Vor nicht einmal zwei Jahren wechselte John Tolkin als US-Nationalspieler aus New York zu Holstein Kiel und sollte sich auf der großen Bundesliga-Bühne beweisen. Inzwischen hat sich die Situation des Linksverteidigers grundlegend verändert. Eigengewächs Leon Parduzi hat dem 24-Jährigen den Rang abgelaufen – und beim öffentlichen Training am Donnerstag gab es ein weiteres deutliches Signal. In der Elf-gegen-Elf-Spielform war für Tolkin kein Platz.
Als Holstein Kiel John Tolkin im Januar 2025 von den New York Red Bulls verpflichtete, waren die Erwartungen groß. Der damals 22-Jährige hatte bereits 135 Partien für seinen MLS-Klub absolviert, sein Debüt für die Nationalmannschaft der USA gefeiert und bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris zum US-Team gehört. Holstein präsentierte ihn entsprechend als „US-Nationalspieler“.
Tolkin sollte der Mannschaft auf der linken Seite zusätzliche Qualität verleihen – und wurde in der Bundesliga tatsächlich zu einem Aktivposten. Elfmal kam er in der Rückrunde in Deutschlands höchster Spielklasse zum Einsatz. Mittlerweile sieht die Welt für den US-Amerikaner ganz anders aus.
Parduzi hat Tolkin den Rang abgelaufen
Ausgerechnet ein Kieler Youngster ist inzwischen an Tolkin vorbeigezogen. Leon Parduzi nutzte seine Chance, als Tolkin zu Saisonbeginn verletzt fehlte. Bereits nach Parduzis ersten Einsätzen lobte Tim Walter die Leistungen des damals 19-Jährigen. Inzwischen scheint sich die Hierarchie auf der linken Abwehrseite weiter verfestigt zu haben. Parduzi erhält regelmäßig das Vertrauen des Trainers. Tolkin kommt in der laufenden Zweitligasaison bislang lediglich auf fünf Einsätze, drei Mal davon stand er in der Startelf. Vier weitere Male stand er ohne eingewechselt zu werden im Kader.
Auch am vergangenen Wochenende in Fürth begann Parduzi. Erst zur zweiten Halbzeit kam Tolkin für ihn in die Partie. Walter erklärte am Donnerstag auf Nachfrage eines Kollegen des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags: „Momentan ist es so, dass Leon es sehr, sehr konstant macht. Er hat jetzt in den letzten Wochen auch viel gespielt.“ Einen Freifahrtschein gibt es für Parduzi allerdings nicht. Walter verwies auch auf die Belastung und die Möglichkeit, „frische Kräfte“ zu bringen.
Deutliches Signal beim öffentlichen Training
Wie weit Tolkin momentan vom Stammplatz entfernt zu sein scheint, zeigte sich am Donnerstag beim öffentlichen Training der Störche. Während Walter in einer Spielform elf gegen elf spielen ließ, gehörte Tolkin nach Beobachtung von NordKick zu keiner der beiden Mannschaften. Stattdessen trainierte der 24-Jährige gemeinsam mit den zwei Jungprofis Mark Richter Monserrat und Tayar Tasdelen abseits dieser Spielform.
Eine Momentaufnahme aus einer Trainingseinheit – mehr zunächst nicht. Angesichts seiner aktuellen sportlichen Situation aber durchaus bemerkenswert. Denn Tolkin ist weder Nachwuchsspieler noch Ergänzungsspieler, der gerade erst an den Profikader herangeführt wird. Der Linksverteidiger kam mit internationaler Erfahrung nach Kiel. Er hat für die USA im A-Nationalteam gespielt und gehörte noch 2025 zum US-Kader für den CONCACAF Gold Cup. Nun fand er in einer Elf-gegen-Elf-Spielform im öffentlichen Training keinen Platz.
Walter fordert: „Mir etwas anbieten“
Abgeschrieben hat Tim Walter seinen Linksverteidiger öffentlich dennoch keineswegs. Auf die konkrete Frage nach Tolkins derzeitiger Rolle und dem Konkurrenzkampf mit Parduzi antwortete der KSV-Trainer: „Letztendlich hat jeder die Chance, mir zu zeigen, dass er gewillt ist, in die Mannschaft zu kommen. Und so werde ich es auch weiterhin handhaben.“ Die Botschaft an diejenigen, die momentan hintendran sind, formuliert Walter deutlich: „Wenn die Spieler, die drumherum arbeiten, mir etwas anbieten, dann haben sie jederzeit die Chance.“
Es klingt nach offener Tür – aber gleichzeitig auch nach einer klaren Forderung. Wer spielen möchte, muss sich im Training aufdrängen. Und aktuell scheint Parduzi schlicht die besseren Argumente zu liefern.
Einst Bundesliga – jetzt muss Tolkin wieder angreifen
Für Tolkin ist die Entwicklung ein deutlicher sportlicher Rückschritt. Als Holstein ihn verpflichtete, sprach der Amerikaner selbst davon, dass für ihn mit der Bundesliga ein „großer Traum“ in Erfüllung gehe. Nicht einmal zwei Jahre später kämpft er nach dem Abstieg mit Holstein nun in der 2. Bundesliga um Einsatzminuten – und hat seinen Stammplatz an einen deutlich jüngeren Konkurrenten verloren.
Dass Walter die Tür ausdrücklich offen lässt, ist dabei Chance und Aufforderung zugleich. Denn Parduzi hat sich mit konstanten Leistungen zunächst festgespielt. Und die Bilder vom Donnerstag zeigen zumindest, wie die aktuelle Momentaufnahme aussieht: John Tolkin muss sich bei Holstein Kiel wieder nach vorne kämpfen.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.

