Holstein Kiel macht das Spiel, der FC St. Pauli zunächst die Tore. Am Ende steht ein 2:2, mit dem sich beide Mannschaften nur bedingt anfreunden können. Die Störche sehen ihre Dominanz und die erfolgreiche Aufholjagd, die Kiezkicker verweisen auf die größeren Möglichkeiten und eine verspielte 2:0-Führung. Und irgendwie haben beide Seiten Argumente.
Es war eines dieser Spiele, nach denen sich beide Mannschaften fragen dürfen, warum sie nicht mit drei Punkten vom Platz gegangen sind. Holstein Kiel und der FC St. Pauli trennten sich am Freitagabend im ausverkauften, derzeit auf 11.700 Plätze reduzierten Holstein-Stadion mit 2:2. Für beide Teams war es das zweite Remis im zweiten Saisonspiel.
Dabei erzählen schon die Zahlen zwei unterschiedliche Geschichten. Kiel hatte 64 Prozent Ballbesitz und 19:13 Torschüsse, die erwarteten Tore lagen laut den Spieldaten allerdings mit 2,56:2,09 zugunsten von St. Pauli. Übersetzt: Holstein hatte mehr vom Spiel und kam häufiger zum Abschluss – St. Pauli besaß insgesamt die größeren Möglichkeiten. Und genau deshalb sah sich nach Abpfiff keine der beiden Mannschaften wirklich als glücklicher Gewinner dieses Punktes.
Kiel bestimmt – St. Pauli bestraft die Fehler
Schon nach wenigen Minuten hätte die Partie eine andere Richtung nehmen können. Nach einem Kieler Fehler lief Martijn Kaars frei auf Timon Weiner zu, doch der Holstein-Keeper rettete stark.
Danach übernahmen die Gastgeber zunehmend die Kontrolle. Holstein ließ den Ball laufen, setzte St. Pauli unter Druck und sammelte mehrere Abschlüsse – ohne allerdings die ganz große Konsequenz vor dem Tor zu entwickeln.
St. Pauli benötigte diese Vielzahl an Möglichkeiten nicht. In der 32. Minute landete der Ball nach einer unglücklichen Kieler Abwehraktion von Ivan Nekic, der Hiroki Sekine anschoss bei Kaars. Diesmal blieb der Angreifer vor Weiner cool und erzielte das 0:1. Noch härter traf die Störche das zweite Gegentor unmittelbar vor der Pause. Nach einem Ballverlust der Kieler an der eigenen Seitenauslinie brachte St. Pauli den Ball ins Zentrum, wo Taichi Hara zum 0:2 einschob (45.+3).
Tim Walter sprach anschließend sehr deutlich von selbst verursachten Problemen. „Ich glaube, wir haben heute wieder ein paar Geschenke verteilt.“ Und genau darin lag für den Kieler Trainer der Widerspruch dieser ersten Hälfte: Seine Mannschaft hatte viel vom Spiel – und lag trotzdem 0:2 zurück. „Wir haben das Spiel grundsätzlich dominiert und gehen dann etwas unverständlich mit 0:2 in die Halbzeit.“
Harres bringt Kiel zurück – Weiner hält die Störche am Leben
Nach dem Seitenwechsel erhöhte Holstein den Druck. In der 56. Minute zahlte sich das aus: Alexander Bernhardsson flankte mit rechts in den Strafraum, Phil Harres stieg hoch und köpfte zum 1:2 ein. Jetzt kippte die Atmosphäre endgültig. Kiel drängte, St. Pauli bekam zunehmend Probleme, längere Ballbesitzphasen aufzubauen.
