„Schieß nicht!“ – warum Miro Muheim trotzdem abzog

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Trainer Merlin Polzin nahm Matchwinner Miro Muheim nach Abpfiff in die Arme

Es läuft die 88. Minute gegen den VfB Stuttgart. Beim Stand von 0:0 kommt Miro Muheim rund 20 Meter vor dem Tor an den Ball – und hört noch die Rufe, bloß nicht zu schießen. Der Schweizer macht es trotzdem und lässt mit seinem Traumtor den Volkspark explodieren. Es ist die nächste bemerkenswerte Wendung in Muheims noch junger Saison.

Manchmal ist es besser, nicht auf die Mitspieler zu hören. 88 Minuten waren im Volksparkstadion gespielt. Der HSV und der VfB Stuttgart steuerten auf ein 0:0 zu, mit dem die Hamburger gegen den Champions-League-Teilnehmer durchaus hätten leben können. Dann bekam Miro Muheim den Ball. Und während der Schweizer bereits Maß nahm, waren offenbar nicht alle seiner Kollegen von der Idee eines Distanzschusses begeistert. „Ich habe schon gehört: ‚Schieß nicht! Schieß nicht! Tu ihn raus, tu ihn raus!‘“, erzählte Muheim anschließend lachend in der Mixed Zone. Gut für den HSV, dass er nicht darauf hörte.

Muheim merkt sofort: Der sitzt

Muheim zog mit seinem linken Fuß ab und jagte den Ball nahezu unhaltbar ins Stuttgarter Tor. 1:0. Der Volkspark explodierte. Schon beim Kontakt mit dem Ball hatte der 28-Jährige gespürt, dass dieser Versuch anders war. „Als ich ihn getroffen habe, habe ich schon gespürt, dass ich ihn gut treffe. Dass er dann natürlich so reinfliegt, kann man nicht voraussehen.“

Was danach passierte, konnte Muheim unmittelbar nach der Partie selbst noch kaum einordnen. „Ich glaube, ich habe es noch gar nicht so richtig realisiert.“ Vor allem der anschließende Jubel vor der Nordtribüne habe sich eingebrannt: „Das war unfassbar.“

Bornauw: „Er hat einen geilen, geilen Fuß“

Dass Muheim aus dieser Entfernung abzieht, dürfte zumindest seine Mannschaftskollegen nicht überrascht haben. Im Training erleben sie regelmäßig, welche Qualität der linke Fuß des Schweizers besitzt. Sebastiaan Bornauw wollte deshalb auch nichts davon wissen, Muheims Distanztreffer als glücklichen Sonntagsschuss abzutun. „Einige haben mich gefragt, ob das Glück ist. Ich sage: Nein.“

Und der Innenverteidiger erteilte seinem Mitspieler für die Zukunft praktisch die permanente Schusserlaubnis: „Er hat einen geilen, geilen Fuß. Wenn er schießt, darf er von mir überall schießen. Das kann einfach ein Tor werden.“ Eine bemerkenswerte Aussage angesichts dessen, was Muheim Sekunden vor seinem Treffer noch auf dem Platz gehört hatte.

Vom schwierigen Start zum Matchwinner

Dabei verlief Muheims Saisonstart keineswegs geradlinig. Nach seiner verspäteten Rückkehr in die Vorbereitung und einer Verletzung musste sich der Schweizer zunächst wieder herankämpfen. Gleichzeitig veränderte sich seine Rolle innerhalb der Mannschaft. Trainer Merlin Polzin lobte nach dem Stuttgart-Spiel ausdrücklich, wie Muheim mit dieser Situation umgegangen sei. Er habe „nicht lamentiert“, sondern sich im Training angeboten, Gas gegeben und sich in den Dienst der Mannschaft gestellt.

Inzwischen spielt Muheim zunehmend im Zentrum. Für ihn selbst ist die Rolle noch ungewohnt. „Dieses Wochenende ist es mir auf jeden Fall schon leichter gefallen als letzte Woche. Deshalb denke ich auch: Wenn ich da weiterhin spiele, werde ich da immer mehr reinwachsen.“ Eine starre Position gibt es dabei ohnehin nicht. Mal agiert Muheim tiefer auf der Doppelsechs, mal schiebt er weiter nach vorne. „Wir sind da eigentlich ziemlich flexibel und schauen, was es gerade braucht.“ Gegen Stuttgart brauchte es in der 88. Minute vor allem eines: seinen linken Fuß.

„Wir sind einfach klar geblieben“

Muheims Entwicklung passt damit ziemlich gut zur Entwicklung des gesamten HSV. Nach drei Niederlagen zum Saisonstart blieben Verein, Trainerteam und Mannschaft ruhig. Inzwischen haben die Hamburger drei Bundesligaspiele in Folge gewonnen. „Wir hatten einen schwierigen Start in die Saison und sind einfach klar geblieben, bei uns geblieben“, sagt Muheim. „Wir wussten, wo wir schrauben müssen, wo wir besser werden müssen, und haben Woche für Woche daran gearbeitet.“

Dass der Verein trotz der sportlich schwierigen Situation nicht unruhig wurde, sei für die Mannschaft von großer Bedeutung gewesen. „Wenn es von außen turbulent wurde, wurde hier drin einfach weiter ruhig gearbeitet.“ Das helfe Spielern und Trainern, sich auf die fußballerische Arbeit zu konzentrieren. Gegen Stuttgart wurde diese Ruhe spät belohnt. Mit einem Ball, den Miro Muheim eigentlich gar nicht schießen sollte. Vielleicht ruft beim nächsten Mal niemand mehr „Schieß nicht!“.

Artikel und Bild: Ole Jacobsen.

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