Neun Spieltage musste Holstein Kiel auf den ersten Zweitliga-Sieg warten. Das 3:0 gegen Dynamo Dresden war allerdings mehr als nur die dringend benötigte Erlösung. Tim Walter hat seiner Mannschaft in den vergangenen beiden Spielen ein anderes Gesicht gegeben. Weniger Ballbesitz, mehr Pragmatismus, diesmal sogar zwei Spitzen – und plötzlich stehen vier Punkte und zwei Spiele ohne Gegentor. Zufall? Wohl kaum.
Manchmal ist im Fußball weniger tatsächlich mehr. Wochenlang wurde bei Holstein Kiel über gute Phasen, fehlende Belohnung und individuelle Fehler gesprochen. Überzeugung war eines der Lieblingswörter von Tim Walter. Der Trainer wich trotz der ausbleibenden Ergebnisse nicht von seinem grundsätzlichen Weg ab. Bis er ihn doch zumindest ein Stück weit veränderte.
Schon beim 0:0 gegen Tabellenführer Hertha BSC stand Holstein tiefer, verteidigte kompakter, presste dosierter und akzeptierte lange Bälle als Mittel zum Zweck. Gegen Dynamo Dresden folgte nun der nächste Schritt. Und diesmal sogar mit einer echten Überraschung.
Zwei Spitzen – und Kvilitaia wird zum Faktor
Walter schickte Phil Harres und Giorgi Kvilitaia gemeinsam ins Zentrum. Eine Konstellation, die es in dieser Form bislang nicht gegeben hatte. Der Gedanke dahinter war schnell erkennbar: Kvilitaia sollte mit seiner Physis Bälle sichern, Dresden beschäftigen und Räume schaffen. Harres konnte um ihn herum arbeiten. Dazu kamen mit Gyan de Regt und Adrián Kaprálik zwei schnelle Außenspieler, die immer wieder die Seiten tauschten. Das funktionierte.
Kvilitaia belohnte seinen Auftritt bereits nach neun Minuten. Aus halbrechter Position zog der Georgier Richtung Strafraum und traf trocken zur Führung. Später scheiterte er mit einem Kopfball am Pfosten. Überhaupt spielte Holstein eine bemerkenswert erwachsene erste Hälfte. Nicht spektakulär, nicht permanent dominant – aber kontrolliert. Dresden durfte den Ball haben. Kiel entschied, wann gepresst wurde und wann man sich zurückzog. Das permanente hohe Anlaufen früherer Wochen war erneut nicht zu sehen.
Holstein musste leiden – und überstand den entscheidenden Moment
Dass aus dem verdienten Sieg dennoch ein völlig anderes Spiel hätte werden können, gehört zur Wahrheit. Dresden kam nach der Pause deutlich stärker aus der Kabine. Timon Weiner verhinderte zunächst aus kurzer Distanz den Ausgleich. Wenig später brachte David Zec seinen Gegenspieler im Strafraum zu Fall – und das völlig unnötig. Elfmeter.
In den vergangenen Wochen waren es genau solche Situationen, in denen Spiele für Holstein kippten. Diesmal nicht. Weiner hielt den Strafstoß von Niklas Hauptmann fest – und möglicherweise damit weit mehr als nur die 1:0-Führung. „Wir haben uns dieses Quäntchen Glück einfach erarbeitet“, sagte der Kieler Torhüter anschließend. Es war der Wendepunkt.
Therkelsen kommt – und trifft sofort
Dann lief plötzlich vieles so, wie es bei einem Tabellenletzten normalerweise eben nicht läuft. Jonas Therkelsen wurde eingewechselt und traf praktisch unmittelbar danach mit einem abgefälschten Schuss zum 2:0. Später bereitete der Däne auch noch das 3:0 durch Harres vor.
Ausgerechnet an diesem Nachmittag fielen die abgefälschten Bälle für Holstein, Weiner hielt den Elfmeter und ein Joker traf unmittelbar nach seiner Einwechslung. Walter brachte es nach der Partie ziemlich treffend auf den Punkt: „Letztendlich schreibt einfach der Gewinner die Geschichten.“ Wochenlang hatte Holstein Geschichten über vergebene Chancen, Fehler und fehlende Belohnung produziert. Diesmal schrieb Kiel eine andere.
Weniger Walter-Fußball – oder vielleicht gerade mehr?
Besonders interessant bleibt die taktische Entwicklung. Holstein hatte erneut deutlich weniger Ballbesitz, als man es von Walter-Mannschaften gewohnt ist. Gegen Hertha waren es bereits nur 43 Prozent gewesen. Gegen Dresden lag Kiel zeitweise sogar unter 40 Prozent. Walter lässt seine Mannschaft inzwischen Phasen akzeptieren, in denen der Gegner den Ball hat. Er lässt tiefer verteidigen. Und er lässt seine Spieler bewusst lange Bälle auf zwei körperlich starke Angreifer schlagen.
Das ist keine Abkehr von seiner Fußballidee. Aber es ist eine Anpassung an die Situation seiner Mannschaft. Und möglicherweise genau das, was Holstein in den ersten Wochen gefehlt hat. Weiner formulierte es nach dem Spiel ziemlich eindeutig: „Die Basis ist einfach das, was wir heute gegen den Ball auf den Platz gebracht haben.“ Erst Stabilität. Dann Schönheit.
Zwei Spiele, vier Punkte, zweimal zu null
Natürlich wäre es nach einem Sieg viel zu früh, plötzlich die große Wende auszurufen. Auch Walter wollte davon nichts wissen. „Wir sind ja keine Zukunftsforscher“, sagte der Trainer auf die Frage, ob dieser Erfolg nun der Startpunkt für mehr Selbstvertrauen sein könne. Damit hat er recht.
Aber die Zahlen der vergangenen beiden Spiele lassen sich nicht wegdiskutieren: 0:0 gegen Hertha, 3:0 gegen Dresden. Vier Punkte. Kein Gegentor. Und erstmals seit langer Zeit sieht man nicht nur die Idee hinter Holsteins Fußball, sondern auch das Ergebnis.
Vor wenigen Tagen hatte Walter noch gesagt: „Mit einem Spiel kann sich alles verändern.“ Eine Woche später hat Holstein genau dieses Spiel gewonnen. Ob sich wirklich alles verändert hat, werden die kommenden Wochen zeigen. Aber eines hat sich bereits verändert: Holstein Kiel versucht nicht mehr um jeden Preis, Spiele auf die gleiche Art zu gewinnen. Und vielleicht war genau das der erste Schritt, um überhaupt wieder eines zu gewinnen.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.

