Und täglich grüßt das Murmeltier: Wie lange ist Holsteins „guter Weg“ noch gut?

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Erneut kein Sieg und die dritte Auswärtsniederlage - Enttäuschtung bei Holstein Kiel (Hier Archivbild von Adrian Kapralik)

Sieben Spiele, kein Sieg, vier Punkte – und wieder kostet ein individueller Fehler Holstein Kiel ein Spiel. Beim 0:1 in Braunschweig wiederholen sich nicht nur die Probleme, sondern auch die Erklärungen. Trainer Tim Walter sieht weiterhin viel Gutes. Doch irgendwann muss die Frage erlaubt sein: Liegt es an der Qualität der Spieler – oder passt die Spielidee nicht zur Mannschaft?

Es sollte alles besser werden nach der XXL-Länderspielpause. Holstein Kiel hatte Zeit. Zeit zum Trainieren. Zeit für taktische Anpassungen. Zeit, um Fehler aufzuarbeiten und das Risiko in entscheidenden Situationen zu minimieren. Sogar ein Abstecher nach Malente gehörte zum Programm. Dann kamen 90 Minuten in Braunschweig. Und irgendwie fühlte sich anschließend alles an wie vorher.

Holstein Kiel verliert bei Eintracht Braunschweig mit 0:1 und bleibt auch nach sieben Spieltagen die einzige Mannschaft der 2. Bundesliga ohne Sieg. Vier Punkte bedeuten laut Sky sogar einen neuen Vereinsnegativrekord zu diesem Zeitpunkt. Seit neun Zweitligaspielen wartet die KSV saisonübergreifend auf einen Sieg, erstmals blieb sie zudem in drei Zweitliga-Auswärtsspielen hintereinander ohne eigenes Tor.

Rebbe stärkt Walter – dann folgt die nächste Niederlage

Dabei hatte Sportchef Olaf Rebbe unmittelbar vor dem Spiel bei Sky noch einmal eine bemerkenswert deutliche Jobgarantie ausgesprochen. Man stehe zu „100 Prozent“ hinter Tim Walter und dessen Spielweise. Die Position des Trainers stehe nicht zur Diskussion.

90 Minuten später hat sich zumindest sportlich nichts an der schwierigen Situation geändert. Und wieder war es eine Szene, die inzwischen fast symptomatisch für die Kieler Saison erscheint. Ivan Nekic spielte in der elften Minute einen folgenschweren Fehlpass in der eigenen Hälfte. Braunschweigs Urbich spritzte dazwischen und nutzte das Geschenk zum 1:0.

Tim Walter Sprach in den letzten Wochen immer wieder von „Entscheidungsfindung“ seiner Spieler. Nekic hätte sich entscheiden können, den Ball einfach nach vorne zu klären, aber er entschied sich im Sinne des Walter-Fußballs und versuchte den Ball in Bedrängnis zu kontrollieren und einen Pass zum eigenen Torwart zu spielen. Das Ende ist bekannt.

Wieder der Fehler. Wieder zu wenig Konsequenz. Wieder keine Punkte.

Natürlich kann man ein Fußballspiel auf einen individuellen Fehler reduzieren. Man kann sagen: Ohne diesen Fehlpass fällt das 0:1 nicht. Man kann darauf verweisen, dass Holstein Möglichkeiten hatte und bei den Expected Goals sogar leicht vor Braunschweig lag. Doch nach sieben sieglosen Spielen wird eine andere Frage immer wichtiger: Wie individuell sind individuelle Fehler eigentlich noch, wenn sie sich permanent wiederholen?

Immer wieder sind es unnötige Ballverluste und Fehlpässe im Spielaufbau, die Holstein in Schwierigkeiten bringen. Immer wieder fehlt offensiv die letzte Konsequenz. Zu selten wird aus langen Ballbesitzphasen wirkliche Torgefahr. Der Ball läuft von links nach rechts und wieder zurück – aber im gegnerischen Strafraum passiert zu wenig. Gerade dort sollte nach der Länderspielpause angesetzt werden. Zu sehen war davon in Braunschweig zumindest zu wenig.

Walter: „Da kann man den Jungs überhaupt keinen Vorwurf machen“

Und dann kommen die Erklärungen. Auch die ähneln inzwischen denen der vergangenen Wochen. Tim Walter stellte sich nach der Partie bei Sky vor seine Mannschaft. Seine Spieler hätten „vieles sehr, sehr gut gemacht“, alles investiert, sich reingeworfen, nach vorne gespielt und verteidigt.

Sein Fazit: „Da kann man den Jungs überhaupt keinen Vorwurf machen.“ Den entscheidenden Fehler von Nekic ordnete Walter als Teil des Spiels ein. „Es ist ein Fehlersport. Das ist einfach ein Fehlersport.“

Natürlich hat er damit recht. Fußball ist ein Fehlersport. Doch wenn dieselben Fehler Woche für Woche Punkte kosten, darf irgendwann die nächste Frage gestellt werden: Warum passieren sie immer wieder?

Wie lange reicht ein „guter Weg“ ohne Ergebnisse?

Schon vor der Partie hatte Walter erklärt, seine Mannschaft befinde sich auf einem „richtig guten Weg“. Auch nach der Niederlage in Braunschweig blieb seine Bewertung grundsätzlich positiv. Die Mannschaft habe den richtigen Drive und den richtigen Willen. „Jetzt müssen wir uns halt mal irgendwann nicht bestrafen, sondern vielleicht eher belohnen“, sagte der Kieler Trainer bei Sky.

