Der VfR Neumünster und der FC Kilia Kiel haben sich am zweiten Spieltag der Oberliga Schleswig-Holstein mit 1:1 getrennt. In einem intensiven und phasenweise hochklassigen Duell schien Joker Tino Klein die Kieler in der 88. Minute zum Auswärtssieg zu schießen. Moshood Olamide Adesanya glich jedoch in der Nachspielzeit aus. Damit nicht genug: Direkt danach erhielt Kilia noch einen Strafstoß, doch VfR-Torhüter Christopher Newe parierte gegen Tom Warncke. Zuvor hatte Drilon Trepca bereits einen Elfmeter für die Gäste über das Tor geschossen.
Beide Mannschaften waren mit einem Sieg in die neue Saison gestartet und machten keinen Hehl daraus, auch am zweiten Spieltag den nächsten Dreier einfahren zu wollen. Entsprechend entwickelte sich in der Grümmi-Arena ein Duell zweier Teams, die in dieser Saison weit oben angreifen möchten.
Kilia erwischte den besseren Start. Bereits in der zweiten Minute sorgte eine einstudierte Eckballvariante für die erste gefährliche Situation. In der elften Minute hätten die Kieler dann eigentlich in Führung gehen müssen: Zunächst wurde ein Abschluss von Marcel Freund geblockt, anschließend verhinderte Christopher Newe mit einem starken Reflex gegen Lucas Groß den Einschlag.
Kilia zunächst reifer – VfR steigert sich nach der Trinkpause
Die Gäste wirkten in der Anfangsphase reifer in ihrer Spielanlage und kamen häufiger gefährlich in die Nähe des Neumünsteraner Tores. Lucas Groß hatte nach einem Konter eine weitere Möglichkeit, schoss den Ball aber deutlich vorbei.
Der VfR benötigte etwas Zeit, um in die Partie zu finden. Moshood Olamide Adesanya kam in der 19. Minute zu einer ersten Kopfballchance. Die bis dahin beste Möglichkeit der Gastgeber folgte in der 31. Minute: Noah Awuku zog aus rund zwölf Metern ab, doch Tom Pachulski parierte mit beiden Fäusten.
Die Trinkpause schien den Neumünsteranern gutzutun. Danach begegnete der VfR den Gästen mindestens auf Augenhöhe. Kurz vor der Pause wurde Kilia allerdings noch einmal nach einem Standard gefährlich. Paul Meseberg brachte eine Ecke mit links zum Tor, Marc Schwabe kam am kurzen Pfosten völlig frei zum Kopfball, setzte diesen aber neben das Tor. Mit einem inzwischen gerechten 0:0 ging es in die Kabinen.
Aluminium auf beiden Seiten
Nach dem Seitenwechsel nahm die Partie schnell wieder Fahrt auf. In der 48. Minute wurde Marc Schwabe per Kopfballverlängerung freigespielt, scheiterte aber erneut an Newe. Wenig später hatte der VfR die Führung auf dem Kopf. Nach einer Ecke kam Geart Latifi frei zum Abschluss, sein Kopfball prallte jedoch von der Unterkante der Latte zurück ins Feld.
Auch Rafael Krause ließ eine gute Gelegenheit liegen. Der Doppeltorschütze aus dem Auftaktsieg gegen den PSV Neumünster kam über die linke Seite zum Abschluss, schob den Ball aber am langen Pfosten vorbei.
In der 59. Minute antwortete Kilia ebenfalls mit einem Aluminiumtreffer. Nach einer Ecke von Luca Bjarne Senger köpfte Schwabe den Ball an den Pfosten. Damit stand es auch in dieser Statistik 1:1.
Trepca jagt den ersten Elfmeter über das Tor
In der 65. Minute entschied Schiedsrichter Tim Jeschkeit nach einem Kontakt an dem kurz zuvor eingewechselten Tino Klein auf Strafstoß für Kilia. Die Entscheidung war zumindest diskutabel, der Pfiff erfolgte jedoch ohne großes Zögern. Drilon Trepca übernahm die Verantwortung, setzte den Ball aber deutlich über die Querlatte. Die große Gelegenheit zur Kieler Führung war vergeben.
Trotz des Fehlschusses blieb Kilia gefährlicher. Das Spiel bot ein 0:0 der besseren Sorte, hatte jedoch auch immer wieder Phasen, in denen es verflachte. In der Schlussphase erhöhte Kilia noch einmal den Druck. Marvin Christian Müller traf nach einer starken Einzelaktion aus spitzem Winkel nur das Außennetz.
