Acht Tore, haarsträubende Fehler, Platzverweise, Diskussionen und ein überraschend deutlicher Halbzeitstand: Das Oberliga Spitzenspiel hielt einiges bereit. Der FC Kilia nutzte die Fehler der bis dahin punktgleichen Holstein-U23 gnadenlos aus, gewann das Stadtderby mit 5:3 und setzte sich damit an die Tabellenspitze. Dabei erzählte das Ergebnis nur einen Teil der Geschichte.
Es war angerichtet für das Spitzenspiel der Oberliga Schleswig-Holstein. Holstein Kiel II und der FC Kilia Kiel gingen punktgleich in das direkte Duell – Tabellenführer gegen Tabellenzweiten, dazu ein echtes Kieler Derby.
Und zunächst sah vieles danach aus, als würde die U23 der Störche ihrer Favoritenrolle gerecht werden. Holstein begann druckvoll, ließ den Ball mit Tempo laufen und hatte durch Mark Richter Monserrat bereits nach wenigen Minuten die erste gute Möglichkeit. Kilia stand etwas tiefer und überließ den Gastgebern zunächst weite Teile des Spielfeldes. Dann benötigten die Gäste praktisch nur eine Gelegenheit, um das Spiel auf den Kopf zu stellen.
Kilia bestraft jeden Fehler
Nach einem Ballgewinn schaltete Kilia blitzschnell um. Jannis Voß leitete den Angriff ein, Drilon Trepca vollendete in der zehnten Minute zum 0:1. Nur sechs Minuten später folgte der nächste schwere Fehler der Jungstörche. Ein missglückter Ball im Spielaufbau eröffnete Jan Matti Seidel die Möglichkeit, aus größerer Entfernung ins verwaiste Tor einzuschieben – 0:2. Holstein spielte weiter Fußball, Holstein hatte mehr vom Spiel – aber Kilia machte die Tore.
Das Muster setzte sich fort. Kian Tack ließ nach 35 Minuten die große Möglichkeit zum Anschlusstreffer liegen. Zwei Minuten später schlug es auf der anderen Seite erneut ein: Marc Schwabe vollendete einen weiteren Kilia-Gegenstoß zum 0:3. Drei Treffer aus wenigen Möglichkeiten – effizienter hätte Kilia eine Halbzeit kaum spielen können.
Trainer Nicola Soranno wusste anschließend durchaus diesen Nachmittag richtig einzuordnen. „Ich glaube, dass heute sehr, sehr viel für uns gelaufen ist. Das brauchst du auch, um hier zu bestehen. Das ist eine unfassbare Mannschaft von Holstein Kiel, die individuell eine wirklich sehr hohe Qualität hat.“ Seine Mannschaft habe aber genau jene Eigenschaften auf den Platz gebracht, die Soranno vor dem Derby eingefordert hatte: „So ein Derby geht nicht immer nur ums Fußballerische, sondern wird vor allem auch im Kopf entschieden – was Mentalität und Kampfbereitschaft angeht.“
Kaps: „Das Spiel an sich fand ich gut von uns“
So kurios es angesichts eines 0:3-Pausenrückstands klingen mag: Auch Holstein-Trainer Freddy Kaps war mit dem spielerischen Auftritt seiner Mannschaft keineswegs grundsätzlich unzufrieden. „Das Spiel an sich fand ich in der ersten Halbzeit gut von uns. Ich finde, wir haben es geschafft, dieses Spiel zu bestimmen, was nicht einfach ist.“
Das Problem lag an diesem Nachmittag an anderer Stelle. Holstein leistete sich in entscheidenden Situationen zu viele Fehler – und traf vorne die falschen Entscheidungen. Kaps versuchte deshalb in der Kabine gar nicht erst, das 0:3 zum alles überlagernden Thema zu machen. Die Botschaft: weiterspielen, aber konsequenter werden. Und tatsächlich meldeten sich die Störche zurück.
