Von Kreisklasse bis Weltklasse: Lio Rothenhagens verrückter Pokalabend

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Die Mannschaft von Holstein Kiel lässt sich nach dem Pokalsieg gegen Hoffenheim von den eigenen Fans feiern - allen voran Pokalheld Lio Rothenhagen

Er patzte, rettete, kämpfte – und wurde schließlich zum Helden. Lio Rothenhagen erlebte beim Pokalcoup gegen die TSG Hoffenheim einen Abend voller Extreme. Der 20-Jährige zeigte dabei nicht nur seine Qualitäten als Torwart, sondern vor allem eine Eigenschaft, die für seine weitere Karriere noch wichtiger werden könnte.

Es gibt Fußballabende, an denen ein Spieler 120 Minuten nahezu fehlerfrei absolviert und anschließend trotzdem kaum jemand über ihn spricht. Und es gibt Abende wie den von Lio Rothenhagen.

Als der junge Torhüter von Holstein Kiel nach weit mehr als zwei Stunden Fußball vor der Kieler Fankurve verschwand, war er der gefeierte Pokalheld. Rothenhagen hatte den entscheidenden Hoffenheimer Elfmeter von Mats Rots pariert und die Störche damit ins Achtelfinale des DFB-Pokals gebracht. Nach 120 Minuten hatte es 1:1 gestanden, im Elfmeterschießen setzte sich Kiel mit 4:3 durch. Dabei hatte dieser Abend für Rothenhagen zwischendurch eine völlig andere Richtung nehmen können.

Ein Fehler – und sofort die Antwort

Kurz nach der Pause leistete sich der Kieler Pokaltorwart einen kapitalen Fehler im Spielaufbau. Sein Ball landete direkt bei Hoffenheims eingewechseltem Fisnik Asllani. Plötzlich stand der Bundesligist vor der großen Gelegenheit zur erneuten Führung. Rothenhagen hatte die Situation selbst verursacht – und rettete sie anschließend selbst mit einer herausragenden Parade.

Wie schnell ein Torwart einen solchen Fehler aus seinem Kopf bekommen muss, erklärte er später in der Mixedzone bemerkenswert offen. „Erstmal denkt man natürlich: Scheiße, jetzt ist es eine hundertprozentige Torchance. Aber da geht der Kopf dann gleich wieder so: Okay, den muss ich halt ausbügeln.“ Gesagt, getan.

Es war sinnbildlich für Rothenhagens gesamten Abend. Nicht alles gelang. Im Spielaufbau gab es Wackler, zweimal verlor er auf dem schwierigen Rasen den Stand. Es gab Momente, in denen man durchaus von Kreisklasse bis Weltklasse sprechen konnte. Entscheidend aber war: Nach keinem dieser Momente brach der junge Torhüter ein.

Walter: „Ganz dicke Eier“

Auch Tim Walter verschwieg die schwierigen Situationen seines Keepers nach dem Spiel nicht. Viel wichtiger war dem Kieler Trainer allerdings, wie Rothenhagen damit umging. Der 20-Jährige habe schließlich ein gutes Gespür dafür entwickelt, wann er weiter spielerisch lösen könne und wann der lange Ball die bessere Entscheidung sei. Dann wurde Walter deutlich: „Vor allem muss man ganz ehrlich sagen: ganz dicke Eier. Lio hat es herausragend gemacht.“

Dabei bleibt die Rollenverteilung im Kieler Tor nach Walters Worten eindeutig. Timon Weiner ist die Nummer eins. Rothenhagen soll allerdings weiterhin seine Einsätze im Pokal bekommen. „Ich habe zwei sehr, sehr gute Keeper. […] Er wird im Pokal auch immer spielen. Aber Timon ist unsere Nummer eins.“ Für Rothenhagen bedeutet das: Auch im Achtelfinale dürfte seine persönliche Pokalgeschichte weitergehen.

„Man analysiert jeden Schützen“

Dass ausgerechnet das Elfmeterschießen zu seinem großen Moment wurde, war nicht ausschließlich eine Frage des Instinkts. Holstein hatte sich vorbereitet. „Man muss sich ja schon ein bisschen nach den Schützen richten. Klar, man analysiert vorher“, erklärte Rothenhagen. „Wir gucken uns alles an. Wir analysieren jeden Schützen, der schon mal vorher geschossen hat.“ Eine Garantie gebe es trotzdem nicht. Am Ende müsse der Torwart selbst entscheiden.

Beim Versuch von Mats Rots entschied sich Rothenhagen richtig. Abtauchen. Parade. Achtelfinale. „Natürlich geil, auch eine kleine Erleichterung. Es war ja schon ein langes Spiel über 120 Minuten, wo wir alles reingeworfen haben, die ganze Mannschaft gekämpft hat bis zur letzten Sekunde. Dass es dann hier zum Elfmeterschießen kommt, ist natürlich geil. Dass wir dann auch noch gewinnen – super.“

Der ruhige Pokalheld

Fast auffällig war anschließend, wie unaufgeregt Rothenhagen in der Mixedzone über einen der bislang größten Abende seiner jungen Karriere sprach. Dabei passt genau das offenbar zu ihm. „Neben dem Platz bin ich schon eher ein ruhiger Typ. Aber sobald es auf den Platz geht, ist Temperament da.“

U20-Nationalmannschaft, nun Pokalheld gegen einen Bundesligisten und mit Holstein im Achtelfinale – für einen jungen Torwart könnte es derzeit schlechter laufen. Rothenhagen selbst wollte daraus trotzdem keine große Geschichte über seine Karriere machen. „Ich denke von Tag zu Tag. Ich möchte jeden Tag besser trainieren als am gestrigen. Das ist mein Motto.“ Vielleicht erklärt gerade diese Haltung auch, weshalb ihn sein schwerer Fehler unmittelbar nach der Pause nicht aus der Bahn warf.

Lio Rothenhagens Pokalabend war nicht perfekt. Er war viel interessanter als das. Er machte einen Fehler, der richtig weh tun konnte. Er bügelte ihn selbst wieder aus. Er hielt Holstein im Spiel. Und als nach 120 Minuten schließlich alles an einem einzigen Schuss hing, war Rothenhagen wieder da. Von Kreisklasse bis Weltklasse – und am Ende Pokalheld.

Artikel und Bild: Ole Jacobsen.

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