Der erste Tabellenführer der Oberliga Schleswig-Holstein 2026/27 heißt VfR Neumünster. Vor 1.903 Zuschauern gewann der VfR das Eröffnungsspiel beim Stadtrivalen PSV Neumünster verdient mit 3:0. Alban Jasari brachte die Gäste früh in Führung, Rafael Krause traf nach der Pause doppelt. Für zusätzlichen Gesprächsstoff sorgten gleich drei Rote Karten.
Ein Stadtderby, fast 2.000 Zuschauer und dazu der offizielle Startschuss für die neue Amateurfußball-Saison: Für das erste Oberligaspiel der Saison 2026/27 war am Freitagabend auf dem PSV-Gelände in Neumünster eigentlich alles angerichtet. Fußballerisch benötigte die Partie allerdings etwas Anlaufzeit. Der PSV stand zunächst tief und operierte häufig mit langen Bällen, während der VfR seinen Spielaufbau kontrolliert, aber zunächst ebenfalls ohne großes Tempo aufzog. Wirkliche Gefahr entstand in der Anfangsphase kaum.
PSV fordert früh Elfmeter – dann folgt der folgenschwere Fehler
Den ersten strittigen Moment gab es nach rund einer Viertelstunde. Eine Hereingabe des PSV von der rechten Seite wurde im Strafraum von einem VfR-Verteidiger mit Arm beziehungsweise Hand geblockt. Die Gastgeber forderten Strafstoß, Schiedsrichter Jannik Romahn ließ jedoch weiterspielen.
Nur wenig später wurde es auf der anderen Seite entscheidend. Nach einem gravierenden Fehlpass von Ayoub Assameur im eigenen Spielaufbau war der VfR plötzlich durch. Alban Jasari nahm das Geschenk dankend an und erzielte in der 17. Minute mit der ersten klaren Chance der Partie das 1:0 für die Gäste.
Besonders bitter für Assameur: Eigentlich war der Mittelfeldspieler zunächst für die Bank vorgesehen und erst kurzfristig nach einer Verletzung beim Aufwärmen in die Startelf gerückt. PSV-Coach Nils Voss nahm seinen Spieler anschließend ausdrücklich in Schutz: „Davon abgesehen hat er ein sehr gutes Spiel gemacht und den Fehler danach abgeschüttelt. Natürlich ist das bitter, aber so etwas kann passieren.“
VfR wirkt reifer – PSV findet kaum Lösungen
Die Führung spielte dem VfR in die Karten. Während der PSV im Ballbesitz häufig langsam und ohne klare Idee agierte, zeigte sich die Mannschaft von Danny Cornelius vor allem gegen den Ball gut organisiert. Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen stimmten, Räume wurden konsequent geschlossen und nach Ballgewinnen suchte der VfR schnell den Weg nach vorne. „Wir wussten, dass wir sehr gut die Räume zustellen und nach Ballgewinnen schnell nach vorne kommen können“, erklärte Cornelius nach dem Spiel. „Das hat man heute gesehen.“
Beim PSV fehlten dagegen insbesondere Tempo und Kreativität. Voss sah seine Mannschaft vor allem in der Entscheidungsfindung zu fehlerhaft. „Wir hatten viel Ballbesitz, aber sind in den falschen Momenten zu viel Risiko und in anderen Momenten zu wenig Risiko gegangen.“
Drauschke sieht bei Rückkehr Rot
In der 39. Minute rückte plötzlich Nils Drauschke in den Mittelpunkt. Ausgerechnet der ehemalige PSV-Spielmacher, der im Sommer zum Stadtrivalen gewechselt war, stoppte Meiko Werner und bekam von Romahn unmittelbar die Rote Karte gezeigt. Die Entscheidung überraschte nahezu alle Beteiligten. Drauschke selbst hatte mit einer Verwarnung gerechnet. „Ich wollte ihn ganz bewusst mit einem taktischen Foul stoppen. Ich habe Gelb erwartet und war komplett überrascht, als Rot kam.“
Der ehemalige PSV-Spieler betonte, dass er seinen Gegenspieler lediglich zu Fall bringen wollte und nicht mit übermäßiger Härte eingestiegen sei. Die Entscheidung war zumindest eine sehr konsequente Auslegung des Regelwerks. Weil Drauschke keine realistische Chance auf den Ball hatte und ausschließlich den Gegenspieler stoppte, wertete das Gespann die Aktion offenbar entsprechend hart.
Kurz danach hatte der PSV seine beste Gelegenheit der ersten Hälfte. Nach einer Flanke von Ben Luca Nohns köpfte Kapitän Timo Barendt den Ball nur knapp am Tor vorbei. Mit 0:1 ging es in die Pause.
