Holstein Kiel hat sein erstes Testspiel der Sommervorbereitung mit 1:3 gegen den dänischen Zweitligisten FC Fredericia verloren. Für Cheftrainer Tim Walter spielte das Ergebnis allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Im Mittelpunkt standen Intensität, Erkenntnisse und die Entwicklung seiner Mannschaft. Außerdem sprach der 50-Jährige über Neuzugang und Hoffnungsträger Sebastian Schonlau, seine hohen Anforderungen und warum in seiner Vorbereitung alles mit Ball passiert.
Herr Walter, wie fällt Ihr Fazit nach dem ersten Testspiel aus?
Tim Walter: Viele Aufschlüsse. Gute Intensität, viel Laufbereitschaft. Alles andere war heute gar nicht so wichtig.
Fredericia ist bereits deutlich länger in der Vorbereitung. Hat man diesen Vorsprung gemerkt?
Es geht nur darum, ob du selber müde bist und trotzdem über den Punkt gehen kannst. Wenn du müde bist, leidet natürlich die Konzentration. Dann passieren kleine Fehler und die werden bestraft. Aber grundsätzlich macht dieser Vorsprung für mich keinen großen Unterschied.
Sie haben heute sehr viel gecoacht und speziell auf die Positionierung Ihrer Spieler geachtet. Bei Ikem Ugoh haben Sie sogar gesagt: „Ich habe doch hier kein Playstation-Gamepad in der Hand.“ Worauf legen Sie dabei besonderen Wert?
Es geht um das richtige Stellungsspiel beim Verteidigen. Ob jemand im Mittelfeld spielt oder auf der Außenbahn, spielt erstmal keine Rolle. Entscheidend ist das Verhalten in der Kette, also Breite und Höhe richtig zu verteidigen. Das muss Ikem lernen. Er ist ein junger Bursche, bringt aber eine enorme Dynamik mit. Ich glaube, dass die Außenbahn eine sehr gute Position für ihn werden kann. Deshalb probieren wir das jetzt aus.
Nach nur einer Trainingswoche und dem ersten Testspiel – welche Erkenntnisse nehmen Sie mit?
Es hat viel Spaß gemacht. Wir haben sehr viel trainiert, die Jungs sind müde. Genau darum geht es aber auch.
Markus Müller begann heute auf dem linken Flügel. War das ein bewusster Test?
Ja. Ich glaube, dass er mit seiner Wucht aus der Tiefe kommen kann, anstatt sich vorne permanent durchkämpfen zu müssen. Das kann eine Option sein. Testspiele sind schließlich zum Testen da.
Holstein hat sehr hoch gepresst, war bei Ballverlusten aber anfällig für Konter. War das heute bewusst in Kauf genommen?
Es geht immer um Konterabsicherung und Restfeldverteidigung. Dann müssen aber auch die Innenverteidiger wach sein und ins Mittelfeld nachschieben. Uns geht es darum, eine hohe Intensität zu entwickeln, hohe Ballgewinne zu erzielen und mehr Tiefe anzubieten. Das hat in der ersten Halbzeit noch nicht gut funktioniert. Trotzdem hatten wir nach der Pause genug Torchancen, um ein anderes Ergebnis zu erzielen.
Die erste Trainingswoche war bereits sehr intensiv. Wird das in den kommenden Wochen so weitergehen?
Nur die Harten kommen in den Garten. Es geht darum, dass die Jungs über Härten hinweggehen und Widerstände überwinden können. Das brauchen wir in der Liga. Ich lasse die Jungs nicht einfach nur laufen. Wir machen alles mit Ball. Aber auch das ist extrem intensiv – mit vielen Sprints, Richtungswechseln, Abbremsen und erneutem Antritt. Das tut weh, genau darum geht es.
Anfang der Woche war Sebastian Schonlau noch Spekulation, jetzt ist er da. Ist er genau der Spieler, der Ihre Spielidee in der Defensive noch besser auf den Platz bringen kann?
Er kann uns definitiv weiterhelfen. Aber wir müssen erstmal etwas bremsen. Er hat lange nicht gespielt und wir müssen schauen, auf welchem Stand er wirklich ist. Physisch bringt er eine gute Grundlage mit, weil er trainiert hat. Was ihm fehlt, ist die Matchpraxis. Die bekommst du eben nur durch Spiele. Aber ja, er kann mein Coaching auf dem Platz sicherlich unterstützen.
Ist seine Verpflichtung trotz der Verletzungshistorie ein Risiko?
Nein. Die Chancen überwiegen ganz klar. Mit seinem Mindset kann er uns auf und neben dem Platz enorm helfen. Ich sehe da überhaupt kein Risiko.
Sie waren heute an der Seitenlinie sehr klar und auch kritisch gegenüber Ihren Spielern. Ist diese direkte Ansprache Teil Ihrer Philosophie?
Immer. Die Jungs wissen ganz genau, woran sie bei mir sind. Es geht immer ausschließlich um das Spiel und darum, was auf dem Platz passiert – niemals um den Menschen. Das wissen die Spieler auch.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.

