Holstein mit Rückenwind in den Endspurt: Walter plötzlich locker, klar und gesprächig

Es war fast schon ein Kontrastprogramm zur vergangenen Woche. Nachdem die letzte Pressekonferenz von Holstein-Kiel-Trainer Tim Walter weit über den sportlichen Rahmen hinaus für Gesprächsstoff gesorgt hatte und viral gegangen war, zeigte sich der 50-Jährige diesmal vor dem Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern von einer ganz anderen Seite: gut gelaunt, ausführlich, offen und sichtlich bereit, auf praktisch jede Frage einzugehen. Es war eine Pressekonferenz, wie man sie sich in Kiel nach den turbulenten Tagen wohl gewünscht hatte – mit klaren sportlichen Inhalten, lockerer Atmosphäre und einem Trainer, der die aktuelle Entwicklung seiner Mannschaft mit spürbarer Überzeugung einordnete.

Auch Pressesprecher Peer Wellendorf eröffnete den Termin mit ein paar Worten zur zuletzt eskalierten Medienrunde. Er machte deutlich, dass sich Holstein Kiel in dieser Saison auf Spieltags-Pressekonferenzen bewusst nicht zu politischen oder gesellschaftspolitischen Themen äußern wolle. Der Fokus solle klar auf dem Sportlichen liegen. Gleichzeitig setzte er mit seinem hellblauen Holstein-Pullover mit regenbogenfarbenen Streifen an den Ärmeln ein sichtbares Zeichen für Vielfalt und Haltung – ohne den Rahmen der PK erneut in eine andere Richtung zu verschieben.

Walter will die Erfolgswelle nicht bremsen

Sportlich hat sich die Lage bei den Störchen zuletzt merklich verbessert. Sieben Punkte aus den vergangenen drei Spielen, inklusive des wichtigen Auswärtssieges in Düsseldorf – die Formkurve zeigt nach oben. Und Walter machte keinen Hehl daraus, dass diese Resultate auch intern Wirkung entfalten.

„Grundsätzlich klar, wenn du Spiele gewinnst, geht es dir besser. Nichts ist schöner als Sieg“, sagte der Kieler Coach. Gleichzeitig betonte er aber auch, dass er die Euphorie und Mentalität seiner Mannschaft schon in den Wochen davor gespürt habe. „Ich habe immer gesehen, dass die Jungs wollen, dass sie alles dafür tun, um Spiele zu gewinnen. Und jetzt ist der Punkt gekommen, dass wir uns dann auch selber belohnen dafür.“

Der Trainer als Schutzschild

Bemerkenswert war auch, wie deutlich Walter seine Rolle innerhalb des Teams beschrieb. Auf die Aussage von Niklas Niehoff angesprochen, der ihn als eine Art großen Beschützer der Mannschaft bezeichnet hatte, bestätigte Walter genau dieses Selbstverständnis.

„Es ist schön, wenn Niklas das so sieht oder wenn Teile der Spieler das so sehen“, sagte Walter. „Ich glaube, dass die Jungs spüren, dass ich immer für sie da bin, dass ich alles versuche, alles von ihnen wegzuhalten.“ Es gehe darum, dass sich die Spieler auf den Platz und ihre Leistung konzentrieren können. Entscheidend sei dann, „dass sie zuhören“ und die Inhalte aus dem Training mitnehmen. „Und das machen sie wirklich sehr, sehr gut.“

Personalpuzzle mit vielen Möglichkeiten

Personell bleibt die Lage bei Holstein spannend. Bis auf die bekannten Langzeitverletzten könne der Kader weitgehend aus dem Vollen schöpfen. Zwar ist Adrian Kapralik gelbgesperrt, doch Walter sieht darin fast schon etwas Positives.

„Es ist wieder einer gelbgesperrt. Trotzdem ist es ja auch ein Stück weit Glück und ein Segen – dann kriegt der andere die Chance“, sagte Walter. Er beschwere sich nie darüber, „weil es einfach so der Kader dann auch hergibt, dass der Nächste wieder zum Einsatz kommt.“

Spannend dürfte vor allem die linke Seite werden, nachdem John Tolkin verletzt ausfällt. Walter machte deutlich, dass mehrere Lösungen möglich seien. Marko Ivezic könnte dort erneut aushelfen, eine Dreierkette sei grundsätzlich denkbar, auch Leon Parduzi bringe als Linksverteidiger gute Ansätze mit. Zudem lobte Walter U23-Spieler Lenny Borges, der im Training ebenfalls einen guten Eindruck hinterlassen habe. Auch Marco Komenda sei nach seiner Verletzung wieder voll im Rennen. Eine offizielle Lösung gibt es aber erst am Freitag.