PSV kann Überzahl nicht nutzen
Wer nach dem Seitenwechsel mit einem Sturmlauf der Gastgeber gerechnet hatte, wurde enttäuscht. Der VfR zog sich mit zehn Spielern erwartungsgemäß etwas weiter zurück, blieb dabei aber hervorragend organisiert. Dem PSV fiel trotz numerischer Überlegenheit weiterhin wenig ein, um die kompakte Defensive ernsthaft auseinanderzuspielen.
Cornelius vermied es in der Halbzeit sogar bewusst, die Unterzahl groß zu thematisieren. „Ich wollte gar nicht, dass sich das in den Köpfen festsetzt. Wir wollten weiterhin mit zwei Viererketten verteidigen. Der einzige Unterschied war, dass vorne nur noch ein Stürmer stand.“ Das funktionierte. Der VfR ließ kaum etwas zu.
Zweite Rote Karte – und Krause trifft direkt zum 2:0
Nach einer Stunde war die numerische Überlegenheit des PSV ohnehin beendet. Siyabend Salih Ramo brachte einen durchbrechenden VfR-Angreifer kurz vor dem Strafraum zu Fall, ohne eine wirkliche Möglichkeit zu haben, an den Ball zu gelangen. Romahn zeigte erneut Rot. Den anschließenden Freistoß verwandelte Rafael Krause in der 62. Minute direkt zum 2:0. Spätestens jetzt war der VfR endgültig auf Kurs.
VfR bekommt immer mehr Räume
Mit zunehmender Spielzeit musste der PSV öffnen – und genau das spielte den Gästen in die Karten. Noah Awuku profitierte in der 73. Minute beinahe von einem weiteren schweren Fehler in der PSV-Hintermannschaft, spielte die Situation jedoch nicht konsequent zu Ende. Auf der anderen Seite zwang Barendt VfR-Keeper Christopher Newe immerhin zu einer Parade.
Die gefährlicheren Aktionen gehörten trotzdem den Gästen. Jasari scheiterte nach einem Konter an Tilman Körtzinger, wenig später blieb der PSV-Schlussmann auch gegen Maurice Knutzen Sieger. Cornelius sah darin die Stärke seiner Mannschaft bestätigt. „Schnelles vertikales Spiel ist unser Fußball. Wir wollen gar nicht ewig den Ball halten, sondern nach Ballgewinnen schnell nach vorne kommen.“
Dritter Platzverweis macht kuriosen Derby-Abend perfekt
In der 88. Minute folgte der dritte Platzverweis des Abends. Grady Zinkondo stoppte seinen Gegenspieler als letzter Mann und musste ebenfalls vorzeitig vom Platz. Auch diese Entscheidung war vertretbar, fügte sich aber in eine ausgesprochen harte Linie des Schiedsrichtergespanns ein.
Cornelius wollte Romahns Leistung trotz der drei Roten Karten nicht grundsätzlich kritisieren. „Man muss vielleicht nicht jede Situation so extrem bewerten. Trotzdem fand ich die Schiedsrichterleistung heute nicht schlecht.“ In der Nachspielzeit setzte Rafael Krause schließlich den Schlusspunkt. Nach einem weiteren Konter erzielte er seinen zweiten Treffer und stellte auf 3:0.
Verdienter Derbysieger – und erster Tabellenführer
Am Ende stand ein ungefährdeter Erfolg des VfR Neumünster. Die Gäste wirkten über die gesamte Partie reifer, taktisch besser organisiert und im Umschaltspiel deutlich gefährlicher. Selbst die mehr als 20-minütige Unterzahl brachte die Mannschaft von Danny Cornelius nicht ernsthaft aus dem Konzept.
Der PSV dagegen bezahlte mehrere individuelle Fehler teuer und entwickelte gerade in der eigenen Überzahl zu wenig Ideen. Voss fasste es treffend zusammen: „Im Endeffekt schenken wir die Tore her. Alle drei Gegentore sind aus meiner Sicht Geschenke. Gegen die individuelle Qualität des VfR wird das dann bestraft.“
Für Cornelius bestätigt der Auftakterfolg dagegen die ambitionierte Zielsetzung. Der VfR möchte in dieser Saison mindestens 50 Punkte sammeln und in die Top Vier. „Ich weiß, wie gut meine Mannschaft ist und welche Power wir haben. Heute hat man gesehen, dass wir sowohl offensiv als auch defensiv sehr diszipliniert spielen können.“
Nach dem ersten Abend der neuen Oberliga-Saison steht der VfR Neumünster jedenfalls dort, wo alle Mannschaften gerne hinwollen: ganz oben. Mit drei Toren, drei Punkten und einem Derbysieg zum Auftakt.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.
