Holstein Kiel steht vor dem Duell Letzter gegen Erster unter enormem Druck. Vor dem Heimspiel gegen Hertha BSC gewährte Tim Walter ungewöhnlich tiefe Einblicke in seine Arbeit mit der Mannschaft. Der KSV-Trainer sieht Fortschritte in vielen statistischen Bereichen – aber ein entscheidendes Problem: Seine Spieler müssen mutiger werden, Verantwortung übernehmen und ihre Entscheidungen konsequenter durchziehen.
Es war eine bemerkenswerte Pressekonferenz. Nicht, weil Tim Walter plötzlich seine grundsätzliche Überzeugung infrage gestellt hätte. Ganz im Gegenteil. Aber selten hat der Trainer von Holstein Kiel so ausführlich erklärt, warum seine Mannschaft trotz guter statistischer Werte nach sieben Spieltagen noch immer ohne Sieg dasteht.
Walter sprach über taktische Abläufe, lange Bälle, zweite Bälle, Flanken, Standards, Entscheidungsfindung und die Verantwortung seiner Spieler. Und irgendwann fiel ein Satz, der vielleicht mehr über die aktuelle Situation der Kieler aussagt als sämtliche Statistiken. Bei anderen Mannschaften beobachte er eine Qualität, die seiner KSV derzeit teilweise fehle: „Die trauen sich. Entschuldigung: Die scheißen sich nicht ein, einen Fehler zu machen.“
Walter erkennt ein Problem in den Köpfen
Es ist eine interessante Analyse, weil Walter damit nicht das grundsätzliche System infrage stellt. Der Rahmen seiner Spielidee funktioniere. Seine Mannschaft komme in die gewünschten Räume. Nun gehe es um das, was innerhalb dieses Rahmens passiert. „Jetzt liegt es an den Jungs, dass sie auch auf dem Platz Verantwortung übernehmen.“
Das betreffe praktisch jede Position. Wann spielt Torhüter Timon Weiner gezielt lang? Wann müssen Sechser und Achter auf den zweiten Ball reagieren? Wann geht ein Flügelspieler ins Dribbling? Wann wird abgespielt? Und vor allem: Wann wird abgeschlossen?
Walter verlangt, dass seine Spieler diese Entscheidungen nicht nur treffen, sondern anschließend auch vollständig vertreten. „Sie müssen lernen, ihre eigenen Entscheidungen voll durchzuziehen.“ Genau darin sieht der Trainer momentan offenbar eine entscheidende Blockade.
„Nicht immer nur die Verantwortung weitergeben“
Bereits zuvor hatte Walter das Thema innerhalb der Mannschaft angesprochen. Kapitän Jonas Meffert müsse Verantwortung übernehmen, ebenso die zurückkehrenden erfahrenen Spieler und die Innenverteidiger. Doch Verantwortung meint für Walter nicht nur Kommunikation oder Führungsstärke. Sie zeigt sich für ihn auch am Ball.
Statt noch einmal den vermeintlich besser postierten Mitspieler anzuspielen, müsse ein Spieler manchmal selbst abschließen: „Übernimm die Verantwortung, sei konsequent, hau drauf und versuch dein Glück.“ Das ist bemerkenswert, weil es einen Teil der Kritik aufgreift, die Holstein seit Wochen begleitet: viel Ballbesitz, viele kontrollierte Aktionen – aber zu wenig Konsequenz.
Warum flankt Holstein so selten?
Besonders interessant wurde die Pressekonferenz bei einer konkreten taktischen Frage. Wenn Holstein bei zweiten Bällen inzwischen stark sei und gleichzeitig über kopfballstarke Strafraumspieler verfüge – warum werden dann vergleichsweise wenige Flanken geschlagen? Walter stimmte der grundsätzlichen Beobachtung ausdrücklich zu.
Auch hier landete er beim Thema Verantwortung. Gegen Braunschweig habe Holstein beispielsweise keine einzige Ecke kurz ausgeführt. Trotzdem sei daraus nichts Entscheidendes entstanden. Gleichzeitig verwies Walter auf gute Wahrscheinlichkeits-Werte bei Standards. Doch der Trainer räumte ein: „Flanken – das ist definitiv ein Punkt, wo wir immer wieder Verantwortung weiterschieben.“
Es geht also offenbar nicht um ein taktisch verordnetes „Flankenverbot“. Walter möchte vielmehr, dass seine Spieler selbst erkennen, wann die Hereingabe die richtige Entscheidung ist – und sie dann mit Überzeugung ausführen.
Lang ist nicht verboten – aber gezielt muss es sein
Ähnliches gilt für lange Bälle. Walters Fußball wird häufig mit konsequentem flachen Aufbau verbunden. Doch auch hier stellte der Trainer klar: Spielt Weiner einen langen Ball, sei er „der Letzte“, der grundsätzlich etwas dagegen habe. Entscheidend sei die Vorbereitung. Die nachrückenden Mittelfeldspieler müssten erkennen, dass sie auf den zweiten Ball gehen müssen. Und der lange Ball dürfe nicht aus einer Notsituation heraus irgendwohin geschlagen werden. Er müsse gezielt gespielt werden.
