Der FC St. Pauli muss sich aus der 1. Bundesliga verabschieden. Nach einer emotionalen, dramatischen und über weite Strecken nervenaufreibenden Partie unterlagen die Kiezkicker dem VfL Wolfsburg am letzten Spieltag mit 1:3 und müssen nach nur einer Saison wieder den Gang ins Unterhaus antreten. Wolfsburg rettete sich dagegen zumindest in die Relegation. Und trotz aller Enttäuschung blieb am Ende vor allem eines hängen: Respekt vor diesem Verein und diesen Fans.
Nervöser Beginn im ausverkauften Millerntor
Schon lange vor dem Anpfiff war die besondere Atmosphäre rund ums Millerntor spürbar. Beim Warmmachen hatte es noch geregnet, pünktlich zum Spielbeginn verzogen sich jedoch die dunklen Wolken über Hamburg. Blauer Himmel, etwas Sonne – fast wirkte es wie ein gutes Omen. Im Stadion selbst herrschte von Beginn an eine elektrisierende Stimmung. Beide Fanlager sangen lautstark, dazu Pyrotechnik und vereinzelte Böller – aber insgesamt blieb alles friedlich.
Auf dem Rasen dagegen dominierte zunächst die Angst vor dem Fehler. Die ersten knapp zwanzig Minuten verliefen nahezu ohne Torchance. Beide Teams wussten: Ein Fehler könnte den Abstieg bedeuten.
Wilde Minuten bringen plötzlich Feuer ins Spiel
Dann explodierte die Partie innerhalb weniger Augenblicke. In der 22. Minute krachte ein Abschluss von St. Paulis Fujita an die Unterkante der Latte und sprang wieder heraus. Direkt im Gegenzug lief Daghim plötzlich alleine auf das Tor der Hamburger zu, doch Keeper Nikola Vasilj rettete stark. Nur wenige Sekunden später erneut Gefahr nach einer Wolfsburger Ecke – diesmal rettete Aluminium für die Gastgeber. Jetzt war endgültig Feuer drin. Wolfsburg wurde stärker, kam durch Daghim und Eriksen zu weiteren Chancen, doch Vasilj hielt seine Mannschaft zunächst noch im Spiel. St. Pauli hatte seinerseits Pech, als Wolfsburg in höchster Not auf der Linie klärte.
Standard bringt Wolfsburg auf Relegationskurs
In der 38. Minute fiel dann der erste Wirkungstreffer des Tages. Nach einer Ecke köpfte Konstantinos Koulierakis zum 0:1 für die Gäste ein. Der Schock war spürbar. Und doch hatte St. Pauli kurz vor der Pause die riesige Chance zum Ausgleich. Kaars setzte sich stark auf der rechten Seite durch und legte flach in die Mitte. Dort musste Hountondji eigentlich nur noch den Fuß hinhalten, traf den Ball aber nicht richtig. VfL-Keeper Kamil Grabara konnte problemlos aufnehmen. Alexander Blessin schlug an der Seitenlinie verzweifelt die Hände vors Gesicht. Diese Chance fiel klar in die Kategorie „den musst du machen“.
Zur Halbzeit war klar: Heidenheim lag ebenfalls zurück. Wolfsburg stand damit aktuell auf dem Relegationsplatz, während St. Pauli und Heidenheim direkt abgestiegen wären. Für die Kiezkicker bedeutete das: Zwei Tore mussten her.
Ceesay lässt das Millerntor kurz hoffen
Nach dem Seitenwechsel gehörte die erste Chance zwar Wolfsburg, doch dann explodierte das Millerntor in der 57. Minute. Nach einer Ecke stieg Abdoulie Ceesay am höchsten und drückte den Ball zum 1:1 über die Linie. Plötzlich war wieder Hoffnung da. Die Fans peitschten ihre Mannschaft nach vorne. Das Stadion lebte. Doch nur sieben Minuten später der nächste Rückschlag.
Eigentor als bitterer Knackpunkt
Wieder war es eine Ecke, wieder bekam St. Pauli die Situation nicht sauber verteidigt. Diesmal bugsierte Torhüter Vasilj den Ball unglücklich selbst ins eigene Tor zum 1:2. Der VAR überprüfte die Szene noch einmal, Schiedsrichter Daniel Siebert schaute sich die Bilder selbst an – doch der Treffer zählte. Es war der Moment, der St. Pauli endgültig das Genick brach.
Kurz danach wurde es noch dramatischer: Nach einem Handspiel entschied Siebert nach Videostudium auf Elfmeter für Wolfsburg. Christian Eriksen trat an – und schoss den Ball tatsächlich über das Tor inklusive Lattenberührung. Das Millerntor lebte wieder. Kurzzeitig.
Pejcinovic macht alles klar
Die Hoffnung hielt jedoch nur wenige Minuten. In der 80. Minute traf Dzenan Pejcinovic zum 1:3 und sorgte endgültig für die Entscheidung. Während der Wolfsburger Block feierte und Rauchschwaden aufzogen, wurde es im restlichen Stadion still. Und doch geschah anschließend etwas Bemerkenswertes.
Große Emotionen trotz des Abstiegs
Denn anstatt Pfiffe oder Wut zu erleben, sang der St.-Pauli-Anhang weiter. Die Fans hielten ihre Schals hoch, skandierten Vereinslieder und unterstützten ihre Mannschaft bis zum Schluss. Eine beeindruckende Szene. Auch Hauke Wahl rang nach dem Spiel sichtbar mit den Emotionen. „Die Fans haben einfach einen unfassbaren Job gemacht, nicht nur in den letzten drei Jahren, sondern speziell auch diese Saison“, sagte der Innenverteidiger. Besonders ein Lied habe ihn emotional getroffen: „Als ich dann noch Thees Uhlmann gehört habe, hat mich das gepackt. Vor zwei Jahren haben wir dasselbe Lied vorne auf der Reeperbahn gesungen. Jetzt ist es ein ganz anderer Moment.“
Wahl analysierte die Niederlage ehrlich: „26 Punkte sind in der Bundesliga einfach zu wenig. Da brauchen wir uns nicht hinstellen und von Pech reden.“
Wolfsburg lebt – St. Pauli muss neu anfangen
Für Wolfsburg geht die Saison nun in der Relegation weiter. Trainer-Routinier Dieter Hecking schaffte es tatsächlich noch, die Niedersachsen vor dem direkten Absturz zu retten. St. Pauli dagegen muss die Bundesliga verlassen und in der 2. Liga wieder neu anfangen. Doch dieser Nachmittag zeigte auch: Dieser Verein hält auch in schlechten Zeiten zusammen.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.
