
Holstein hadert nach der nächsten Niederlage mit Chancenverwertung, Konteranfälligkeit und der eigenen Gefühlslage
Auch im dritten Spiel unter Neu-Trainer Tim Walter hat Holstein Kiel nicht gewonnen. Nach dem 2:3 gegen den 1. FC Nürnberg stehen die Störche erneut mit leeren Händen da – obwohl der Auftritt über weite Strecken durchaus Mut machte. Genau diese Mischung aus Frust, Enttäuschung und vorsichtiger Hoffnung war nach Abpfiff auch in der Mixed Zone deutlich zu spüren.
Die Spieler wirkten keineswegs resigniert. Aber sie wussten sehr genau, dass man sich für eine gute Leistung im Abstiegskampf nichts kaufen kann.
Skrzybski bringt es auf den Punkt
Steven Skrzybski, der nach langer Verletzungspause in der 61. Minute zurückkehrte und das Offensivspiel sofort belebte, sprach ausgesprochen offen über das Grundproblem. „Wir müssen die Dinger machen. Ganz platt gesagt“, sagte der Offensivspieler. „Es ist gut, dass wir die Chancen haben, aber wir müssen effektiver werden.“
Damit traf Skrzybski den Kern des Problems. Holstein spielte phasenweise mutig, aktiv und mit deutlich mehr Offensivdrang als noch in vielen Wochen zuvor. Doch erneut fehlte die letzte Konsequenz vor dem Tor. Gerade Skrzybski selbst ärgerte sich über seine große Chance in der Schlussphase, die womöglich das 3:3 hätte bringen können.
Trotzdem wollte er den positiven Eindruck im Spiel nach vorne nicht kleinreden. Einen verpufften Trainereffekt wollte er ausdrücklich nicht erkennen. „Ich glaube nicht, dass der Trainereffekt verpufft ist“, sagte Skrzybski. „Wie wir spielen, das gibt mir schon etwas. Der Trainer kann den Ball nicht über die Linie drücken, das müssen wir alleine machen.“
Meffert spricht von maximaler Bitterkeit
Kapitän Jonas Meffert wirkte nach dem Schlusspfiff ebenfalls schwer enttäuscht, versuchte aber gleichzeitig, die Leistung seiner Mannschaft vom Ergebnis zu trennen. „Es ist extrem bitter heute, weil jeder gespürt hat, dass wir ein gutes Spiel gemacht haben – und trotzdem haben wir 0 Punkte am Ende“, sagte Meffert.
Gerade der Spielverlauf schmerzte sichtbar. Nach dem 0:2 kämpfte sich Holstein stark zurück, glich noch vor der Pause zum 2:2 aus und hatte das Gefühl, die Partie auf seine Seite ziehen zu können. Umso härter traf der dritte Nürnberger Treffer.
Meffert sprach deshalb auch von einem Spiel, in dem Kiel „in allem vielleicht einen Tick besser“ sein müsse – bei der Chancenverwertung, in den kleinen Fehlern, in der Konsequenz. Seine Aussagen klangen dabei fast wie ein Zwischenfazit einer Mannschaft, die weiß, dass sie grundsätzlich mithalten kann, sich aber immer wieder selbst um den Ertrag bringt.
Auffällig war auch, dass Meffert das Wort „Moment“ mehrfach sinngemäß ansprach. Der Eindruck: Bei Holstein ist derzeit nicht alles schlecht, aber vieles läuft im entscheidenden Moment gegen die Mannschaft.
Bernhardsson sieht Fortschritte – und ein klares Problem
Alexander Bernhardsson, der erneut zu den auffälligsten Kielern gehörte, lieferte in der Mixed Zone eine nüchterne und zugleich treffende Analyse. Der schwedische Nationalspieler betonte mehrfach, dass Holstein sich genug Chancen erspielt habe, um das Spiel zu gewinnen.
Kiel habe das Spiel über weite Strecken gut kontrolliert, sich Gelegenheiten herausgespielt und eigentlich genug getan, um mehr mitzunehmen. Aber wer drei Gegentore kassiere, mache sich das Leben eben selbst extrem schwer.
Besonders interessant war, dass Bernhardsson den Zwiespalt zwischen offensiven Fortschritten und defensiven Problemen selbst ansprach. Ja, im Spiel nach vorne habe Kiel Schritte gemacht. Gleichzeitig müsse nun analysiert werden, ob diese offensivere Ausrichtung zulasten der Stabilität gegangen sei.
Die Gefühlslage: nicht gebrochen, aber stark angefressen
Genau darin liegt die eigentliche Gefühlslage bei Holstein Kiel nach diesem 2:3. Die Mannschaft wirkt nicht gebrochen. Sie glaubt offensichtlich weiter an den eigenen Weg unter Tim Walter. Die Spieler reden nicht so, als sei alles verloren. Im Gegenteil: Mehrfach war herauszuhören, dass man die Entwicklung im Offensivspiel erkennt und die Spielidee annimmt.
Aber gleichzeitig ist da ein wachsender Frust. Denn wieder lief das Spiel nach einem bekannten Muster: ordentliche bis gute Phasen, erkennbare Fortschritte, Chancen auf ein Erfolgserlebnis – und am Ende trotzdem keine Punkte. Diese Diskrepanz macht etwas mit einer Mannschaft. Sie kann Mut geben, weil man sieht, dass etwas entsteht. Sie kann aber auch zermürben, wenn der Lohn dauerhaft ausbleibt.
Skrzybski formulierte genau dieses Spannungsfeld sehr treffend. Die Art und Weise sei in Ordnung, aber am Ende müsse man sich dafür eben auch belohnen. Und Meffert machte klar, dass ein „gutes Spiel“ in der aktuellen Situation eben nicht reicht.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.
