Drei Spiele, null Punkte, 0:12 Tore: Der Hamburger SV ist nach seinem Bundesliga-Comeback am Tabellenende angekommen. Niederlagen in Dortmund und Leipzig können passieren. Zwei 0:5-Klatschen innerhalb einer Woche aber nicht einfach abgehakt werden. Die Probleme liegen vorne wie hinten – und ausgerechnet jetzt läuft Merlin Polzin die Zeit davon, die vielen neuen Teile zu einer funktionierenden Mannschaft zusammenzufügen.
Es ist eine Bilanz, die sich kaum relativieren lässt. Drei Bundesliga-Spiele hat der HSV absolviert, dreimal verloren und noch kein einziges Tor erzielt. Zwölf Gegentreffer stehen auf der anderen Seite.
Natürlich gehört zur Wahrheit, dass die Hamburger bereits bei Borussia Dortmund und RB Leipzig antreten mussten. Spiele, in denen die Hanseaten nicht als Favorit anreisen. Doch zwischen diesen beiden Auswärtsaufgaben lag das 0:5 gegen Mainz im eigenen Volksparkstadion. Und spätestens nach dem erneuten 0:5 in Leipzig kann die Diskussion nicht mehr allein über die Stärke der Gegner geführt werden.
Der HSV hat ein Problem. Eigentlich sogar zwei: Vorne trifft er nicht – und hinten macht er es seinen Gegnern viel zu einfach.
Zwölf Gegentore – zu viele davon selbst eingeleitet
Besonders beunruhigend ist weniger die nackte Zahl von zwölf Gegentoren als deren Entstehung. Auch in Leipzig brachte sich der HSV selbst in Schwierigkeiten. Vor dem 0:2 verlor Shafiq Nandja nach einem Zuspiel von Daniel Heuer Fernandes den Ball im Aufbau, Leipzig bestrafte den Fehler unmittelbar. Es sind genau diese Situationen, die sich durch den Saisonstart ziehen: Ballverluste und Fehlentscheidungen in Bereichen, in denen sich eine Bundesligamannschaft kaum Fehler erlauben darf.
Kapitän Nicolai Remberg, der gegen Mainz einen Treffer selbst verschuldete bringt es nach der Partie auf den Punkt: „Wir haben uns wieder ein paar Tore selbst reingehauen. Das waren zu viele individuelle Fehler, um etwas mitzunehmen.“ Auch Sportdirektor Claus Costa sieht neben gruppen- und mannschaftstaktischen Problemen ausdrücklich individuelle Fehler als Ursache. Das ist entscheidend. Denn eine Mannschaft, die ohnehin noch nach ihren Abläufen sucht, kann nicht zusätzlich regelmäßig selbst die besten Chancen für den Gegner vorbereiten.
Die Lücke von Luka Vuskovic ist bislang nicht geschlossen
Ein Teil der defensiven Probleme war zumindest absehbar. Mit Luka Vuskovic verlor der HSV nach der vergangenen Saison einen Innenverteidiger, dessen Qualität sich nicht einfach ersetzen lässt. Bislang ist es Hamburg nicht gelungen, diese Lücke gleichwertig zu schließen – die Transferperiode wurde vorwiegend für andere Positionen genutzt und der zuletzt fehlende Sebastian Bornauw kann den hochkarätigen Abgang nicht alleine kompensieren. Die vorhandenen Lösungen wirken noch nicht stabil genug. Gerade unter gegnerischem Druck fehlt im Aufbau Sicherheit, gleichzeitig produziert die Defensive zu viele Fehler. Für einen Aufsteiger ist das eine gefährliche Kombination.
Denn der HSV wird in der Bundesliga nicht jede Woche mehr Qualität als sein Gegner auf den Platz bringen können. Umso wichtiger wären defensive Stabilität, klare Abläufe und die Fähigkeit, auch einmal ein enges Spiel über Widerstandsfähigkeit zu gewinnen. Davon ist Hamburg derzeit weit entfernt.
Viele Transfers – aber noch keine Mannschaft
Dabei ist der Kader keineswegs ohne Qualität. Das Problem liegt möglicherweise weniger darin, wen der HSV verpflichtet hat, sondern wann ein Teil der Verstärkungen gekommen ist. Einige wichtige Transfers wurden sehr spät vollzogen. David Möller Wolfe und Zakaria El Ouahdi kamen erst unmittelbar vor dem Ende der Transferperiode. Nun sollen sie auf den Außenbahnen beziehungsweise Schienen sofort in einer Mannschaft funktionieren, deren Abläufe selbst noch nicht gefestigt sind.
Zuletzt erhielten beide den Vorzug vor Bakery Jatta und Louis Lemke. Gerade Lemke hatte in der Vorbereitung überzeugt. Ob die individuell möglicherweise höher eingeschätzte Qualität der Neuzugänge momentan tatsächlich wertvoller ist als Eingespieltheit, darf zumindest diskutiert werden.
