Der Hamburger SV hat einen lange offenen und über weite Strecken schwierigen Bundesliga-Nachmittag gegen den VfB Stuttgart spät für sich entschieden. Gegen den Champions-League-Teilnehmer benötigte der HSV Geduld, einen überragenden Daniel Heuer Fernandes – und schließlich einen Geniestreich seines Rückkehrers: Miro Muheim hämmerte den Ball in der 88. Minute aus rund 20 Metern zur umjubelten 1:0-Führung ins Netz. Dabei sah es lange nicht danach aus, als würde der HSV diesen Nachmittag als Sieger beenden.
Stuttgart dominiert die Anfangsphase
Nicht einmal eine Minute war gespielt, da setzte der VfB mit einem gefährlichen Distanzschuss das erste Ausrufezeichen. Anschließend sorgte zunächst Pyrotechnik für dichten Nebel im Volksparkstadion – und als die Sicht wieder besser wurde, gehörte das Spiel zunächst fast ausschließlich den Gästen.
Merlin Polzin hatte seine Mannschaft vergleichsweise tief eingestellt. Stuttgart durfte den Ball haben, der HSV konzentrierte sich auf Kompaktheit und mögliche Umschaltsituationen. Das Problem: In den ersten 20 Minuten gab es kaum etwas umzuschalten. Stuttgart ließ den Ball laufen und drängte Hamburg tief in die eigene Hälfte. Der HSV bekam kaum längere Ballbesitzphasen zustande. Lediglich Fabio Vieira hatte früh mit einem Abschluss ein offensives Lebenszeichen gesetzt. Auf der anderen Seite wurde es mehrfach gefährlich. Die Stuttgarter kamen vor allem über Hereingaben und Kopfbälle zu Möglichkeiten.
Nach 25 Minuten wacht der HSV auf
Erst Mitte der ersten Hälfte veränderte sich die Partie. Hamburg wurde aggressiver in den Zweikämpfen, rückte mutiger nach und schaffte es erstmals, den Ball über längere Phasen in den eigenen Reihen zu halten.
In der 27. Minute folgte die bis dahin beste Hamburger Möglichkeit. Nach einer Ecke kam Sebastiaan Bornauw zum Kopfball und zwang VfB-Keeper Dennis Seimen zu einer starken Parade. Plötzlich war Hamburg im Spiel. Stuttgart blieb allerdings die gefährlichere Mannschaft. In der 39. Minute hatte der HSV Glück, als Deniz Undav aus kurzer Distanz nur den Außenpfosten traf. So ging es torlos in die Kabinen – ein Ergebnis, mit dem die Hamburger angesichts der ersten 25 Minuten gut leben konnten.
Nach der Pause ist plötzlich Feuer drin
Das Bild änderte sich nach Wiederbeginn zunächst grundlegend. Jetzt war der HSV da. Fabio Vieira setzte einen Freistoß knapp am Tor vorbei. Wenig später brachte Hamburg den Ball von rechts gefährlich in den Strafraum, Yussuf Poulsen kam am zweiten Pfosten zum Kopfball und verpasste die Führung nur knapp. Innerhalb weniger Minuten hatte der HSV offensiv mehr angeboten als über weite Strecken der gesamten ersten Hälfte.
Doch Stuttgart antwortete. Erst landete ein Abschluss an der Latte, anschließend musste Heuer Fernandes sein ganzes Können zeigen. Undav nahm den Ball mit links volley – doch der Hamburger Schlussmann reagierte herausragend und verhinderte mit einer spektakulären Parade den Rückstand. Es entwickelte sich nun tatsächlich ein Spiel mit Möglichkeiten auf beiden Seiten.
Stange kommt – Stuttgart übernimmt wieder
Nach einer Stunde brachte Polzin Otto Stange für Poulsen. Der junge Angreifer hatte gegen die körperlich starke Stuttgarter Defensive allerdings einen schweren Stand und konnte zunächst kaum Akzente setzen. Auch die weiteren Hamburger Wechsel brachten nicht den erhofften unmittelbaren Effekt. Unter anderem kamen Terem Moffi und der nach Verletzung zurückgekehrte Albert Grønbæk, während mit Vieira einer der kreativsten Hamburger den Platz verließ.
Je länger die Partie dauerte, desto stärker übernahm Stuttgart wieder die Kontrolle. Bemerkenswert auch deshalb, weil der VfB erst wenige Tage zuvor noch international gefordert gewesen war. Von einem körperlichen Einbruch war wenig zu sehen. Vielmehr wirkte es in der Schlussphase zeitweise so, als hätten die Gäste noch etwas mehr im Tank. In der 86. Minute bot sich Stuttgart noch einmal eine gute Möglichkeit, doch der Abschluss ging rechts am Hamburger Tor vorbei. Alles deutete auf ein 0:0 hin. Dann kam Miro Muheim.
Muheim mit einem Strahl ins Glück
Der Ball landet rund 20 Meter vor dem Stuttgarter Tor bei Muheim. Der Schweizer nimmt Maß und zieht mit seinem starken linken Fuß ab. Ein Strahl. Der Ball schlägt nahezu im Winkel ein. 1:0 HSV. Der Volkspark explodiert. Ausgerechnet Muheim, der an diesem Nachmittag für den schwer verletzten Nicolai Remberg auf der Sechs spielte, wie schon nach seiner Einwechslung in Hoffenheim, sorgte für den entscheidenden Moment. Es war kein herausgespieltes Tor nach einer langen Hamburger Druckphase. Es war eine individuelle Aktion, die ein enges Spiel entschied. Und manchmal braucht es genau das.
Heuer Fernandes hält – Muheim entscheidet
Der Sieg erzählt deshalb auch zwei Geschichten. Die eine gehört Muheim. Sein Distanzschuss war der Moment, der aus einem möglichen Punkt drei machte. Die andere gehört Heuer Fernandes. Der Hamburger Torhüter hielt seine Mannschaft insbesondere in der zweiten Hälfte mit starken Paraden im Spiel. Stuttgart besaß die Möglichkeiten zur Führung, traf Aluminium und scheiterte mehrfach am HSV-Keeper. Ohne Heuer Fernandes hätte Muheims großer Moment möglicherweise gar keine Bedeutung mehr gehabt.
Ein Sieg, der nicht selbstverständlich war
Dass Hamburg diesen Gegner spielerisch beherrscht hätte, wäre die falsche Geschichte dieses Nachmittags. Stuttgart hatte lange mehr Ballbesitz, die besseren Phasen und einige der größeren Möglichkeiten. Der HSV musste arbeiten, verteidigen und phasenweise leiden. Aber Polzins Mannschaft überstand die schwierige Anfangsphase, fand nach rund 25 Minuten besser ins Spiel und zeigte unmittelbar nach der Pause ihre stärkste Phase.
Vor allem aber blieb sie bis zum Schluss im Spiel. Und dann reicht manchmal ein einziger Moment. An diesem Nachmittag gehörte er Miro Muheim. 88 Minuten lang musste der Volkspark warten. Dann holte der Kapitän mit seinem linken Fuß zum Schuss aus – und verwandelte einen schwierigen Bundesliga-Nachmittag in einen Hamburger Fußballfesttag.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.
