Louis Lemke ist gerade einmal 17 Jahre alt – und stand gegen den VfB Stuttgart bereits zum dritten Mal in dieser Bundesliga-Saison in der Startelf. Nach anfänglichen Problemen lieferte der U19-Nationalspieler gegen einen hochkarätigen Gegenspieler eine starke Vorstellung ab. Gefeiert wurde der 1:0-Sieg anschließend ziemlich altersgerecht: zu Hause an der Konsole. Nur sich selbst kann Lemke dort noch nicht aufstellen.

Manchmal reicht eine Antwort, um sich wieder vor Augen zu führen, wie außergewöhnlich die Geschichte von Louis Lemke eigentlich ist. Wie feiert ein Bundesliga-Profi einen 1:0-Sieg gegen den VfB Stuttgart? „Ich gehe nach Hause und spiele noch ein bisschen FIFA heute Abend.“ Ganz normal also. Nur ist bei Lemke derzeit eben kaum etwas normal. Der Außenbahnspieler des Hamburger SV ist in diesem Monat gerade einmal 17 Jahre alt geworden, gehört noch zum U19-Alter – und stand gegen den Champions-League-Teilnehmer bereits zum dritten Mal in dieser Bundesliga-Saison in der Startformation.
Polzin schenkt dem 17-Jährigen erneut das Vertrauen
Trainer Merlin Polzin setzte Lemke im Volkspark erneut auf der linken Außenbahn ein. Dabei mangelt es dem HSV dort keineswegs an Alternativen. Mit Miro Muheim und David Møller Wolfe standen zwei weitere Spieler für die linke Seite ebenfalls in der Anfangsformation. Dass trotzdem wieder Platz für den Teenager war, weiß Lemke einzuordnen. „Das ist natürlich auch von den Trainern nicht selbstverständlich. Das weiß ich auch sehr zu schätzen.“
Seine Herangehensweise klingt dabei bemerkenswert unkompliziert. „Ich probiere einfach, wenn ich spiele, Gas zu geben. Und am Ende ist es egal. Am Ende sind es auch nur Fußballspieler.“ Ein Satz, der ziemlich gut zu seinem Auftritt gegen Stuttgart passt.
Erst Probleme – dann immer stärker
Denn einfach war seine Aufgabe keineswegs. Lemke benötigte zunächst einige Minuten, um sich auf seinen Gegenspieler Bilal El Khannouss und das Niveau der Partie einzustellen. Das räumte er anschließend selbst ein. „Ich musste erst mal ein bisschen reinkommen und verstehen, wie er spielt.“ Mit zunehmender Spieldauer fand der Youngster aber immer besser in die Begegnung. Lemke versuchte El Khannouss bereits bei der Ballannahme zu stören und ihn dadurch gar nicht erst seine Stärken ausspielen zu lassen. „Ich habe natürlich seine Qualität schon gemerkt. Ich habe probiert, ihn immer direkt bei der Ballannahme zu stören, sodass er gar nicht in sein Spiel kommt.“ Nach anfänglichen Schwierigkeiten funktionierte das zunehmend besser. Und plötzlich wirkte der Altersunterschied gar nicht mehr so groß.
Ein Stück Zahn bleibt auch noch auf der Strecke
Ganz ohne Spuren überstand Lemke seinen Bundesliga-Nachmittag allerdings nicht. Bei einer Aktion bekam der 17-Jährige den Fuß seines Gegenspielers ins Gesicht. „Ich habe ihn halt gegrätscht und dann ist unglücklich sein Fuß noch komplett über mein Gesicht.“ Die Folge: Ein Zahn brach teilweise ab. Großes Drama machte Lemke daraus nicht. Schmerzen habe er keine, der Termin beim Zahnarzt sei bereits vereinbart. Es passt zu einem Auftritt, bei dem der Youngster ohnehin wenig Ehrfurcht erkennen ließ.
„Das ist natürlich richtig krass“
Dass das alles für einen 17-Jährigen dennoch nicht selbstverständlich ist, merkt man spätestens, wenn Lemke über das Gesamtbild spricht: Bundesliga, Volksparkstadion, ein Gegner aus der Champions League – und am Ende ein 1:0-Sieg. „Das ist natürlich richtig krass. Auch das Trainerteam, dass sie mir da so vertrauen, mich wieder spielen zu lassen. Das ist auf jeden Fall nicht selbstverständlich.“
Dass ausgerechnet Muheim kurz vor Schluss mit seinem Traumtor die Partie entschied, freute Lemke besonders. Konkurrenzdenken? Fehlanzeige. „Ich freue mich auch einfach, wenn Miro oder Møller Wolfe das gut machen. Da habe ich gar kein Problem mit. Es ist einfach geil, dass Miro jetzt hier ein Tor gemacht hat.“
Nur bei EA Sports FC 27 fehlt Lemke noch
Und nach all dem? Nach Bundesliga, Stuttgart, Zweikämpfen gegen gestandene Profis, einem beschädigten Zahn und dem nächsten Startelfeinsatz? Konsole an. Lemke ist leidenschaftlicher Spieler von EA Sports FC 27 . Nur ein kleines Problem gibt es: Sich selbst kann er dort bislang nicht aufstellen. Als die aktuelle Ausgabe erschien, war Lemke noch 16 Jahre alt und wurde nicht in den HSV-Kader des Spiels aufgenommen. „Ich bin leider nicht in FIFA drin. Ich bin zu jung.“
Also muss er noch warten. Seinen Wunsch für die nächste Ausgabe hat der 17-Jährige aber schon formuliert: „Dann eine gute Karte vielleicht.“ Wenn Louis Lemke so weitermacht, dürfte zumindest die Frage, ob er überhaupt im Spiel auftaucht, bald erledigt sein. Denn während er an der Konsole noch fehlt, ist er in der Bundesliga längst angekommen.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.
