
Tim Walter ist zurück – und mit ihm spürbar neue Energie bei Holstein Kiel. Nach dem ersten Training des neuen Cheftrainers sprach Sportvorstand Olaf Rebbe ebenso wie Führungsspieler Jonas Meffert über die Entscheidung für Walter, den Prozess hinter der Entlassung von Marcel Rapp – und über die Hoffnung auf einen echten Neustart.
Rebbe: „Wir haben gehandelt, wie es dazugehört“
Am Ende her ging es schnell. Doch ganz so überhastet, wie es nach außen wirken könnte, war die Entscheidung offenbar nicht. „Wir haben die Entscheidung getroffen und haben dann gehandelt, so wie es dazugehört“, sagte Olaf Rebbe in der Medienrunde. Ziel sei gewesen, „möglichst wenig Zeit dazwischen zu lassen, damit keine große Diskussion oder keine große Blase entsteht“.
Die Gespräche begannen nach der Niederlage in Karlsruhe. „Wir haben uns nach dem Spiel ein bisschen Zeit gelassen, in verschiedenen Runden getagt und dann die Entscheidung getroffen.“ Dass Tim Walter am Ende die Wunschlösung war, machte Rebbe deutlich:
„Es gibt immer mehrere Kandidaten. Aber es gibt den Kandidaten, den man sich wünscht – und wenn der das dann wird, dann freut man sich. Und das ist in dem Fall so.“
Die Rückkehr als Vorteil
Dass Walter bereits 2018/19 in Kiel gearbeitet hat, sieht Rebbe als klaren Pluspunkt. „Es ist immer gut, wenn einer weiß, durch welche Tür er gehen kann, wo er was findet und wo er bekannte Gesichter trifft. Das hilft.“
Entscheidend sei vor allem Walters Persönlichkeit: „Er bringt eine gewisse Klarheit in der Ansprache mit, eine Direktheit, die wir jetzt brauchen. Und er wird den Impuls, den wir uns erhoffen, zu 100 Prozent erfüllen.“
Kein Aktionismus – aber klare Erwartung
Ob die Entscheidung auch Druck von seiner eigenen Person genommen habe, verneinte Rebbe kurz und knapp mit nur einem Wort: „Nein.“
Und auch in Sachen Spielstil wollte er sich nicht festlegen lassen: „Wenn wir über Spielstile reden, müssen wir vorsichtig sein. Jeder Trainer hat ein Repertoire und kann variabel agieren – das kann Tim Walter auch. Wir definieren hier heute keinen Spielstil.“
Fest steht lediglich: Die kommenden elf Spiele stehen im Fokus. „Wir gehen diese Spiele gemeinsam an und wollen möglichst erfolgreich abschneiden. Danach setzen wir uns zusammen und sprechen über die Zukunft.“ Auch die Vertragslaufzeit von Tim Walter ließ er dabei offen.
Der schwierige Moment mit Marcel Rapp
Besonders emotional wurde es beim Thema Marcel Rapp. Rebbe sprach offen über die persönliche Ebene: „Das sind zwei Paar Schuhe – das Inhaltliche und das Menschliche. Inhaltlich kann man kühl bewerten. Das Menschliche ist schwieriger. Ich hatte eine enge Bindung zu Marcel. Es war für mich auch ein schwerer Moment, ihm das mitzuteilen.“
Dennoch bleibe Respekt: „Wir sind beide Profis. Auf der persönlichen Ebene wird da sicherlich eine enge Bindung bleiben.“
Meffert: „Ich bin ein Tim-Walter-Fan“
Während Rebbe strukturiert und sachlich argumentierte, sprach Jonas Meffert deutlich emotionaler – und mit einer klaren Haltung. „Ich habe natürlich eine persönliche Verbindung zu ihm, weil er mich damals hierhergeholt hat, als mich eigentlich keiner mehr haben wollte“, sagte Meffert. „Ich bin ein Tim-Walter-Fan.“
Meffert war Walters Ruf auch nach Hamburg gefolgt – und verriet nun: „Ich wäre ihm auch fast nach England gefolgt.“ Das Vertrauensverhältnis sei außergewöhnlich: „Wenn ich Hilfe brauche, kann ich ihn nachts um drei Uhr anrufen. Das kann ich zu 100 Prozent bestätigen.“
Schuldgefühl – und Aufbruch
Der Tag der Rapp-Entlassung sei hart gewesen. „Das war ein sehr harter Tag für uns, weil wir wissen, dass wir mit dran schuld sind, dass der Trainer gehen musste. Das ist einfach ein scheiß Gefühl.“
Doch nun gelte es, die neue Energie aufzunehmen: „Jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Heute Morgen war Aufbruchsstimmung in der Kabine. Das ist normal bei einem Trainerwechsel – da ändert sich einfach viel.“
Wie schnell greift Walters Fußball?
Tim Walters Spielidee gilt als anspruchsvoll – mit Rotationen, hohem Ballbesitzanteil und intensiver Gegenpressing-Logik. Wie lange dauert es, bis das funktioniert? „Teilweise sah das heute schon sehr gut aus“, sagte Meffert. „Aber entscheidend ist Selbstvertrauen, Klarheit und Überzeugung. Fehler werden passieren – das gehört dazu. Wichtig ist, dass wir mutig bleiben.“
Besonders für Spieler, die zuletzt wenig Einsatzzeit hatten, bringe ein Trainerwechsel neue Dynamik: „Wenn du hinten dran warst und weißt, da kommt ein neuer Trainer, dann hast du automatisch neue Energie. Das ist menschlich.“
Fazit: Klarheit trifft Emotion
Holstein Kiel setzt auf Energie, Direktheit und emotionale Führung. Tim Walter soll nicht nur taktisch, sondern vor allem mental eine Wende einleiten. Die Verantwortlichen sprechen von Klarheit und Impuls. Die Spieler von Aufbruch und Vertrauen.
Ob daraus mehr wird als ein kurzfristiger Effekt, wird sich in den kommenden elf Spielen zeigen. Eines aber ist schon jetzt spürbar: Stillstand ist in Kiel vorbei.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.
