Als Davie Selke im vergangenen Sommer den Hamburger SV verließ, schien das Kapitel eigentlich abgeschlossen. Der Torjäger hatte die Rothosen mit 22 Treffern zum Bundesliga-Aufstieg geschossen, war Torschützenkönig der 2. Liga geworden und avancierte binnen weniger Monate zum Publikumsliebling im Volkspark. Trotzdem kam es nicht zur Vertragsverlängerung. Selke zog weiter nach Istanbul, der HSV setzte auf Robert Glatzel.
Ein Jahr später stellt sich plötzlich eine Frage, die noch vor wenigen Wochen absurd geklungen hätte: Könnte Davie Selke tatsächlich noch einmal zum HSV zurückkehren?
Die Rahmenbedingungen haben sich verändert
Damals sprach vieles gegen eine weitere Zusammenarbeit. Der HSV kehrte in die Bundesliga zurück und hatte mit Robert Glatzel bereits einen ähnlichen Stürmertypen langfristig unter Vertrag. Zwei klassische Mittelstürmer mit entsprechendem Gehaltsniveau hätten die Hamburger kaum finanzieren können.
Selkes Vertrag lief aus, Glatzels nicht. Die Entscheidung fiel deshalb zugunsten des langjährigen HSV-Angreifers aus. Doch inzwischen hat sich die Situation verändert. Nach übereinstimmenden Medienberichten steht Glatzel unmittelbar vor einem Wechsel zum VfL Wolfsburg. Rund 1,5 Millionen Euro Ablöse sollen im Raum stehen. Vor allem aber würde beim HSV ein hochdotierter Vertrag aus den Büchern verschwinden. Plötzlich wäre die Planstelle im Sturmzentrum wieder frei.
Selke und der HSV – das passte einfach
Selten hat ein Spieler in so kurzer Zeit eine derart enge Verbindung zu den Fans aufgebaut wie Selke in seiner einzigen HSV-Saison. Noch heute spricht der mittlerweile 31-Jährige mit großer Wärme über seine Zeit in Hamburg. „Ich habe im Volkspark das mit Abstand schönste Jahr meiner Karriere erlebt“, sagte Selke zuletzt. Die HSV-Fans hätten „einen besonderen Platz in seinem Herzen“.
Auch die Anhänger haben ihren Aufstiegshelden nicht vergessen. Immer wieder tauchen in sozialen Netzwerken Forderungen nach einer Rückkehr auf. Und sportlich? Die Bilanz spricht für sich: 22 Tore, Aufstieg, Torschützenkönig. Mehr Erfolg in einer einzelnen Saison kann ein Stürmer kaum haben.
Würde Selke auch in der Bundesliga funktionieren?
Genau hier beginnt die eigentliche Diskussion. In der 2. Liga war Selke nahezu perfekt für den HSV. Seine Kopfballstärke, seine Physis, sein permanenter Einsatz gegen den Ball und seine Präsenz im Strafraum machten ihn zu einer Idealbesetzung. Die Bundesliga ist jedoch ein anderes Niveau. Kritiker würden einwenden, dass Selke seine besten Jahre im deutschen Oberhaus bereits hinter sich hat und dort nie die Zahlen auflegte, die er zuletzt in Hamburg erreichte.
Befürworter dagegen argumentieren, dass er heute ein deutlich kompletterer Spieler ist als noch zu Zeiten bei Bremen, Berlin oder Köln. Seine Führungsqualitäten, seine Mentalität und seine Fähigkeit, Mannschaften mitzureißen, könnten gerade einem Bundesliga-Aufsteiger helfen.
Der HSV schaut offenbar in eine andere Richtung
So romantisch die Geschichte auch klingen mag: Aktuell deutet wenig auf eine konkrete Rückholaktion hin. Vielmehr beschäftigen sich die Hamburger offenbar mit anderen Profilen. Nach Berichten aus dem Ausland soll der HSV Interesse an Keasse Bah besitzen. Der 21-jährige Ivorer spielt derzeit beim FC Stade Lausanne-Ouchy in der Schweiz und erzielte in der vergangenen Saison sieben Ligatore sowie vier Vorlagen.
Der junge Offensivspieler würde deutlich stärker in das aktuelle Anforderungsprofil vieler Bundesligisten passen: entwicklungsfähig, flexibel einsetzbar und mit möglichem Wiederverkaufswert. Genau solche Spieler stehen heutzutage oft höher im Kurs als gestandene Routiniers.
Fußballromantik gegen Transferrealität
Deshalb spricht derzeit mehr dafür, dass Davie Selke auch in der kommenden Saison für Basaksehir FK in der türkischen Süper Lig auflaufen wird als für eine Rückkehr nach Hamburg. Dort besitzt er noch Vertrag, fühlt sich mit seiner Familie wohl und hat zuletzt wieder zu seiner Form gefunden.
Trotzdem bleibt ein Gedanke hängen. Der HSV braucht möglicherweise einen neuen Mittelstürmer. Selke liebt den Verein, die Fans lieben Selke. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich verändert und die einst verschlossene Tür steht zumindest nicht mehr komplett zu.
Ob daraus tatsächlich ein Transfer werden kann, ist aktuell höchst fraglich. Aber manchmal schreibt der Fußball eben die Geschichten, die auf dem Papier eigentlich keinen Sinn ergeben. Und eine Rückkehr von Davie Selke in den Volkspark wäre zweifellos eine davon.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.
