Walter bleibt Walter: „Der Weg, den wir eingeschlagen haben, ist gut“

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Ein gut gelaunter Tim Walter steht ausführlich Rede und Antwort

Holstein Kiel ist Tabellenletzter und wartet weiter auf den ersten Saisonsieg. Doch wer angesichts der sportlichen Situation einen Kurswechsel von Tim Walter erwartet, bekommt eine klare Antwort. Vor dem Heimspiel gegen Osnabrück verteidigt der KSV-Trainer ausführlich seinen Weg, erklärt Fehler zum Bestandteil der Entwicklung und erteilt einem pragmatischeren Fußball eine Absage. Für Walter steht fest: Nicht die Idee muss sich ändern – seine Mannschaft muss innerhalb dieser Idee besser werden.

Nach fünf Spieltagen steht Holstein Kiel dort, wo niemand die Störche erwartet haben dürfte: am Tabellenende der 2. Bundesliga. Noch kein Sieg, wiederkehrende individuelle Fehler und immer wieder die Diskussion darüber, warum sich eine spielerisch durchaus überzeugende Mannschaft nicht für ihren Aufwand belohnt.

Nach dem 0:1 in Heidenheim hatten wir bei NordKick deshalb die Frage gestellt: Was ist wichtiger – der Weg oder das Ziel? Müsste Holstein angesichts des vorhandenen Personals vielleicht etwas tiefer verteidigen, weniger Risiko eingehen und pragmatischer spielen? Tim Walters Antwort darauf könnte kaum eindeutiger sein.

„Der Weg, den wir eingeschlagen haben, ist gut“

Walter sieht die aktuelle Situation nicht als Beleg dafür, dass Holsteins grundsätzliche Spielidee falsch ist. Im Gegenteil. Für ihn gehört die gegenwärtige Fehleranfälligkeit teilweise sogar zu einem Prozess, den der Verein bewusst in Kauf nimmt. „Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, dass wir auch ein Ausbildungsverein sind“, erklärt Walter. Holstein müsse junge Spieler entwickeln – auch aus wirtschaftlichen Gründen. Dass dabei Naivität, Leichtsinn und Fehler entstehen, sei einkalkuliert.

Holstein hat sich bewusst für diesen Fußball entschieden

Dabei macht Walter deutlich, dass es aus seiner Sicht längst nicht nur um seine persönliche Vorstellung von Fußball geht. „Grundlegend geht es ja um eine Philosophie, die der Verein hat“, sagt der 50-Jährige. Holstein stehe schon seit Jahren für Ballbesitzfußball. Genau deshalb sei er schließlich nach Kiel zurückgeholt worden.

Und dann fällt ein Satz, der viel über Walters Verständnis der gegenwärtigen Situation verrät: „Sonst hätten sie vielleicht irgendeinen Feuerwehrmann holen können.“ Haben sie aber nicht. Walter versteht seinen Auftrag offenbar nicht darin, bei den ersten Schwierigkeiten möglichst schnell einen anderen Fußball spielen zu lassen. Er soll einen bestehenden Kieler Weg weiterentwickeln. Natürlich könne Holstein auch stärker auf erste und zweite Bälle setzen. Das wäre womöglich weniger fehleranfällig. Aber auch dort könnten Fehler entstehen. Für Walter ist deshalb nicht die grundsätzliche Idee das Problem.

Die direkte Frage nach mehr Pragmatismus

Später wird Walter noch konkreter gefragt, ob angesichts der Ergebnisse nicht eine „Rolle rückwärts“ zu mehr Pragmatismus angebracht wäre. Wieder ist seine Antwort eindeutig: „Das kommt für den Verein nicht infrage.“ Holstein habe diesen Weg eingeschlagen und Walter stehe „100 Prozent“ dafür: junge Spieler ausbilden, Spieler weiterentwickeln, Ballbesitz haben – und trotzdem Spiele gewinnen. „Das hat mit Pragmatismus überhaupt gar nichts zu tun“, sagt Walter. Vielmehr gehe es darum, in den entscheidenden Situationen die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Walter sieht das Problem vor allem innerhalb seines Systems: Seine Spieler müssen widerstandsfähiger werden, Situationen besser erkennen und richtige Entscheidungen treffen. Die andere Frage lautet, ob ein System nicht gerade so gestaltet sein muss, dass einzelne falsche Entscheidungen weniger gravierende Folgen haben. Walter beantwortet diese Frage indirekt ebenfalls: Fehler werden nicht dadurch vermieden, dass man den Fußball grundsätzlich verändert.

„Ein Fehler ist, keinen Fehler zu machen“

Fast philosophisch wird Walter, als er über Resilienz und den Umgang mit jungen Spielern spricht. „Für mich ist einfach ein Fehler, keinen Fehler zu machen.“ Deshalb will Walter seine Spieler schützen. Niemand im Verein zeige mit dem Finger auf denjenigen, der einen Fehler gemacht habe. Das ist konsequente Spielerentwicklung.

Nicht verteidigen – sondern kontrollieren

Beim 2:0 gegen Darmstadt oder beim 2:1 gegen Nürnberg hätte die Mannschaft schließlich auch einmal tiefer stehen und das Ergebnis absichern können. Doch Walter widerspricht der Vorstellung, seine Mannschaft müsse zwangsläufig weiter auf das nächste Tor stürmen. Darum gehe es gar nicht. „Es geht darum, die richtige Entscheidung zu treffen.“ Man könne durchaus zeitweise Kontrolle abgeben und sich dem Gegner anpassen. Entscheidend sei aber die Mentalität: „Die Gier zum Gewinnen muss immer, immer größer sein als die Angst zu verlieren.“

Jetzt muss der Weg aber Punkte bringen

Und trotzdem weiß auch Walter, dass Entwicklung allein im Profifußball nicht genügt. „Wir wollen auch gewinnen“, sagt er mehrfach. Vor dem Heimspiel gegen Aufsteiger Osnabrück wird die Sehnsucht nach dem ersten Sieg größer.

Osnabrück erwartet er mit einer kompakten Defensive, Tempo und einem starken Umschaltspiel – also durchaus mit Eigenschaften, die Holstein bei eigenen Ballverlusten gefährlich werden können. Restverteidigung und Gegenpressing seien deshalb ohnehin tägliche Trainingsinhalte. Die grundsätzliche Diskussion wird das Ergebnis am Sonnabend dennoch nicht endgültig beantworten. Aber Walter hat vor dem Spiel eine bemerkenswert klare Position bezogen. Er will keinen anderen Fußball.

Damit wird die Frage aus unserem letzten Artikel sogar noch interessanter: Was ist wichtiger – der Weg oder das Ziel? Tim Walter hat zumindest deutlich gemacht, dass für ihn beides zusammengehört. Und dass er nicht bereit ist, den Weg aufzugeben, nur weil das Ziel momentan noch nicht erreicht wird. Jetzt muss Holstein beweisen, dass dieser Weg tatsächlich dorthin führt.

Artikel und Bild: Ole Jacobsen.

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