Holstein verändert sich – und nimmt Hertha erstmals Punkte ab

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Torwart Timon Weiner hielt seiner Mannschaft tadellos den Rücken frei

Holstein Kiel bleibt zwar auch nach dem achten Spieltag ohne Saisonsieg, doch das 0:0 gegen Spitzenreiter Hertha BSC fühlt sich anders an als viele der vorherigen Ergebnisse. Gegen die zuvor makellosen Berliner zeigte die KSV mehr defensive Stabilität, taktische Anpassungsfähigkeit – und einen überragenden Timon Weiner. Vor allem aber wich Tim Walter erstmals sichtbar von einigen bisherigen Prinzipien ab.

Es war eine besondere Ausgangslage unter Flutlicht im ausverkauften Holstein-Stadion. Auf der einen Seite die KSV, Tabellenletzter und noch ohne Sieg. Auf der anderen Hertha BSC, mit sieben Siegen aus sieben Spielen nach Kiel gereist.

Wer angesichts der sportlichen Situation mit einer aufgeheizten Atmosphäre gerechnet hatte, wurde zunächst überrascht. Die Kieler Anhänger unterstützten ihre Mannschaft, präsentierten eine Choreografie und sorgten für eine Stimmung, die wenig von einem Krisenspiel hatte. Und auch auf dem Rasen war einiges anders.

Walter verändert seine Herangehensweise

Schon die Startelf enthielt Überraschungen. Der erst 18-jährige Till Wiese durfte erstmals im Profifußball ran – und das gleich von Beginn an. Daneben kehrte Sebastian Schonlau nach langer Leidenszeit in die Startformation zurück und machte somit sein erstes Pflichtspiel für die Störche.

Noch interessanter war allerdings die taktische Ausrichtung. Holstein verteidigte phasenweise tiefer und kompakter, anstatt Hertha permanent hoch anzulaufen. Auch Timon Weiner suchte wesentlich häufiger als gewohnt den langen Ball. Nach dem Spiel bestätigte Walter, dass dies kein Zufall gewesen war. „Wir sind momentan nicht in der Lage, immer hoch zu pressen, hoch anzulaufen. Von daher war die Herangehensweise, einfach ein bisschen flacher zu agieren.“

Das ist bemerkenswert. Walter verabschiedete sich damit keineswegs von seiner Spielidee. Aber er passte sie der aktuellen Situation und dem Gegner an. Auch beim Spielaufbau. „Ich habe nie gesagt, dass ein langer Ball zum Positionsspiel nicht dazugehört.“ Hertha verteidigte häufig Mann gegen Mann. Genau die Räume hinter dieser ersten Linie wollte Kiel deshalb mit langen Pässen attackieren. Weiner bestätigte später, dass diese Variante bewusst vorbereitet worden war.

Nicht mehr Ballbesitz um jeden Preis

Gerade vor dem Hintergrund der vergangenen Wochen ist das interessant. Walter hatte seine Spielidee trotz ausbleibender Ergebnisse immer verteidigt. Gegen Hertha hatte Kiel am Ende nur 43 Prozent Ballbesitz. Für Walter war das weder ein Kulturschock noch plötzlich die Abkehr vom eigenen Fußball. Vielmehr zeigte sich erstmals sehr deutlich, was er bereits vor der Partie angekündigt hatte: Die Spieler sollten mehr Verantwortung übernehmen und Situationen selbst erkennen.

Holstein wollte weiterhin Fußball spielen – aber nicht um jeden Preis hinten heraus. Das Ergebnis war keine offensive Gala. Aber die KSV wirkte über weite Strecken stabiler.

Hertha besitzt die besseren Chancen

Dabei hätte der Abend durchaus anders enden können. Schon im ersten Durchgang musste Weiner mehrfach aufmerksam sein. Nach einer halben Stunde verhinderte er in einer Eins-gegen-eins-Situation die Berliner Führung. Auf der anderen Seite hatte Kiel kurz vor der Pause seine beste Möglichkeit, als Phil Harres nach einer Hereingabe von Jonas Therkelsen per Kopf zum Abschluss kam und Hertha-Keeper Marius Gersbeck stark parierte.