Holstein kommt zurück – und schwächt sich selbst
In der 53. Minute fasste sich Richter Monserrat aus der Distanz ein Herz. Sein abgefälschter Schuss landete zum 1:3 im Kilia-Tor. Jetzt wurde es noch einmal richtig interessant. Holstein erhöhte den Druck, Kilia kam immer seltener zu Entlastungsangriffen. Unter anderem verpasste Niko Takahashi eine weitere gute Gelegenheit.
Doch mitten in die KSV-Drangphase schwächten sich die Gastgeber selbst. Valton Mehmeti sah nach wiederholtem Foulspiel Gelb-Rot. Auch Kaps ärgerte sich anschließend über die Kartenverteilung, wollte die Niederlage aber ausdrücklich nicht am Schiedsrichter festmachen. „Am Ende wird es nicht final daran liegen. Trotzdem wäre es schön, wenn wir es schaffen, dass das Spiel sportlich entschieden wird.“
Nach dem Platzverweis wurde es für Holstein noch schwieriger. Tino Klein erhöhte in der 67. Minute mit einem abgefälschten Distanzschuss auf 4:1. Damit hätte dieses Derby eigentlich entschieden sein können. War es aber nicht.
Acht Tore – und Kilia muss trotzdem bis zum Ende zittern
Tayar Tasdelen verwandelte einen Strafstoß zum 2:4 und hielt die Hoffnung der Gastgeber am Leben. Dann schenkte Holstein den Gästen jedoch erneut einen Treffer: Nach einem Fehler des Kieler Torhüters im Spielaufbau war Schwabe zur Stelle und erzielte mit seinem zweiten Treffer das 5:2. Spätestens jetzt musste es das gewesen sein.
Doch auch darauf hatte Holstein noch eine Antwort. Islam Matene verkürzte auf 3:5. Kilia hatte zuvor durch Yannik Jakubowski zudem die Unterkante der Latte getroffen und ließ weitere Möglichkeiten liegen. So wurde aus einem zwischenzeitlich komfortablen 3:0 und späteren 5:2 für Kilia tatsächlich noch einmal ein nervöser Schluss.
Soranno gab anschließend zu, dass die Anspannung irgendwann doch gekommen war: „Fünf bis zehn Minuten vor Schluss, als wir das Gegentor zum 5:3 gekriegt haben, wusste ich: Sobald hier noch ein Ding reinfällt, wird es noch einmal ganz eng.“ Es fiel nicht mehr.
Kilia ist neuer Tabellenführer
Nach einem wilden Kieler Derby stand damit ein 5:3-Auswärtssieg des FC Kilia Kiel – und die neue Tabellenführung, gleichbedeutend mit der Herbstmeisterschaft.
Das Ergebnis sieht deutlicher aus, als sich die Kräfteverhältnisse über weite Strecken auf dem Platz darstellten. Holstein spielte phasenweise den gefälligeren Fußball, hatte Tempo in seinen Kombinationen und kam immer wieder in gefährliche Räume. Aber Fußball wird nicht nach Ballbesitz, spielerischem Eindruck oder gelungenen Kombinationen entschieden.
Kilia war an diesem Nachmittag vor allem eines: gnadenlos. Die Mannschaft von Nicola Soranno erkannte die Fehler der KSV, schaltete schnell um und bestrafte sie mit einer Effizienz, die gerade in einem Spitzenspiel den Unterschied ausmachen kann.
Holstein wiederum zeigte trotz 0:3 und späterer Unterzahl bemerkenswerte Moral und hörte bis zum Ende nicht auf. Nur kann auch die beste Moral irgendwann nicht mehr kompensieren, wenn man einem direkten Konkurrenten zu viele Tore praktisch auflegt. So endet ein Derby, das tatsächlich alles hatte, mit einem neuen Spitzenreiter. Und der heißt FC Kilia Kiel.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.