Doch ausgerechnet in dieser Phase hätte die Partie entschieden sein können. Kaars tauchte zweimal gefährlich vor Weiner auf. Der Kieler Schlussmann parierte glänzend und verhinderte das mögliche 1:3. Auch St. Paulis Trainer Marcel Rapp sah hier den entscheidenden Moment. „Dann haben wir zwei große Chancen, auf 3:1 zu stellen. Wenn wir das 3:1 machen, ist das Spiel wahrscheinlich durch.“
Dass es nicht fiel, hielt Holstein im Spiel, bzw. Timon Weiner hielt Holstein im Spiel. Und die Störche nutzten ihre Chance. In der 88. Minute fiel eine Hereingabe von rechts zu Jonas Therkelsen, der zum 2:2 vollendete. Ein Treffer, der auch etwas über die Mentalität dieser Kieler Mannschaft aussagte: Nach einem 0:2-Rückstand kam sie zurück. Walter gefiel genau das. „Wir hatten einen guten Teamspirit, eine gute Energie und haben alles nach vorne geworfen.“
Rapp: „Da war mehr drin“
Auf der anderen Seite ärgerte sich Marcel Rapp bei seiner Rückkehr an die ehemalige Wirkungsstätte vor allem darüber, dass seine Mannschaft das Spiel nicht entschieden hatte. „Wir gehen mit zwei Toren in die Halbzeit, bekommen dann ein Tor und haben danach zwei große Chancen auf das 3:1.“ Das 2:2 sei deshalb weniger ein gewonnener als vielmehr zwei verlorene Punkte gewesen.
Auch Louis Oppie analysierte selbstkritisch, warum St. Pauli die Kontrolle verlor: „Wir standen auf einmal tief, haben Kiel spielen lassen und sind nicht mehr in unsere Abläufe gekommen. Dadurch haben wir sie stark gemacht.“ Kapitän David Nemeth sah es ähnlich. Die Gäste hätten sich im zweiten Durchgang zu weit zurückdrängen lassen und Kiel damit Flanken und Druck ermöglicht.
Kiel dominiert – St. Pauli hat die größeren Chancen
Und damit landet man bei der entscheidenden Frage: Wer hätte dieses Spiel eigentlich gewinnen müssen?
Die Kieler Antwort lautet: Holstein. Mehr Ballbesitz, mehr Abschlüsse, über weite Strecken die spielbestimmende Mannschaft und nach 0:2 noch genügend Mentalität, um zurückzukommen. Weiner verteidigte deshalb auch die Entwicklung seiner Mannschaft: „Man sieht, dass wir mit dem Ball super Lösungen haben. Wir müssen das einfach über 90 Minuten auf den Platz bringen.“
St. Paulis Antwort lautet dagegen: Die Kiezkicker. Denn Ballbesitz allein gewinnt keine Spiele. Kaars hatte bereits nach wenigen Minuten eine Großchance, erzielte später das 0:1 und hätte nach dem Kieler Anschlusstreffer weitere Treffer erzielen können. Hinzu kamen Oppies große Möglichkeit kurz vor der Pause und weitere Umschaltsituationen. Rapp brachte es auf eine einfache Formel: „Ich glaube, wir hatten insgesamt die größeren Chancen.“
Beides kann gleichzeitig stimmen. Holstein Kiel war die spielbestimmendere Mannschaft. St. Pauli war über weite Strecken die gefährlichere. Deshalb ist das 2:2 letztlich ein Ergebnis, mit dem beide leben können – aber keines, mit dem beide glücklich sein müssen.
Für Kiel bleibt nach zwei Spielen die Erkenntnis, dass Walters offensiver Fußball zunehmend sichtbar wird, die individuellen Fehler aber weiterhin Punkte kosten können. Für St. Pauli steht die Frage, warum eine Mannschaft mit einer 2:0-Führung und den Möglichkeiten zum dritten Treffer einen Gegner noch einmal derart zurück ins Spiel kommen lässt.
Zwei Spiele. Zwei Unentschieden. Zwei Punkte – für beide. Und bei beiden Teams das Gefühl, dass eigentlich mehr drin gewesen wäre.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.