Auch Polzin hat vor dem Leipzig-Spiel selbst darauf hingewiesen, dass bislang nur wenige seiner Spieler bereits gemeinsam für den HSV auf dem Platz gestanden haben. Das soll keine Ausrede sein. Es ist aber eine Erklärung. Fußball funktioniert nicht wie ein Computerspiel, bei dem ein Spieler mit einer höheren Bewertung automatisch die Mannschaft verbessert. Laufwege müssen verstanden, Abstände verinnerlicht und Entscheidungen des Nebenmannes antizipiert werden. Dafür braucht es Zeit.
Genau diese Zeit hat der HSV kaum
Und damit landet man beim vielleicht größten Problem dieses Saisonstarts. Wie viel Zeit bekommt Merlin Polzin? Nach drei Spieltagen eine Trainerdiskussion zu eröffnen, wäre Aktionismus. Polzin hat den HSV zurück in die Bundesliga geführt und sich damit Vertrauen erarbeitet. Zudem ist durchaus erkennbar, dass der Auftritt in Leipzig zumindest phasenweise besser war als die desolate Vorstellung gegen Mainz.
Nur: Die Bundesliga wartet nicht darauf, bis eine Mannschaft fertig entwickelt ist. Polzin kann völlig zu Recht einen Prozess einfordern. Die Tabelle kennt allerdings keine Prozesse. Sie kennt Punkte und Tore. Und dort stehen momentan null Punkte und 0:12 Tore.
Wann beginnt die Offensive zu funktionieren?
Fast ebenso bedenklich wie die zwölf Gegentreffer ist deshalb die Null auf der anderen Seite. Der HSV hat in 270 Bundesliga-Minuten noch nicht getroffen. In Leipzig gab es nach der Pause durchaus bessere Phasen. Terem Moffi brachte nach seiner Einwechslung mehr Gefahr und Hamburg kam zu Möglichkeiten. Aber auch daraus entstand kein Tor.
Fabio Vieira könnte dabei eine immer wichtigere Rolle zukommen. Seine individuelle Qualität ist offensichtlich, trotzdem kam er zuletzt zunächst von der Bank. Irgendwann stellt sich die Frage, ob der HSV in seiner derzeitigen Situation überhaupt darauf verzichten kann, einen seiner kreativsten Fußballer von Beginn an einzusetzen. Gerade gegen Köln wird Polzin entscheiden müssen, ob weiterhin Fitnesszustand und Belastungssteuerung überwiegen – oder ob der sportliche Druck inzwischen eine andere Gewichtung verlangt.
Mario Vuskovic kann nicht sofort der Retter sein
Und dann ist da noch Mario Vuskovic. Seine Rückkehr ist emotional eine große Geschichte für den HSV. Sportlich wäre es allerdings gefährlich, daraus bereits die Lösung der Defensivprobleme abzuleiten. Vuskovic hat nach seiner langen Sperre über Jahre keinen Pflichtspielfußball auf diesem Niveau bestritten. Training lässt sich nicht mit Bundesliga-Wettkampf vergleichen. Niemand kann seriös wissen, wie schnell er wieder das Niveau erreicht, das ihn einst auszeichnete.
Vielleicht schafft er es überraschend schnell. Vielleicht benötigt er Monate. Vielleicht erreicht er sein früheres Niveau zunächst überhaupt nicht. Deshalb darf die Antwort auf zwölf Gegentore nicht lauten: Bald kommt Vuskovic zurück. Er kann ein wichtiger Baustein werden. Der Heilsbringer für eine aktuell verunsicherte Bundesliga-Defensive darf er nicht sein müssen.
Köln wird zum ersten echten Druckspiel
Und so bekommt bereits der vierte Spieltag eine enorme Bedeutung. Der 1. FC Köln kommt in den Volkspark. Danach folgt die Länderspielpause. Niemand muss nach drei Niederlagen den Abstieg ausrufen. Aber der HSV muss verhindern, dass aus einem Fehlstart frühzeitig ein echtes Tabellenproblem entsteht. Denn irgendwann reicht es nicht mehr, darauf hinzuweisen, dass die Mannschaft Zeit benötigt und Fortschritte macht.
Remberg sagt nach Leipzig: „Wir werden uns aus dieser Situation herauskämpfen.“ Daniel Heuer Fernandes formuliert es noch ernüchternder: „Die Herangehensweise war ein deutlicher Unterschied, aber das Ergebnis ist das Gleiche.“ Genau darin steckt derzeit das Dilemma. Der HSV kann in einzelnen Phasen besser aussehen als gegen Mainz. Er kann aggressiver anlaufen, mehr Energie entwickeln und offensiv gefährlicher werden. Wenn am Ende wieder fünf Gegentore und kein eigenes Tor stehen, hilft die Verbesserung nur begrenzt.
Gegen Köln braucht der HSV deshalb nicht zwingend Schönheit. Er braucht Stabilität. Er braucht weniger individuelle Fehler. Er braucht Spieler, die miteinander funktionieren. Und vor allem braucht er endlich etwas, das nach drei Spieltagen noch vollständig fehlt: ein Erfolgserlebnis. Denn 0:12 Tore nach drei Spielen sind ein Fehlstart. Wenn der HSV nicht bald punktet, wird daraus eine Krise.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.
