Als Merlin Polzin und sein Trainerteam vor knapp einem Monat ihre Verträge verlängerten, war der Saisonstart gründlich misslungen. Drei Spiele, null Punkte, Tabellenende. Seitdem hat der HSV jedes Bundesligaspiel gewonnen. Nach dem 1:0 gegen den VfB Stuttgart stehen neun Punkte und Platz neun zu Buche. Was hat sich verändert? Vor allem scheint eine Mannschaft entstanden zu sein, die ihrem Trainer auch in schwierigen Phasen folgt.
Es war durchaus ein bemerkenswerter Zeitpunkt für ein Vertrauensbekenntnis. Der Hamburger SV verlängerte die Verträge mit Merlin Polzin und seinem Trainerteam nach einem Fehlstart in die Bundesliga. Drei Spiele waren absolviert, drei verloren. Statt einer ersten Trainerdiskussion entschied sich der HSV für das Gegenteil: Vertrauen und Kontinuität. Drei Spieltage später sieht die Welt völlig anders aus. Drei Spiele, drei Siege. Neun Punkte. Platz neun.
Natürlich ist es zu einfach, diesen Lauf unmittelbar mit einer Vertragsunterschrift zu erklären. Genau darüber konnte Polzin nach dem 1:0 gegen Stuttgart selbst schmunzeln. Entscheidend ist für ihn etwas anderes: Der HSV habe auch in der schwierigen Anfangsphase nicht begonnen, seinen eingeschlagenen Weg infrage zu stellen. „Wir als Trainerteam, wir als Mannschaft, wir als Verein hier im Volksparkstadion müssen immer von unserem Prozess überzeugt sein“, erklärte Polzin. Gute Momente gehörten dazu – „aber auch schlechte, wie es zu Saisonbeginn der Fall war“.
Der HSV hat gelernt, Bundesliga zu spielen
Dabei bedeutet Überzeugung bei Polzin offenbar nicht, stur immer dasselbe zu machen. Das Stuttgart-Spiel war dafür ein gutes Beispiel. Der HSV überließ dem Champions-League-Teilnehmer gerade zu Beginn viel Ballbesitz, verteidigte leidenschaftlich und musste schwierige Phasen überstehen. Nach der Pause wurde Hamburg mutiger und brachte den Favoriten zunehmend in Bedrängnis.
Polzin formulierte anschließend einen Satz, der die derzeitige Entwicklung ziemlich gut beschreibt: „Der HSV kann in der Bundesliga auf seine Art und Weise bestehen.“ Dabei romantisiert er die aktuelle Serie nicht. „Du musst jede Woche am absoluten Limit sein, um in der Bundesliga bestehen zu können.“ Genau diese Erkenntnis scheint inzwischen bei seiner Mannschaft angekommen zu sein.
Polzin bekommt plötzlich Antworten aus seinem Kader
Auch personell muss der Trainer derzeit Lösungen finden. Kapitän Nicolai Remberg fehlt schwer verletzt, weitere Ausfälle erschweren die Situation. Und trotzdem funktionieren Entscheidungen.
Der gerade 17 Jahre alte Louis Lemke stand gegen Stuttgart bereits zum dritten Mal in dieser Saison in der Anfangsformation. Polzin betonte anschließend, dass dies keineswegs zur Normalität werden dürfe. Der Youngster müsse weiterhin geschützt werden und habe noch viel zu lernen. Gleichzeitig lobte er dessen „Intensität“ und „Willen“, der Mannschaft offensiv wie defensiv zu helfen.
Auch Muheim steht exemplarisch für die Entwicklung. Nach schwierigem Saisonstart habe der Schweizer seine neue Rolle angenommen, „nicht lamentiert“, sondern sich im Training angeboten und in den Dienst der Mannschaft gestellt. Die Belohnung gegen Stuttgart: das Traumtor zum 1:0 in der 88. Minute.
Aus Vertrauen wird vorerst Rechtfertigung
Nach drei Niederlagen hätte der HSV nervös werden können. Stattdessen verlängerte der Verein mit Polzin und seinem Staff. Drei Wochen später wirkt diese Entscheidung nicht mehr mutig, sondern zunächst einmal richtig. Das bedeutet noch lange nicht, dass beim HSV plötzlich alles funktioniert. Das Torverhältnis von 6:15 nach sechs Spieltagen zeigt deutlich, woher die Mannschaft kommt. Auch gegen Stuttgart hätte die Partie durchaus in die andere Richtung kippen können.
Aber genau darin liegt momentan vielleicht die bemerkenswerteste Veränderung. Der HSV gewinnt inzwischen auch Spiele, in denen nicht alles funktioniert. Polzin spricht immer wieder von Prozess, Klarheit und Überzeugung. Solche Begriffe können im Fußball schnell zu leeren Trainerphrasen werden, wenn die Ergebnisse fehlen. Beim HSV bekommen sie gerade ein ziemlich überzeugendes Argument geliefert: neun Punkte aus den vergangenen drei Spielen.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.
