
Erstes Training, hohe Intensität, viele Unterbrechungen – und auffällig viel Englisch. Tim Walter hat am Mittwoch erstmals wieder das Kommando bei Holstein Kiel übernommen. Der neue Cheftrainer coachte lautstark, korrigierte Stellungsspiel und Abläufe immer wieder und hielt die Intensität hoch. Die Trainingssprache war größtenteils Englisch – geprägt von seiner Zeit bei Hull City.
Auch typisch Walter: Die Verlierer des Abschlussspiels mussten Purzelbäume drehen. „Verlieren muss weh tun“, sagte er später mit einem Lächeln – aber durchaus ernst gemeint. Nach der Einheit stellte sich der 50-Jährige den Medien.
Herr Walter, willkommen zurück in Kiel. Warum haben Sie nicht lange gezögert?
„Vielen Dank. Schön, wirklich schön. Ich habe die Anfrage bekommen – von Olaf Rebbe und den Verantwortlichen – und ich musste nicht lange darüber nachdenken. Der Verein hat mir damals die Chance gegeben, mich im Profifußball zu etablieren. Und ich glaube, dann liegt es auch an einem selber, dass man etwas zurückgibt, wenn der Verein vielleicht ein bisschen in Schieflage geraten ist.“
Die Mannschaft wirkte zuletzt verunsichert. Was sagt Ihr erstes Gefühl?
„Den Eindruck hatte ich ehrlich gesagt nicht. Die Jungs sind sehr aufgeschlossen, sehr bereit, sehr lernwillig und offen. Und ich glaube, das ist das Einzige, was man verlangen kann, wenn man als neuer Trainer irgendwo hinkommt. Sie müssen bereit sein, etwas Neues anzunehmen. Ich finde, sie haben das heute extrem gut gemacht. Wir versuchen es so einfach wie möglich zu halten. Überforderung wäre jetzt der falsche Weg.“
Gibt es einen klaren Plan für die restlichen Spiele?
„Wenn ich jetzt alles umsetzen würde, was ich im Kopf habe, würde ich mich selber verwurschteln. Man muss es so einfach wie möglich halten. Meine Mannschaften stehen immer für Ballbesitz – aber sie waren auch die besten im Gegenpressing und im Spiel gegen den Ball. Ich weiß, dass diese Mannschaft fit ist, viele intensive Läufe macht, viele Sprints. Aber bei der Balleroberung und im Defensivverhalten sind wir im unteren Drittel. Und da ist der Ansatz. Mein Ballbesitzfußball funktioniert nie, wenn ich gegen den Ball nicht gut arbeite.“
Wie sehr haben Sie Holstein in den letzten Jahren verfolgt?
„Immer. Ich habe Holstein nie aus dem Auge verloren. Ich habe hier viele gute Freunde gefunden, fast Familie. Ich war immer wieder hier. Der Verein hat mir die Chance gegeben – das vergisst man nicht.“
Sie übernehmen erstmals ein Team im Abstiegskampf. Mentales Neuland?
„Wir haben elf Spiele. Jeder weiß, wie man eine Tabelle liest. Aber ich bin unvoreingenommen. Ich will die Jungs damit infizieren, dass man Freude am Fußball haben kann, wenn man mutig und intensiv ist. Ich sehe hier eine sehr herzliche, offene Mannschaft. Mit meiner emotionalen, direkten Art und meiner Überzeugung will ich das übertragen.“
Was hat sich seit 2018 verändert?
„Im Verein hat sich viel getan – aber ich habe mich auch verändert. Die Jahre machen einen ruhiger, was die Dinge außerhalb des Platzes betrifft. Meine Energie und Emotionen auf dem Platz sind ungebrochen. Ich liebe meine Mannschaften und tue alles für sie. Aber mit den Jahren wird man entspannter.“
Dürfen wir wieder einen mitspielenden Torwart und andribbelnde Innenverteidiger erwarten?
„Wir müssen es so einfach wie möglich halten. Wenn ich jetzt anfangen würde zu sagen, wir spielen alles hinten raus, wäre das der falsche Ansatz. Wichtig ist, dass meine Prinzipien in allen Dritteln funktionieren. Es geht mehr darum: Wie spiele ich rund um die Box? Wie bereite ich Ballverluste vor? Das sind die entscheidenden Elemente.“
Welche Rolle kann Jonas Meffert als verlängerter Arm spielen?
„Er ist ein Balance-Spieler. Er weiß, wann es brenzlig wird, wann defensiv gearbeitet werden muss. Dieses Vertrauen hat er von mir – so wie alle hier im Verein. Und er ist ein wichtiger Teil davon.“
Das große Thema ist die Chancenverwertung. Wie wollen Sie das ändern?
„Ich habe sie im Fernsehen verfolgt. Es gab Momente – im Pokal zum Beispiel – da waren gute Torchancen da. Das geht alles mit Vertrauen einher. Wenn du den Jungs Überzeugung gibst, klare Richtlinien im letzten Drittel, mehr Automatismen – dann bekommen sie ein besseres Gefühl. Sie haben mein vollstes Vertrauen.“
Die Purzelbäume zum Abschluss – gehört das einfach zu Tim Walter?
„Ich habe vorhin schon gesagt: Verlieren muss weh tun. Wenn es Schwindel auslöst oder sonst was – dann will man am nächsten Tag weniger verlieren. Das hat aber auch einen Fun-Aspekt. Aber sie machen es nicht gerne. Sie sollen spüren, dass Gewinnen schöner ist.“
Eindruck: Energie, Klarheit – aber Pragmatismus
Auffällig war Walters hohe Coaching-Dichte im Training. Viel Kommunikation, viel Korrektur, viele Unterbrechungen – dazu die englische Trainingssprache. Mit Co-Trainer Julian Hübner (zuletzt Hull City) bringt er zudem vertrautes Personal mit.
Ob und wie schnell seine Prinzipien greifen, wird sich zeigen. Aber eines wurde am ersten Tag deutlich: Tim Walter ist zurück – mit Energie, klarer Ansprache und einem Plan, der zunächst nicht spektakulär, sondern bewusst pragmatisch sein soll.
Interview, Artikel und Bild: Ole Jacobsen.
