Kommentar: Holstein Kiel wartet weiter auf den ersten Saisonsieg. Trotzdem hält Tim Walter unbeirrt an seiner Spielidee fest. Das kann man für stur halten. Nach rund 30 Jahren als Trainer im Amateurfußball kann ich allerdings gut nachvollziehen, warum er seinen Weg nicht einfach verlässt. Denn eine Spielidee entscheidet nicht nur darüber, wie eine Mannschaft Fußball spielt – sondern auch darüber, wie sie sich entwickelt und ob sie sich mit ihrem Fußball identifizieren kann.
Von Ole Jacobsen
„Wir hadern mit dem Ergebnis, aber nicht mit der Art und Weise.“ Dieser Satz von Tim Walter nach dem 1:1 gegen den VfL Osnabrück beschreibt ziemlich genau die aktuelle Diskussion rund um Holstein Kiel. Wieder nicht gewonnen. Wieder Möglichkeiten liegen gelassen. Wieder Punkte verloren. Und trotzdem hält der Trainer an seinem Fußball fest.
Ich kann verstehen, warum. Ich war selbst rund 30 Jahre Trainer im Amateurfußball. Und ich habe mich schon während Walters Zeit beim Hamburger SV intensiv mit seiner Art Fußball spielen zu lassen beschäftigt. Ich habe mir Trainingsinhalte und Spielprinzipien angeschaut und einiges davon für meine eigenen Mannschaften übernommen. Nicht, weil ich Tim Walters Fußball für den einzig richtigen halte, sondern weil ich selbst erlebt habe, was diese Art Fußball mit Spielern machen kann.
Wenn jeder Fußball spielen darf
Walters Idee beginnt für mich bei einem ziemlich einfachen Gedanken: Jeder Spieler soll am Fußball teilnehmen. Der Torwart ist Teil des Spielaufbaus. Der Innenverteidiger soll nicht nur verteidigen, sondern Lösungen mit dem Ball finden. Außenverteidiger dürfen ins Zentrum rücken. Positionen werden nicht als starre Kästchen verstanden. Jeder soll Räume erkennen, Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen.
Für einen Spieler kann das unglaublich reizvoll sein. Und aus meiner Erfahrung kann er dabei enorm viel lernen. Natürlich kann ich einen Innenverteidiger auch so ausbilden, dass er in erster Linie seinen Strafraum verteidigt, Zweikämpfe gewinnt und nach einem Ballgewinn möglichst wenig Risiko eingeht. Damit kann ich sogar sehr erfolgreich sein. Aber ich stelle ihn vor weniger unterschiedliche fußballerische Probleme.
Wenn derselbe Spieler plötzlich unter Druck aufbauen, mit Ball ins Mittelfeld vorrücken, Überzahl schaffen und selbst erkennen soll, wann er seine Position verlassen darf, muss er permanent Entscheidungen treffen. Dabei wird er Fehler machen. Aber er wird auch lernen.
Dieser Fußball hat einen Preis
Genau hier beginnt allerdings die andere Seite der Geschichte. Dieser Fußball ist kompliziert. Und er ist nicht zwangsläufig der kurzfristig effektivste Weg, um ein Spiel zu gewinnen. Das hat das 1:1 gegen Osnabrück hervorragend gezeigt. VfL-Trainer Timo Schultz beschrieb Holstein anschließend als dominante Ballbesitzmannschaft, die versucht, sich über diesen Weg Chancen herauszuspielen. Und er fügte einen bemerkenswerten Satz hinzu: „Das ist definitiv komplizierter und schwieriger.“ Seine eigene Mannschaft wählte einen anderen Ansatz. Kompakt stehen, Räume schließen und nach Ballgewinnen zielstrebig umschalten.
Auch das ist Fußball. Und dieser Fußball kann verdammt effektiv sein.
