
Holstein Kiel geht mit wachsendem Selbstvertrauen in die Auswärtspartie bei Hertha BSC. Vor dem Spiel am Samstag um 13 Uhr im Berliner Olympiastadion zeigte sich Trainer Tim Walter auf der Pressekonferenz gut gelaunt, zugleich aber auch fokussiert. Die jüngsten Ergebnisse hätten die Ausgangslage verbessert, sagte Walter – entschieden sei im Abstiegskampf aber noch lange nichts.
„Wir beschäftigen uns mit uns“
Die Kieler haben sich mit starken Wochen eine deutlich bessere Position im Tabellenkeller erarbeitet. Walter wollte daraus allerdings keine Abrechnung mit Kritikern machen. „Das ist mir völlig fern“, sagte der Holstein-Coach. „Wir versuchen bei uns zu bleiben. Wir versuchen, unsere Stärken in die Waagschale zu werfen.“
Was andere über seine Mannschaft denken oder schreiben, spiele für ihn keine große Rolle. „Wir beschäftigen uns mit uns, weil es das Einzige ist, was wir beeinflussen können.“ Genau das schätze er an seiner Mannschaft besonders: „Sie bleibt bei sich, sie versucht zu arbeiten, sie versucht Dinge umzusetzen.“
Skrzybski fällt bis Saisonende aus
Weniger erfreulich ist die personelle Lage. Besonders schwer wiegt der Ausfall von Steven Skrzybski, der bis zum Ende der Saison fehlen wird. „Er ist ein großer Verlust für uns – nicht nur als Spieler, sondern vor allem als Kapitän und als Leitwolf“, so Walter. Die Verantwortung müsse nun auf mehrere Schultern verteilt werden. Dass seine Mannschaft dazu bereit ist, daran ließ Walter keinen Zweifel.
Etwas positiver fällt der Blick auf andere Personalien aus. Andu Kelati mache „große Fortschritte“ und könne sogar schon für das Wochenende eine Option sein. Bei Alexander Bernhardsson sehe es ebenfalls deutlich besser aus, für das Hertha-Spiel komme ein Einsatz aber wohl noch zu früh. Carl Johansson befinde sich nach längerer Pause ebenfalls auf einem guten Weg, brauche aber weiter Belastung und Rhythmus. Leon Parduzi falle in dieser Woche aus, könnte aber nächste Woche wieder ins Training einsteigen. Lasse Rosenboom stand nach leichten Blessuren am Mittwoch bereits wieder mit dem Team unter voller Belastung auf dem Platz
Meffert als Taktgeber und Balance-Spieler
Einer, der aktuell immer stärker im Mittelpunkt agiert, ist Jonas Meffert. Walter kennt ihn besonders gut und hob seine Entwicklung ausdrücklich hervor. „Jetzt ist er wieder der alte Jonas“, sagte der Holstein-Trainer. Das tue dem Kieler Spiel „unglaublich gut“.
Vor allem als Verbindungsspieler sei Meffert inzwischen enorm wertvoll. Walter nannte ihn den „Balance-Spieler zwischen Defensive und Angriff“ und lobte dessen Verantwortungsbewusstsein für die Mannschaft. Dazu passe auch, dass Meffert zuletzt öffentlich betont hatte, wie froh er sei, mit Walter zusammenzuarbeiten.
Solche Aussagen, so Walter, seien natürlich schön zu hören. „Dann kann man ja nicht so viel verkehrt machen“, sagte er mit einem Lächeln. Noch wichtiger sei ihm aber der zwischenmenschliche Aspekt: „Es geht nicht nur darum, den Spieler auf dem Platz besser zu machen, sondern es geht ja auch darum, den Menschen dahinter zu sehen.“
Viel Respekt vor Hertha – aber auch Mut
Mit Hertha BSC wartet nun ein Gegner, den Walter als „tolles Team“ mit „herausragenden Einzelspielern“ bezeichnete. Besonders auf die Berliner Offensivqualität verwies er mehrfach. Die Hertha könne mit ihrer Variabilität und ihren Bewegungen „unangenehm“ sein und gebe dem Gegner oft „das Gefühl, dass du nie so wirklich hinkommst“.
Trotzdem will Holstein nicht nur reagieren. Walter stellte klar, dass seine Mannschaft auch in Berlin aktiv auftreten will. „Wir wollen schon auch den Ball haben. Wir wollen schon auch die Hertha vor Probleme stellen“, sagte er. Grundlage dafür seien Kompaktheit, Mut und Überzeugung. „Wir versuchen als Gemeinschaft die individuelle Klasse des Gegners aufzufangen.“
Dass Fabian Reese trotz aller Berliner Qualität immer wieder im Fokus steht, ist für Walter nachvollziehbar. Die Herthaner auf den Ex-Kieler zu reduzieren wollte er dennoch nicht. Vielmehr gehe es darum, als Team gegen diese Qualität zu bestehen.
„Die Jungs haben Spaß am Gewinnen gefunden“
Ein zentrales Thema der PK war die Frage, wie die Kieler nach dem überzeugenden Sieg zuletzt nun mit der besseren Ausgangslage umgehen. Walter machte deutlich, dass er in seiner Mannschaft keinerlei Nachlässigkeit spürt. Im Gegenteil: „Sie sind sehr fokussiert, sehr konzentriert“, sagte er.
Der Trainer sieht vor allem eine gewachsene Lust am Erfolg. „Die Jungs haben Spaß am Gewinnen gefunden“, erklärte Walter. Genau diese Energie wolle Holstein nun mit nach Berlin nehmen. „Wir bleiben auf dem Gaspedal“, sagte er. „Wir versuchen weiter nach vorne zu schauen und weiterhin alles reinzuwerfen.“
Therkelsen, Kapralik, Tohumcu: Viele Optionen vorne
Auch offensiv sieht Walter mehrere Möglichkeiten, um den Ausfall von Skrzybski aufzufangen. Auf die Frage, ob Jonas Therkelsen die erste Ersatzoption sei, reagierte er fast schon programmatisch: „Ich habe nur Stammspieler.“ Für ihn gehe es weniger um Hierarchien, sondern um Wirkung auf die Mannschaft. „Je mehr sie für ihre Mannschaft investieren, je mehr sie für sie arbeiten, umso besser sind die Chancen, dass sie auch beginnen.“
Adrian Kapralik sei nach seiner Sperre wieder eine wichtige Option, Umut Tohumcu sowieso. Über den Youngster sprach Walter besonders auffällig. „Der Junge hat brutal viel Potenzial“, sagte er. Und dann folgte ein Satz, der fast schon sinnbildlich für Tohumcus Entwicklung steht: „Ich bin sehr glücklich, dass er endlich aufgewacht ist.“
Fazit
So blieb am Ende der Eindruck eines Trainers, der seine Mannschaft in einem guten Zustand sieht, der aber zugleich jede Euphorie sofort wieder an klare Arbeit koppelt. Holstein fährt also mit Rückenwind nach Berlin – aber ohne jedes Gefühl, schon etwas erreicht zu haben. Oder wie Walter es selbst formulierte: „Unser Ziel ist noch nicht erreicht.“
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.