Spieltagen grundsätzlich alles infrage zu stellen. Eine Tabelle im September ist keine Abschlusstabelle. Und vieles von dem, was Holstein spielerisch zeigt, spricht tatsächlich dafür, dass diese Mannschaft besser ist als ihr derzeitiger Tabellenplatz. Aber Letzter ist Letzter. Null Siege sind null Siege.

Deshalb darf die Diskussion jetzt nicht mehr ausschließlich darum kreisen, wann sich Holstein endlich für seinen Fußball belohnt. Die Verantwortlichen müssen auch hinterfragen, ob die Mannschaft mit dieser Art Fußball derzeit überhaupt die bestmöglichen Voraussetzungen bekommt, sich zu belohnen.

Tim Walter muss seine Überzeugung nicht aufgeben. Vielleicht muss er sie nur erweitern. Denn am Ende bleibt eine ziemlich einfache Frage: Was ist wichtiger – der Weg oder das Ziel? Attraktiver Fußball ist ein Wert. Spielerentwicklung ebenfalls. Aber im Profifußball entscheidet die Tabelle. Und dort ist Holstein Kiel gerade ganz unten angekommen.

Artikel und Bild: Ole Jacobsen.

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