Nicht jede Torchance ist gleich
Wenn ich gegen eine tiefstehende Mannschaft angreife, muss ich mir Räume erarbeiten. Vielleicht brauche ich zehn, 15 oder 20 Pässe, bis sich eine Lücke öffnet. Und selbst dann entsteht daraus nicht automatisch eine hundertprozentige Torchance. Ein Abschluss aus spitzem Winkel, ein Verteidiger noch dazwischen, ein Schuss unter Druck – Möglichkeiten ja, Tore nicht zwangsläufig.
Die tiefstehende Mannschaft benötigt mitunter nur einen einzigen Ballverlust des Gegners. Plötzlich ist Raum da. Zwei oder drei schnelle Pässe, die gegnerische Restverteidigung ist noch nicht sortiert und aus einer eigentlich defensiven Spielweise entsteht möglicherweise die klarere Torchance.
Genau dieses Risiko kauft man sich mit einem offensiven Ballbesitzfußball ein. Und deshalb kann eine Mannschaft das Gefühl haben, ein Spiel weitgehend kontrolliert zu haben – und es trotzdem verlieren.
Trotzdem muss eine Mannschaft irgendwann Fußball spielen können
Das bedeutet für mich aber nicht, dass die einfachere Lösung automatisch die bessere ist. Ich habe als Trainer selbst Mannschaften sehr defensiv spielen lassen, weil ich das Gefühl hatte, dass das Spielermaterial nur dieses zulässt. Tief stehen, verteidigen, umschalten. Und es war erfolgreich.
Nur hat mir dieser Fußball irgendwann selbst keinen Spaß mehr gemacht – ich fand es zu anspruchslos. Das mag für einen Trainer zunächst merkwürdig klingen. Schließlich geht es ums Gewinnen. Aber auch ein Trainer möchte sich mit dem identifizieren können, was seine Mannschaft auf dem Platz macht. Und spätestens wenn eine Mannschaft selbst das Spiel machen muss, braucht sie ohnehin mehr.
Was passiert, wenn der Gegner nicht angreift? Wenn er mir freiwillig den Ball überlässt? Wenn plötzlich ich der Favorit bin und zehn gegnerische Spieler hinter dem Ball stehen? Dann muss ich Lösungen besitzen. Einen tiefstehenden Gegner auseinanderzuspielen, Räume zu öffnen und trotzdem gegen mögliche Ballverluste abgesichert zu sein, ist für mich eine der Königsdisziplinen des Fußballs. Genau dafür müssen Spieler ausgebildet werden.
Spieler müssen an ihren Fußball glauben
Dabei gibt es aus meiner Erfahrung noch einen Punkt, der in taktischen Diskussionen häufig unterschätzt wird: Eine Mannschaft muss sich mit ihrem eigenen Fußball identifizieren können. Und ein Spieler sollte sich mit seiner Rolle innerhalb dieses Fußballs identifizieren können. Gegen die eigene Überzeugung zu spielen, ist unglaublich schwierig.
Wenn ich einem offensiv denkenden Spieler Woche für Woche hauptsächlich erkläre, welche Räume er schließen und welche Risiken er vermeiden soll, kann das funktionieren. Aber vielleicht nehme ich ihm damit genau das, was ihn eigentlich stark macht. Umgekehrt hilft es ungemein, wenn ein Spieler seine Aufgabe versteht und denkt: Genau das will ich spielen. Dann entsteht Überzeugung.
Und Fußball funktioniert auch über Emotionen. Wer Spaß an seiner Aufgabe hat, tritt häufig selbstbewusster auf. Wer selbstbewusst spielt, trifft eher mutige Entscheidungen. Kommt dann Erfolg hinzu, wächst das Vertrauen in die gemeinsame Idee weiter. Spaß kann Erfolg fördern – und Erfolg wiederum den Spaß. Nur funktioniert dieser Kreislauf leider auch andersherum.
Was passiert, wenn die Ergebnisse ausbleiben?
