Was für ein bitteres erstes Heimspiel für den Hamburger SV: Vor 57.000 Zuschauern geht die Mannschaft von Merlin Polzin gegen den 1. FSV Mainz 05 mit 0:5 unter. Der HSV ist über weite Strecken erschreckend fehlerhaft, offensiv nahezu nicht existent und mit dem Ergebnis am Ende sogar noch gut bedient. Polzins schonungsloses Fazit: „Maximal beschissener Nachmittag für uns. Völlig verdient verloren.“
Mainz deckt Hamburgs Probleme gnadenlos auf
Schon die ersten Minuten ließen nichts Gutes erahnen. Mainz war wacher, aggressiver und vor allem wesentlich klarer in seinen Aktionen. Der HSV dagegen leistete sich im Spielaufbau einen Fehler nach dem anderen. Daniel Heuer Fernandes musste früh mehrfach eingreifen, auch nach Standards wurden die Gäste gefährlich.
In der 19. Minute wurde die Hamburger Fehlerquote schließlich bestraft. Kapitän Nicolai Remberg spielte einen katastrophalen Fehlpass im Aufbau, Mainz schaltete sofort um und Sheraldo Becker vollendete zum 0:1. Wer auf eine Reaktion wartete, wartete vergeblich. Dem HSV fehlte es an Bewegung, Tempo und Ideen. Die neu zusammengestellte Mannschaft wirkte genau so: neu zusammengestellt. Kurz vor der Pause folgte der nächste Wirkungstreffer. Becker wurde auf der rechten Seite freigespielt und bediente Phillipp Mwene, der am zweiten Pfosten zum 0:2 einschob (41.). Eine verdiente Pausenführung – und aus Hamburger Sicht beinahe noch schmeichelhaft.
Vieira entfacht Euphorie – für nicht einmal drei Minuten
Polzin reagierte mit einem Dreifachwechsel. Als Rückkehrer Fabio Vieira zur zweiten Halbzeit den Rasen betrat, explodierte der Volkspark noch einmal. Nach einer völlig missratenen ersten Hälfte war plötzlich wieder Hoffnung zu spüren.
Mainz brauchte nicht einmal drei Minuten, um sie zu zerstören. Phillip Tietz traf in der 48. Minute zum 0:3. Die Partie war praktisch entschieden. Was danach besonders erschreckte: Der HSV entwickelte auch mit dem Rücken zur Wand kaum Gefahr. Trotz 54 Prozent Ballbesitz kamen die Hamburger laut Spielstatistik lediglich auf 0,19 Expected Goals, Mainz auf 3,06. Polzin brachte das Problem später auf den Punkt: „Wir haben es einfach nicht geschafft, in unsere Abläufe reinzukommen.“ Noch deutlicher wurde der Trainer mit einem Satz, der die 90 Minuten treffend zusammenfasste: „So hat – unabhängig von der Qualität von Mainz – kein Gegner in der Bundesliga Probleme gegen uns.“
Tietz und Königsdörffer machen die Demütigung perfekt
Mainz konnte die Partie nun kontrollieren und wartete auf weitere Hamburger Fehler. In der 83. Minute schlug Tietz ein zweites Mal zu – 0:4. Doch selbst damit war der Tiefpunkt noch nicht erreicht. In der Nachspielzeit setzte ausgerechnet der ehemalige Hamburger Ransford-Yeboah Königsdörffer den Schlusspunkt. Der eingewechselte Ex-HSVer ließ Bornauw im Strafraum stehen und vollendete zum 0:5 (90.+1). Nachdem er bei seiner Einwechslung Pfiffe kassiert hatte, feierte Königsdörffer seinen Treffer demonstrativ – und zog damit noch einmal den Unmut der Hamburger Anhänger auf sich. Es war die letzte Szene eines vollkommen missratenen Nachmittags.
Polzins Aufstellung wird zum Thema
Nach dem Spiel musste sich Polzin zwangsläufig Fragen zu seiner neu formierten Mannschaft gefallen lassen. Gegenüber der 0:2-Auftaktniederlage in Dortmund hatte er seine Startelf auf vier Positionen verändert und mehrere Neuzugänge unmittelbar eingebaut.
Der HSV-Trainer verteidigte seine Entscheidungen, räumte aber gleichzeitig ein, dass die Mannschaft Zeit benötige, um Automatismen und Verbindungen zu entwickeln. Als Ausrede wollte er das nicht gelten lassen. „Auch das ist mir als Ausrede zu viel“, stellte Polzin klar. Selbst mit fehlender Eingespieltheit müsse seine Mannschaft auf dem Platz ein anderes Gesicht zeigen. Einzelne Spieler wollte er nach der Niederlage ausdrücklich nicht herausstellen: „Wir gehen durch diese Phasen gemeinsam.“
Vielleicht ist genau das die wichtigste Aufgabe nach diesem 0:5. Denn der HSV hat nicht einfach ein Heimspiel verloren. Er wurde vor 57.000 Zuschauern in nahezu allen entscheidenden Bereichen vorgeführt. Polzin formulierte die Konsequenz selbst: „Vielleicht sorgt das auch für ein bisschen Realismus: klar zu bleiben und die einfachen Dinge erst einmal gut zu machen, bevor man über ganz andere Dinge spricht.“
Nach zwei Spieltagen steht der HSV damit bei null Punkten und 0:7 Toren. Die Saison ist noch jung. Doch dieses 0:5 war ein erster, ausgesprochen heftiger Warnschuss.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.