Nach der Pause erhöhte der Tabellenführer den Druck. Hertha kam häufiger gefährlich vor das Kieler Tor, traf unter anderem den Pfosten und zwang Weiner zu mehreren starken Paraden. Besonders in der Schlussphase wurde der Torhüter endgültig zum Kieler Rückhalt. Zweimal verhinderte er in der 83. Minute mit starken Reaktionen den Rückstand. Weiner selbst wollte seine Leistung anschließend allerdings nicht über die Mannschaft stellen. „Ich glaube, heute haben wir uns das Zu-null auch als Mannschaft einfach verdient.“

Weiner gibt Holstein Energie

Dabei fällt seit Wochen auf, wie demonstrativ Weiner gelungene Aktionen feiert. Auch gegen Hertha ballte er nach Paraden die Fäuste, schrie seine Freude heraus, wie Tennislegende Boris Becker in besten Zeiten, und versuchte sichtbar, seine Vorderleute mitzunehmen.

Darauf angesprochen erklärte er: „Eigentlich bin ich eher ein introvertierter Typ, aber auf dem Platz muss man auch ein bisschen verrückt sein.“ Und weiter: „Ich versuche das natürlich auch auf die Mannschaft zu übertragen.“ Genau diese Energie konnte Holstein an diesem Abend gebrauchen.

Der erste kleine Schritt – mehr aber auch nicht

Man sollte das 0:0 trotzdem nicht größer machen, als es ist. Holstein Kiel wartet weiterhin auf den ersten Ligasieg. Ein Punkt verändert die Tabelle nicht grundsätzlich. Und offensiv fehlte erneut die letzte Konsequenz. Gerade nach Berliner Ballverlusten erkannte die KSV einige Umschaltmöglichkeiten zu spät.

Aber im Gegensatz zu manchen vorherigen Spielen war eine Anpassung zu erkennen. Noah Madsen bestätigte nach der Partie, dass das kompaktere Verteidigen während der Woche ein Thema gewesen war. Gleichzeitig betonte er, dass Kiel mit Ball an seiner Identität festhalten wolle.

Genau darin könnte der wichtigste Erkenntnisgewinn dieses Abends liegen: Anpassung muss nicht Aufgabe der eigenen Identität bedeuten. Walter selbst machte daraus nach dem Spiel kein Geheimnis. „Du musst dich für jeden Gegner anpassen. Und das machen wir auch für jeden Gegner.“

Und plötzlich feiern die Fans wieder

Bemerkenswert war schließlich auch das Bild nach Abpfiff. Nach dem Frust der vergangenen Wochen feierten die Zuschauer ihre Mannschaft wieder. Statt Pfiffen gab es Anerkennung für Einsatz und Leistung. Auch Weiner registrierte diesen Unterschied. Natürlich hätte er lieber drei Punkte mitgenommen. Doch gegen eine Mannschaft, die zuvor sämtliche Ligaspiele gewonnen hatte, wertete auch er den Punkt als etwas, auf dem sich aufbauen lässt.

Walter reagierte auf die Frage, ob ein Punkt angesichts der Tabellenlage überhaupt reichen könne, beinahe gereizt: „Wir haben heute gegen den Tabellenführer gespielt. Die haben siebenmal am Stück gewonnen. Welcher Anspruch herrscht hier eigentlich?“

Das 0:0 löst Holsteins Probleme nicht. Aber erstmals seit einiger Zeit konnte man zumindest erkennen, wie die KSV aus ihnen herauskommen möchte. Und vielleicht war das an diesem Freitagabend wichtiger als weitere schöne Statistiken über Ballbesitz und Strafraumkontakte.

Artikel und Bild: Ole Jacobsen.

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