Genau dort wird es für Holstein jetzt interessant. Bleiben Ergebnisse dauerhaft aus, kann aus Überzeugung irgendwann Zweifel werden: Der riskante Pass, den ein Spieler vorher selbstverständlich gespielt hat, wird plötzlich noch einmal überdacht. Der Innenverteidiger rückt vielleicht nicht mehr entschlossen ins Mittelfeld. Ein Spieler bietet sich nicht mehr ganz so selbstverständlich unter Druck an. Und gerade ein Fußball wie der von Walter benötigt Mut.
Deshalb fand ich eine Aussage von Timon Weiner nach dem Osnabrück-Spiel besonders bemerkenswert: „Wie wir Fußball spielen, da stehen wir alle dahinter.“ Das ist momentan vielleicht wichtiger als manche taktische Detailfrage. Denn solange die Spieler Walters Fußball nicht nur spielen müssen, sondern ihn spielen wollen, besitzt der Trainer etwas ausgesprochen Wertvolles. Er hat die Mannschaft offenbar noch von seiner Idee überzeugt.
Und dann kommt der Profifußball
An dieser Stelle endet allerdings auch der Vergleich mit meinen eigenen Erfahrungen. Ich war Amateurtrainer. Und das ist ein gewaltiger Unterschied. Im Amateurfußball konnte ich einen Entwicklungsprozess beginnen und sagen: Wir ziehen das jetzt durch. Wir wollen in einem halben Jahr weiter sein als heute. Vielleicht dauert es sogar eine Saison – oder länger.
Natürlich wollte auch ich Spiele gewinnen. Aber von einem Ergebnis hing nicht die wirtschaftliche Zukunft eines Unternehmens ab. Im Profifußball geht es um Arbeitsplätze, Fernsehgelder, Verträge und Millionen. Und ein Trainer bekommt möglicherweise nicht die Zeit, die seine Idee benötigt. Das ist für mich die eigentliche Crux der derzeitigen Situation bei Holstein Kiel.
Walter wettet auf Entwicklung
Ich glaube nicht, dass Walter die Probleme seiner Mannschaft nicht sieht. Im Gegenteil. Er spricht selbst über fehlende Konsequenz in beiden Strafräumen, falsche Entscheidungen und Fehler. Nach Osnabrück sagte er: „Wir müssen es noch mehr erzwingen. Wir müssen noch härter dafür arbeiten.“ Aber seine Konsequenz daraus lautet eben nicht: Wir verändern unseren Fußball. Seine Konsequenz lautet: Wir müssen unseren Fußball besser spielen. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Walter wettet darauf, dass Wiederholung zu Sicherheit führt. Dass junge Spieler aus Fehlern lernen. Dass Abläufe selbstverständlicher werden. Dass Entscheidungen besser werden. Und dass aus spielerischer Entwicklung irgendwann Ergebnisse entstehen. Diese Wette kann aufgehen. Sie kann im Profifußball aber auch zu spät aufgehen.
Deshalb kann ich Walter verstehen
Ob Tim Walters Weg bei Holstein Kiel der richtige ist, möchte ich gar nicht entscheiden. Vielleicht wäre ein pragmatischerer Ansatz momentan erfolgreicher. Vielleicht würde er kurzfristig mehr Punkte bringen. Vielleicht würde Holstein dadurch aber auch etwas aufgeben, das langfristig wertvoll werden kann. Das muss jeder für sich bewerten.
Nach meinen eigenen Erfahrungen als Trainer kann ich aber sehr gut nachvollziehen, warum Walter seinen Weg verteidigt. Er lässt einen Fußball spielen, der Spieler fordert. Der sie entwickeln kann. Der ihnen Verantwortung gibt. Und offenbar einen Fußball, mit dem sich seine Mannschaft weiterhin identifiziert. Das ist viel wert.
Nur eine Sache kann selbst die größte Überzeugung im Profifußball nicht dauerhaft ersetzen: Ergebnisse.
Und deshalb liegt die Wahrheit über Tim Walters Weg vermutlich weder in der Frage, ob er schön noch ob er stur ist. Die entscheidende Frage lautet: Bekommt Holstein Kiel genügend Zeit, bis aus Entwicklung auch Erfolg wird?
Kommentar und Bild: Ole Jacobsen.

