Walter gewinnt Zeit – Kwasniok schon im Stadion – Endspiel gegen Dresden?

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Trainer Tim Walter mit dem Geschäftsführer Sport Olaf Rebbe nach Abpfiff auf dem Rasen

Analyse: Holstein Kiel stoppt mit dem 0:0 gegen Hertha BSC zumindest den freien Fall. Tim Walter überrascht personell, passt seine Spielidee an und nimmt dem zuvor makellosen Tabellenführer als erste Mannschaft Punkte ab. Das dürfte dem Trainer eine weitere Woche verschaffen. Doch die entscheidende Frage ist nur vertagt: Gegen Dynamo Dresden braucht die KSV endlich ihren ersten Saisonsieg.

Was passiert mit Tim Walter? Diese Frage stand am Freitagabend unausgesprochen über dem ausverkauften Holstein-Stadion. Sportchef Olaf Rebbe hatte das Duell mit Hertha BSC zwar ausdrücklich nicht zum Endspiel für seinen Trainer erklärt. Nach sieben sieglosen Ligaspielen und dem schwachen Auftritt in Braunschweig war trotzdem klar: Noch einmal eine enttäuschende Leistung hätte die Diskussion erheblich verschärft.

Dazu kam es nicht. Holstein Kiel spielte 0:0 gegen den Tabellenführer. Das klingt angesichts der eigenen Situation zunächst nach einem weiteren Unentschieden, das die KSV in der Tabelle kaum voranbringt. Doch dieses Remis war anders.

Walter reagiert – statt nur weiterzumachen

Das vielleicht wichtigste Argument für Walter war dabei nicht einmal das Ergebnis. Es war seine Reaktion auf die vergangenen Wochen. Der Trainer hatte immer wieder betont, an seiner grundsätzlichen Spielidee festhalten zu wollen. Gegen Hertha zeigte er nun, dass Überzeugung nicht zwangsläufig Starrsinn bedeuten muss. Holstein verteidigte phasenweise tiefer und kompakter. Das permanente hohe Pressing wurde dosiert. Torhüter Timon Weiner eröffnete auffällig häufig lang. Walter bestätigte anschließend: „Wir sind momentan nicht in der Lage, immer hoch zu pressen, hoch anzulaufen.“ Und auch den langen Ball ordnete er ausdrücklich als legitimes taktisches Mittel ein: „Ich habe nie gesagt, dass ein langer Ball zum Positionsspiel nicht dazugehört.“

Das ist wichtig. Denn genau diese Anpassungsfähigkeit war zuletzt eine der großen Fragen rund um Walters Fußball: Muss sich die Mannschaft ausschließlich an seine Idee anpassen – oder passt Walter seine Idee auch an die Möglichkeiten seiner Mannschaft und den jeweiligen Gegner an? Gegen Hertha lautete die Antwort zumindest teilweise: Ja.

Mut bei der Aufstellung

Auch personell ging Walter ins Risiko. Mit Sebastian Schonlau und Noah Madsen setzte er zunächst auf zwei spielstarke Innenverteidiger. David Zec und Ivan Nekić blieben zunächst draußen. Noch überraschender war Till Wiese: Der 18-Jährige, der noch für die A-Jugend spielberechtigt ist, stand erstmals im Profifußball auf dem Platz – und gleich in der Startelf.

Das in einem Spiel Letzter gegen Erster zu tun, während die eigene Zukunft öffentlich diskutiert wird, kann man Walter durchaus hoch anrechnen. Er hätte in dieser Situation auch die vermeintlich sicherste und erfahrenste Variante wählen können. Das tat er nicht. Walter blieb seinem Ansatz treu, junge Spieler zu entwickeln – und kombinierte ihn gleichzeitig mit mehr taktischer Vorsicht.

Ein prominenter Beobachter auf der Tribüne

Für zusätzliche Brisanz sorgte am Freitagabend ein prominenter Gast im Holstein-Stadion: Lukas Kwasniok verfolgte die Partie auf der Tribüne. Der ehemalige Trainer des 1. FC Köln ist derzeit ohne Verein. Natürlich kann sein Besuch vollkommen unabhängig von der Situation bei Holstein gewesen sein. In einer Phase, in der über die Zukunft von Tim Walter diskutiert wird, fällt die Anwesenheit eines verfügbaren und erfahrenen Trainers allerdings zwangsläufig auf.

Zufall – oder schaut sich da bereits ein möglicher Kandidat die KSV aus nächster Nähe an? Hinweise darauf, dass Holstein mit Kwasniok gesprochen hat oder ihn tatsächlich als möglichen Walter-Nachfolger betrachtet, gibt es bislang nicht. Mehr als ein interessantes Detail am Rande ist es deshalb derzeit nicht.

Ein 0:0, das Walter hilft

Natürlich kann Holstein mit Unentschieden allein nicht aus dem Tabellenkeller kommen. Nach acht Spieltagen wartet die KSV weiterhin auf den ersten Ligasieg. Das bleibt eine alarmierende Bilanz. Doch die Bewertung eines Ergebnisses hängt immer auch vom Gegner und vom Zustandekommen ab. Hertha war mit sieben Siegen aus sieben Spielen nach Kiel gekommen. Keine Mannschaft hatte den Berlinern bis dahin auch nur einen Punkt abgenommen. Holstein hat es geschafft.

Walter reagierte taktisch. Seine Mannschaft arbeitete. Sie verteidigte. Sie hielt dagegen. Sie wirkte nicht wie eine Mannschaft, die ihren Trainer verloren hat. Und auch die Reaktion der Fans nach dem Abpfiff war eine andere als zuletzt. Die Mannschaft wurde gefeiert und bereits auf das nächste Heimspiel gegen Dynamo Dresden eingeschworen. Das alles spricht dafür, Walter weiterarbeiten zu lassen.

Die Reißleine ist vorerst wieder etwas weiter entfernt

Niemand außerhalb der Holstein-Führung kann seriös behaupten, dass Walter bei einer Niederlage gegen Dresden automatisch entlassen wird. Rebbe hat bislang öffentlich zu seinem Trainer gestanden. Doch Fußball ist ein Ergebnissport. Und irgendwann reicht auch eine erkennbare Entwicklung nicht mehr aus, wenn sie sich nicht in Siegen niederschlägt.

Das 0:0 gegen Hertha hat Walter Argumente geliefert. Seine taktischen Anpassungen funktionierten über weite Strecken. Seine mutige Aufstellung funktionierte. Seine Mannschaft folgte ihm. Die Fans honorierten die Leistung. Und ausgerechnet Holstein Kiel brachte dem bislang perfekten Tabellenführer den ersten Punktverlust bei.

Tim Walter hat sich damit eine weitere Woche verdient. Aber er hat die Grundsatzfrage nicht beantwortet. Er hat sie vertagt. Bis zum nächsten Freitag. Dann kommt Dynamo Dresden nach Kiel. Und dann muss aus einem Schritt nach vorn endlich ein Sieg werden.

Artikel und Bild: Ole Jacobsen.

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