Holstein Kiel wartet weiter auf den ersten Saisonsieg. Gegen Aufsteiger VfL Osnabrück reicht es trotz einer 1:0-Pausenführung nur zu einem 1:1. Erst rettet Timon Weiner seine Mannschaft mehrfach, dann bringt Phil Harres die Störche vom Punkt in Führung. Ein Eigentor von Hiroki Sekine und die Gelb-Rote Karte gegen David Zec bringen Kiel erneut um den erhofften Dreier.
Es passte beinahe zu gut zu den Diskussionen der vergangenen Tage. Tim Walter hatte vor der Partie ausführlich erklärt, warum Holstein Kiel trotz des schwachen Saisonstarts nicht von seinem Weg abweichen werde. Ballbesitz, Spielerentwicklung, Mut und die Bereitschaft, Fehler zu akzeptieren – dafür stehe der Verein.
Gegen Osnabrück war zunächst allerdings vor allem zu sehen, warum dieser Weg momentan so beschwerlich ist. Walter veränderte seine Mannschaft unter anderem in der Innenverteidigung. Noah Madsen rückte in die Startelf und machte bei seinem ersten Einsatz von Beginn an einen guten Eindruck. Immer wieder schob der Innenverteidiger ins Mittelfeld oder sogar weit nach vorne und zeigte damit Qualitäten, die gut zu Walters Spielidee passen. Auch Neuzugang Gyan de Regt begann auf dem Flügel.
Osnabrück versteckte sich derweil keineswegs. Der Aufsteiger störte den Kieler Aufbau mutig und erspielte sich die zunächst besseren Möglichkeiten. Besonders Robin Meißner wurde gefährlich. Mehrfach musste Timon Weiner eingreifen und verhinderte einen Kieler Rückstand. Holstein hatte zunehmend mehr vom Ball, machte daraus zunächst aber zu wenig. Viele Ungenauigkeiten, Fehlpässe und fehlende Konsequenz im letzten Drittel prägten die ersten gut 35 Minuten.
Kapralik an die Latte – Harres trifft vom Punkt
Dann wurde Holstein besser. Adrián Kaprálik hatte in der 37. Minute die bis dahin beste Kieler Gelegenheit. Aus spitzem Winkel setzte er den Ball an die Unterkante der Latte. Zwei Minuten später kam Kasper Davidsen aus rund 14 Metern zum Abschluss, scheiterte aber am ehemaligen Kieler Jonas Krumrey, der inzwischen für Osnabrück zwischen den Pfosten steht.
Unmittelbar vor der Pause belohnte sich Holstein doch noch. Gyan de Regt legte sich den Ball an Krumrey vorbei und wurde vom Torhüter zu Fall gebracht. Den fälligen Strafstoß verwandelte Phil Harres in der 45.+2 Minute sicher zum 1:0. Nach einer lange schwierigen ersten Hälfte ging Holstein damit doch noch mit einer Führung in die Kabine.
Wieder bringt Holstein die Führung nicht ins Ziel
Nach dem Seitenwechsel hätte diese Führung eigentlich Sicherheit geben sollen und Kiel hätte bei guten Umschaltmomenten vor allem über die schnellen de Regt und Kapralik den Sack zu machen können. Stattdessen blieb Osnabrück gefährlich. Erneut musste Weiner eingreifen und hielt seine Mannschaft mehrfach im Spiel. Holstein bekam seinerseits weiterhin Umschaltsituationen, spielte diese aber nicht konsequent genug aus.
Und dann kam die 72. Minute. Eine Osnabrücker Hereingabe von Jonathan German Gomez wurde von Hiroki Sekine unglücklich abgefälscht. Weiner hatte sich bereits auf die ursprüngliche Flugbahn eingestellt und war machtlos. Eigentor Sekine – 1:1. „Ich habe gedacht, die Flanke kommt, den kann ich mir ganz entspannt holen“, beschrieb Weiner die Situation anschließend. Dann sei der Ball abgefälscht worden. Für den Torhüter passte auch diese Szene zur aktuellen Situation der Störche.
Zecs Schwalbe rächt sich
Nur drei Minuten später folgte der nächste Rückschlag. David Zec sah in der 75. Minute Gelb-Rot. Besonders bitter und vollkommen vermeidbar war dabei die Entstehung. Bereits in der 10. Minute hatte sich der Innenverteidiger seine erste Gelbe Karte eingehandelt – wegen einer Schwalbe im gegnerischen Strafraum.
Ausgerechnet diese Verwarnung fehlte ihm 65 Minuten später. Damit musste Holstein zum zweiten Mal nacheinander einen erheblichen Teil eines Spiels in Unterzahl bestreiten. Schon in Heidenheim hatte eine Gelb-Rote Karte die Partie entscheidend beeinflusst.
Walter bleibt auch mit zehn Mann Walter
Bemerkenswert war anschließend, dass Holstein selbst in Unterzahl nicht grundsätzlich von seiner Spielidee abrückte. Die Störche versuchten weiter zu pressen und suchten ihre Möglichkeit auf den Sieg. Das Risiko war beträchtlich. Osnabrück bekam in der Schlussphase mehrere Gelegenheiten, die Partie komplett zu drehen. Weiner verteidigte die Herangehensweise dennoch: „Wir wollten drei Punkte. Unentschieden hatten wir dieses Jahr schon oft genug. Davon können wir uns nicht viel kaufen.“
Und genau darin steckt die aktuelle Situation der Kieler. Holstein will spielen. Holstein will mutig sein. Holstein glaubt an Walters Weg. Aber Holstein gewinnt weiterhin nicht.
„Wir stellen uns einfach wieder selber ein Bein“
Nach dem Abpfiff gab es zunächst Pfiffe von den Rängen. Als die Mannschaft anschließend demonstrativ nah an die eigene Kurve herantrat, verstummten diese weitgehend. Weiner konnte sich über seine persönlich starke Leistung kaum freuen. „Wir stellen uns einfach wieder selber ein Bein heute. Und das ist das Ärgerliche und das Frustrierende gerade.“
Jonas Meffert beschrieb seine Gefühlslage noch deutlicher: „Es ist ein scheiß Gefühl. Man wollte unbedingt mit den Fans zusammen endlich einen Sieg holen und jetzt steht man wieder hier und sagt so ähnliche Sachen.“ Auch Phil Harres sah das inzwischen bekannte Muster. Holstein spiele Woche für Woche ordentlich, schaffe es aber nicht, sich dafür zu belohnen. Seine Analyse ist dabei bemerkenswert einfach: „Wenn man hinten anfällig ist und vorne keine Tore schießt, dann wird es schwer im Fußball.“
Jetzt bekommt Holstein durch die Länderspielpause Zeit. Zeit für die Rückkehr weiterer verletzter Spieler. Zeit für Training. Und Zeit, weiter an jenem Fußball zu arbeiten, von dem Walter am Donnerstag noch einmal mit großer Überzeugung gesprochen hatte.
Der Trainer hält an seinem Weg fest. Seine Mannschaft tut es ebenfalls. Nur die Ergebnisse gehen diesen Weg bislang noch nicht mit.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.