Ugoh als Symbol für Walters Mut

Ein besonderes Thema blieb erneut Ikem Ugoh, der in Düsseldorf überraschend in der Startelf gestanden und mit einer starken Leistung überzeugt hatte. Walter stellte klar, dass ihn diese Performance keineswegs überrascht habe. „Ich war nicht überrascht, weil ich es ja auch im Training gesehen habe, was der Junge zu leisten imstande ist“, betonte Walter. Ugoh habe sich diese Chance durch seine Leistungen im Training und seine freche, unerschrockene Art verdient.

Mehr Bewegung, mehr Reife, mehr Struktur

Inhaltlich wurde Walter besonders ausführlich, als es um die Entwicklung des Kieler Spielaufbaus ging und die schon recht reife Leistung in Düsseldorf. „Es geht darum, dass du als Spieler etwas machst und beim Gegner etwas bewirkst, dass er eine Gegenreaktion zeigt“, sagte Walter. Genau darum gehe es auch bei den Trainingsinhalten: Rotation, Gegenpressing, Abschlüsse, Positionswechsel – all das werde bewusst eingeübt.

„Ich glaube, dass das Spiel vereinfacht wird, wenn du den Jungs Handlungsmechanismen an die Hand gibst“, so der Cheftrainer. Gerade bei vielen Zuschauern und unter Druck brauche es Ankerpunkte: „Was muss ich eigentlich machen, wenn der Druck zu hoch wird?“

Kaiserslautern offensiv stark, defensiv anfällig

Zum Gegner sagte Walter einiges, ohne sich zu sehr auf mögliche Grundordnungen festlegen zu lassen. Ob Kaiserslautern mit Dreier- oder Viererkette spiele, sei letztlich zweitrangig. „Wir sind auf alles vorbereitet“, sagte Walter. Grundsätzlich attestierte er dem FCK eine große offensive Qualität. „In der Offensive sind sie sehr gefährlich“, erklärte er. Gleichzeitig sei die Mannschaft defensiv anfällig, „und genau da drin liegt die Krux“.

Wichtig werde sein, in der Defensive viel zu investieren, Abschlüsse zu blocken, Flanken zu verhindern und dem Gegner seine Stärken zu nehmen. „Das ist das Ziel: viel zu investieren, viel zu blocken, Pässe nicht zuzulassen, Flanken nicht zuzulassen“, sagte Walter. Im Gegenzug müsse Holstein die eigenen Möglichkeiten nutzen, um auch dem Gegner weh zu tun.

Standards als Schlüssel in engen Spielen

Ein weiterer Schwerpunkt der PK war das Thema Standards. Das entscheidende Tor in Düsseldorf fiel nach einer einstudierten Ecke, und Walter bestätigte, dass daran intensiv gearbeitet werde. „Nicht nur hier bei Holstein, sondern in jeder Liga der Welt ist es so, dass ein Standard ein Spielstand komplett auf den Kopf stellen kann“, sagte er. Deshalb beschäftige sich seine Mannschaft „sehr viel“ mit diesem Bereich. Dabei lobte er vor allem Co-Trainer Dirk Bremser, der für die Standards federführend sei.

Ein Trainer, der wieder bei sich wirkte

Was bei all dem hängen blieb, war nicht nur der sportliche Inhalt, sondern auch die Stimmung. Tim Walter wirkte gelöst, humorvoll und dennoch fokussiert. Er antwortete ausführlich, nahm sich Zeit, erklärte Zusammenhänge – und vermittelte dabei nicht den Eindruck eines Trainers unter Daueranspannung, sondern den eines Coaches, der seine Mannschaft auf einem guten Weg sieht und diesen Weg jetzt mit Rückenwind weitergehen will.

Vielleicht war genau das die eigentliche Botschaft dieser Pressekonferenz: Holstein Kiel wirkt derzeit stabiler – sportlich und atmosphärisch. Und Tim Walter, der zuletzt so angefasst und gereizt wirkte, schien diesmal wieder ganz bei sich zu sein. Vor dem Freitagabendspiel gegen Kaiserslautern ist das für die Störche womöglich fast genauso wichtig wie die sieben Punkte aus den letzten drei Spielen.

Artikel und Bild: Ole Jacobsen.