Holstein Kiel wartet weiter auf den ersten Saisonsieg. Trainer Tim Walter denkt dennoch nicht daran, von seiner Spielidee abzurücken. Vor dem Auswärtsspiel bei Eintracht Braunschweig verteidigt er den eingeschlagenen Weg, verweist auf starke statistische Werte – und fordert vor allem mehr Konsequenz in den entscheidenden Situationen.
Sechs Spiele, noch kein Sieg – und trotzdem ein „richtig guter Weg“?
Was auf den ersten Blick widersprüchlich klingt, beschreibt ziemlich genau die Sichtweise von Tim Walter auf die aktuelle Situation bei Holstein Kiel. Nach der langen Länderspielpause machte der Trainer der Störche deutlich, dass die bisherige Punkteausbeute für ihn kein Grund ist, die grundsätzliche Ausrichtung infrage zu stellen. „Wir sind eigentlich auf einem richtig guten Weg. Wir müssen uns einfach jetzt selber mal dafür belohnen“, erklärte Walter am Mittwoch. Das Problem: Auf diese Belohnung wartet Holstein bislang vergeblich.
Zahlen geben Walter Argumente
Walter begründet seinen Optimismus nicht allein mit seinem Eindruck. Holstein lasse nach seinen Angaben ligaweit die wenigsten gegnerischen Abschlüsse zu. Gleichzeitig sieht er Defizite in entscheidenden Bereichen: im Gegenpressing müssten die Duelle konsequenter gewonnen werden, offensiv fehle es beim Eintritt in den Strafraum, beim ersten Kontakt und bei der Verwertung der zahlreichen Flanken.
Damit bleibt die Kieler Geschichte eine ungewöhnliche: Vieles von dem, was zwischen den Strafräumen passiert, bewertet der Trainer positiv. Was am Ende auf der Anzeigetafel steht, dagegen nicht. Auch den zunehmenden Druck aufgrund des fehlenden Sieges lässt Walter kaum an sich heran. „Wir wollen spielen, wir wollen weiterkommen, wir wollen uns weiterentwickeln, wir wollen Spiele gewinnen“, sagt er. Den Druck mache sich die Mannschaft vor allem selbst, weil sie gewinnen wolle.
Zurück zu mehr Pragmatismus? Walter sagt Nein
Besonders interessant wurde die Pressekonferenz bei der Frage, ob Holstein angesichts der Ergebnisse möglicherweise einen Schritt zurückgehen und zunächst pragmatischer spielen müsse. Walter hatte nach seiner Rückkehr nach Kiel in der vergangenen Saison zunächst Wert auf Stabilität und Ergebnisse gelegt. Diesmal sieht er dafür keinen Anlass. „Es geht darum, langfristig im Klub zu arbeiten, langfristig was zu implementieren. Und die Jungs sind auf einem guten Weg. Da geht es gar nicht darum, pragmatischer zu sein.“
Der Ansatz bleibe Ballbesitz. Ebenso wichtig sei es, nach Ballverlusten möglichst schnell wieder Zugriff zu bekommen. Walter verweist darauf, dass seine Mannschaft die Bälle sehr schnell zurückerobere – allerdings müsse sie die entscheidenden Duelle im Gegenpressing anschließend auch gewinnen. Noch grundsätzlicher formuliert er es wenig später: „Wir haben unseren Ansatz. Der Verein hat seinen Ansatz, darum haben sie mich gewählt.“
Es ist ein bemerkenswerter Satz in der aktuellen Situation. Walter macht damit deutlich: Die Kieler Spielweise ist für ihn nicht bloß eine taktische Variante, die nach sechs sieglosen Spielen ausgetauscht wird. Sie ist Teil eines längerfristigen Plans.
Nicht weniger Risiko – sondern bessere Entscheidungen
Das bedeutet allerdings nicht, dass Walter mit allem zufrieden ist. Schon Torhüter Timon Weiner hatte am Vortag davon gesprochen, dass Holstein in bestimmten defensiven Situationen cleverer und notfalls auch pragmatischer agieren müsse. Walter widerspricht dem nicht grundsätzlich – interpretiert die Frage allerdings anders. Für ihn geht es weniger um kurz oder lang, spielerisch oder pragmatisch. Entscheidend sei, dass der Spieler die jeweilige Situation richtig erkenne. „Am Ende geht es darum, die richtige Entscheidung zu treffen.“
Der Trainer gibt seinen Spielern verschiedene Möglichkeiten vor. Ob der Torwart anschließend kurz eröffnet oder einen langen Ball wählt, müsse die Situation bestimmen. „Es geht um Entscheidungsfindung und da müssen die Jungs zulegen.“ Bemerkenswert ist dabei Walters Bewertung des Kieler Aufbauspiels: „Wenn ich sehe, wie die Jungs das machen, ist es grandios, ist top.“ Dass dabei Fehler passieren, nimmt er bewusst in Kauf. Schließlich würden auch bei langen Bällen zahlreiche Aktionen misslingen.
„Warum sollten wir davon abweichen?“
Genau hier liegt Walters zentrale Botschaft nach der Länderspielpause. Der Trainer sieht keine Krise der Spielidee. Er sieht vielmehr eine Mannschaft, die seinen Fußball bereits in vielen Bereichen umsetzt, sich dafür aber noch nicht ausreichend belohnt. „Warum sollten wir davon abweichen, wenn man sieht, wie gut die Jungs das eigentlich schon machen?“, fragt Walter.
Ob dieser Optimismus durch die Ergebnisse bestätigt wird, entscheidet sich nun wieder auf dem Platz. Mit Eintracht Braunschweig wartet ein Gegner, der ebenfalls keinen zufriedenstellenden Saisonstart hingelegt hat und nach Walters Einschätzung besonders über Intensität, Umschaltmomente und Geschwindigkeit gefährlich werden kann. Holstein benötige deshalb eine gute Restverteidigung und müsse vor allem „in beiden Boxen kompromisslos“ auftreten.
Für Walter selbst gibt es ohnehin keinen Zweifel an seiner Mannschaft: „Ich weiß, dass die Jungs Spiele gewinnen können.“ Er sehe täglich, wie hart und intensiv sie arbeiteten. Jetzt fehlt nur noch der Beweis, der im Fußball letztlich am meisten zählt: ein Sieg.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.