Walter sieht hier sogar Fortschritte. Bei gewonnenen zweiten Bällen gehöre Holstein mittlerweile zu den besten Mannschaften der Liga. Damit wird auch klarer, was Walter unter der Weiterentwicklung seiner Spielidee versteht: nicht Ballbesitz um jeden Preis, sondern unterschiedliche Lösungen innerhalb eines vorgegebenen Rahmens.
„Ballbesitz ist nicht von A nach B“
Genau diesen Vorwurf – Holstein spiele den Ball zu häufig ohne Wirkung – wollte Walter nicht stehen lassen. „Ballbesitz ist dazu da, näher ans gegnerische Tor zu kommen.“ Und dann formulierte er es noch anschaulicher: „Ballbesitz ist nicht von A nach B spielen, sondern vielleicht auch mal von A nach C spielen.“ Die Konsequenz müsse immer das gegnerische Tor sein. Holstein habe viele Ballkontakte im gegnerischen Strafraum und viel Ballbesitz im letzten Drittel. Doch aus diesen Situationen entstehe noch zu wenig Zählbares.
Von „grobmaschig“ zu „feiner“
Spannend war auch Walters Antwort auf die Frage, warum seine Mannschaft am Ende der vergangenen Saison bereits Ergebnisse erzielte, die Entwicklung nach einer kompletten Sommertransferperiode aber scheinbar ins Stocken geraten ist. Walter sieht paradoxerweise gerade die Weiterentwicklung als Teil des Problems. Im vergangenen Jahr habe seine Mannschaft noch „grobmaschiger“ spielen können. Inzwischen seien die Kieler an einem Punkt angekommen, an dem es um Präzision und Details gehe. „Jetzt bringe ich sie alle dahin. Jetzt geht es aber wirklich um Präzision. Jetzt geht es um Details – und das ist das Schwierigste im Fußball.“ Dabei nahm Walter auch sich selbst ausdrücklich in die Verantwortung. Er müsse erkennen, wo er seinen Spielern Dinge vereinfachen könne.
Hertha: „Ungeschlagen, aber nicht unschlagbar“
Nun wartet ausgerechnet Hertha BSC. Der Tabellenführer hat sieben Spiele in Folge gewonnen. Walter sieht mittlerweile vor allem einen Unterschied zur Berliner Vergangenheit: „Vorher waren es viele gute Einzelspieler, jetzt ist es eine Mannschaft.“ Genau diese Geschlossenheit sei in der 2. Bundesliga ein entscheidender Faktor.
Angst verbreitet die Ausgangslage bei Walter trotzdem nicht. „Sie sind vielleicht ungeschlagen, aber sie sind nicht unschlagbar.“ Holstein sei seinerseits zu Hause noch ungeschlagen – wolle nun allerdings endlich gewinnen. Und Walter malte bereits das passende Kieler Szenario: „Freitagabend, Kiel, Scheißwetter – und dann müssen sie zum Tabellenletzten.“ Seine Mannschaft müsse alles hineinwerfen und dafür sorgen, „dass es ein sehr, sehr unangenehmes Spiel für den Gegner wird“.
„Ich will aber auch gewinnen“
Zum Ende der ungewöhnlich langen Pressekonferenz wurde Walter schließlich mit einem weiteren Eindruck konfrontiert: Könnten seine vielen positiven Statistiken nach außen den Eindruck erwecken, bei Holstein werde sich trotz Tabellenplatz und ausbleibender Siege zu sehr auf die Schulter geklopft?
Walter konnte die Wahrnehmung nachvollziehen – wollte aber entschieden dem Eindruck widersprechen, die Situation lasse ihn kalt. „Wenn ich Spiele verliere, bin ich wahrscheinlich der unausstehlichste Mensch der Welt.“ Und dann: „Ich kann alle total verstehen. Letztendlich will man gewinnen. Ich will aber auch gewinnen. Die brauchen nicht denken, dass ich nicht gewinnen will.“ Er stelle sich jeder Herausforderung, jeder Frage und jeder Aufgabe. Die interne Kritik allerdings gehöre für ihn weiterhin nach innen.
Am Freitagabend bekommt Holstein nun die nächste Gelegenheit. Ausgerechnet gegen die Mannschaft, die bislang alles gewonnen hat. Und vielleicht passt gerade deshalb Walters vielleicht prägnanteste Botschaft dieser Pressekonferenz: Nicht weniger Fußball spielen. Nicht die Idee über Bord werfen. Sondern endlich den Mut haben, die entscheidende Aktion selbst zu Ende zu bringen.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.