Auch diesen Satz kennt man inzwischen in unterschiedlichen Variationen. Sich belohnen. Die richtigen Entscheidungen treffen. Fehler abstellen. Weitermachen. An den Weg glauben.

Nur: Wann wird aus einem guten Weg ein falscher Weg, wenn das Ziel immer weiter entfernt bleibt? Fußball wird am Ende nicht nach guten Trainingswochen, Ballbesitz oder Engagement bewertet. Fußball ist Ergebnissport. Und die Ergebnisse sind inzwischen eindeutig.

Sind die Spieler zu schwach – oder ist der Fußball zu anspruchsvoll?

Damit führt die Diskussion zwangsläufig zu einer unangenehmen Qualitätsfrage. Wenn Walter seiner Mannschaft regelmäßig bescheinigt, alles investiert und vieles gut gemacht zu haben – warum reicht es dann trotzdem nicht?

Sind einzelne Spieler derzeit qualitativ nicht gut genug für die Ansprüche in der 2. Bundesliga? Oder besitzt die Mannschaft durchaus genügend Qualität für diese Liga, aber nicht die passenden Profile für den anspruchsvollen, risikoreichen Ballbesitzfußball ihres Trainers?

Genau diese Unterscheidung wird immer wichtiger. Denn Walter will Fußball spielen lassen. Kontrolliert aufbauen, Lösungen finden, den Ball nicht einfach wegschlagen und auch unter Druck spielerisch bleiben. Das kann hervorragend aussehen. Aber eine Spielidee muss nicht nur zur Überzeugung eines Trainers passen. Sie muss auch zu den Spielern passen, die sie umsetzen sollen.

Wenn ein System immer wieder Situationen produziert, in denen einzelne Fehler unmittelbar bestraft werden, reicht es irgendwann nicht mehr, ausschließlich über die Fehler der Spieler zu sprechen. Dann muss auch über die Rahmenbedingungen gesprochen werden, in denen diese Fehler entstehen.

Weiner: „Wir haben uns letztlich selbst geschlagen“

Auch die Aussagen der Spieler klingen inzwischen vertraut. Timon Weiner sagte nach der Partie: „Wir haben alles rausgehauen, uns letztlich aber selbst geschlagen.“ Der Torhüter brachte das Problem anschließend ziemlich nüchtern auf den Punkt: „Wer seine Chancen nicht nutzt und solche Gegentore kassiert, verliert die Spiele in der 2. Liga.“

Phil Harres erklärte, man habe viele Dinge in der Länderspielpause aufgearbeitet, es aber nicht geschafft, sie in Braunschweig auf den Platz zu bringen. Und Kapitän Jonas Meffert sagte: „Wir hatten uns sehr viel vorgenommen, haben es aber nicht umgesetzt bekommen.“ Das sind ehrliche Aussagen. Aber auch sie beschreiben letztlich seit Wochen dasselbe Problem.

Jetzt melden sich die Fans

Neu war in Braunschweig deshalb weniger das Geschehen auf dem Platz als das danach. Teile der mitgereisten Kieler Anhänger machten ihrem Ärger gegenüber der Mannschaft deutlich Luft. Fans kletterten an den Zaun, es gab Gesprächsbedarf. Die Stimmung beginnt sich zu verändern. Weiner zeigte Verständnis: „Ich kann den Frust der Fans verstehen.“

Das ist relevant. Denn solange die Mannschaft trotz ausbleibender Ergebnisse von ihrem Umfeld getragen wird, lässt sich ein Entwicklungsprozess vergleichsweise ruhig fortsetzen. Wenn die Ergebnisse jedoch weiter fehlen und die Unterstützung zunehmend in Unzufriedenheit umschlägt, verändert sich die Situation. Dann wächst der Druck nicht nur auf die Mannschaft und den Trainer. Sondern zwangsläufig auch auf diejenigen, die den Weg vorgeben und verteidigen.

Wie lange hält Rebbes 100-Prozent-Versprechen?

Olaf Rebbe hat sich festgelegt. 100 Prozent für Tim Walter. 100 Prozent für seine Spielweise. Keine Trainerdiskussion. Das ist ein starkes Bekenntnis – und nach sieben Spielen sicherlich legitim. Aber mit einem solchen Bekenntnis übernimmt auch der Sportchef Verantwortung für diesen Weg. Denn irgendwann kann die Frage nicht mehr nur lauten, wann sich Holstein endlich belohnt. Sie muss lauten: Warum belohnt sich diese Mannschaft nicht?

Ist es tatsächlich nur eine Verkettung individueller Fehler und mangelnder Chancenverwertung? Ist die Mannschaft qualitativ gut genug? Passen die zusammengestellten Spieler zu Walters Fußball? Oder müsste der Trainer seine Idee stärker an das vorhandene Personal anpassen?

Und jetzt kommt der Tabellenführer

Einfacher wird es nicht. Am kommenden Freitag kommt Tabellenführer Hertha BSC ins Holstein-Stadion. Und irgendwann helfen auch gute Ansätze, hoher Aufwand und viel investierte Energie nicht mehr als Erklärung. Reicht das, was Holstein Kiel Woche für Woche mit voller Überzeugung versucht, überhaupt aus, um Spiele in der 2. Bundesliga zu gewinnen?

Nach sieben Spieltagen lautet die Antwort der Tabelle: Noch nicht.

Artikel und Archivbild: Ole Jacobsen.

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