Tino Klein trifft wie ein Routinier
In der 88. Minute schien die Entscheidung schließlich gefallen zu sein. Tino Klein wurde im Strafraum freigespielt, behauptete sich stark und blieb auch vor Christopher Newe vollkommen ruhig. Der junge Angreifer hob den Ball gefühlvoll am Schlussmann vorbei zum 1:0 für Kilia ins Tor. „Wir wissen, welche Qualität Tino Klein besitzt“, lobte Kilia-Trainer Nicola Soranno seinen Joker. „Er kommt von der Bank, holt den ersten Elfmeter heraus und macht das Tor überragend.“ Die Kieler feierten bereits den vermeintlichen Siegtreffer. Doch das Spiel hielt noch eine vollkommen verrückte Nachspielzeit bereit.
Adesanya gleicht aus – dann hält Newe den nächsten Elfmeter
Nach einer Flanke von der linken Seite war Moshood Olamide Adesanya im Zentrum zur Stelle und traf zum umjubelten 1:1. Der VfR hatte sich in letzter Minute zurückgemeldet. „Wir hatten heute mehr Glück als alles andere“, räumte VfR-Trainer Danny Cornelius offen ein. „Kilia hatte die zwingenderen Torchancen und hätte die drei Punkte wahrscheinlich verdient gehabt. Mit dem einen Punkt können wir sehr gut leben.“
Doch unmittelbar nach dem Wiederanstoß kam ein langer Ball in den Neumünsteraner Strafraum. Marc Schwabe machte ihn fest und wurde getroffen – erneut zeigte Jeschkeit auf den Punkt. Dieses Mal trat Tom Warncke an. Der Kapitän schoss platziert, doch Newe ahnte die Ecke und lenkte den Ball mit einer Hand ab. Anschließend warf sich der Torhüter auf den Abpraller und sicherte dem VfR endgültig den Punkt. „Als Torwart kannst du in so einer Situation nicht viel verlieren“, sagte Newe. „Ich hatte erst die andere Ecke im Kopf, bin dann aber intuitiv nach rechts gegangen. Zum Glück war die Hand dran.“
Kilia zwischen Stolz und Frust
Während Neumünster den Punktgewinn ausgelassen feierte, herrschte bei Kilia große Enttäuschung. Die Gäste hatten mehr und bessere Möglichkeiten, trafen Aluminium und vergaben zwei Strafstöße. Soranno fiel die Bewertung entsprechend schwer: „Wenn ein Spiel ausgeglichen ist und du spielst 1:1, dann ist alles gut. Aber heute hätte es eigentlich nur einen Sieger geben dürfen.“
Der Kilia-Coach lobte dennoch den Auftritt seiner Mannschaft. Seine Spieler hätten dem VfR viele seiner Stärken genommen und gegenüber dem Auftaktsieg noch einmal eine Schippe draufgelegt. „Am Ende müssen wir uns ankreiden lassen, dass wir unsere Chancen liegen lassen“, erklärte Soranno. „Zwei verschossene Elfmeter sind natürlich aussagekräftig.“
Emotionen kochen über
Nach dem späten Ausgleich und dem gehaltenen Strafstoß wurde es auch an den Seitenlinien hitzig. Nach Ansicht Sorannos wurde von der Neumünsteraner Bank vom Co-Trainer demonstrativ in Richtung der Kieler Verantwortlichen gejubelt. „Man jubelt nicht zur gegnerischen Bank“, kritisierte er. „Wir reden über Respekt und Fairness im Sport. Ich fand das unsportlich.“
Cornelius erklärte dagegen, die Situation sei zwischen den Cheftrainern schnell geklärt worden. „Es sind ein paar Worte gefallen, aber das gehört zum Fußball dazu. Nico und ich haben uns recht schnell verstanden.“
Punktgewinn für den VfR, verpasster Sieg für Kilia
Unter dem Strich nimmt der VfR Neumünster einen glücklichen Punkt mit. Kilia muss sich dagegen vorwerfen lassen, aus einer Vielzahl hochkarätiger Chancen und zwei Elfmetern nicht mehr gemacht zu haben. „Kilia hätte den Sieg verdient gehabt“, sagte Cornelius deutlich. Sein Gegenüber Soranno sieht in der Leistung dennoch einen wichtigen Schritt: „Wir müssen den Kopf hochnehmen. Das war in dieser frühen Phase der Saison ein sehr gutes Spiel von uns.“
Beide Mannschaften bleiben nach zwei Spieltagen ungeschlagen. Der VfR darf sich bei seinem Torhüter bedanken – Kilia wird dagegen noch einige Zeit darüber nachdenken, wie dieses Spiel nicht gewonnen werden konnte.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.

