Zwischen Fußballfest und FIFA-Frust – so kritisch blickt Schleswig-Holsteins Fußballszene auf die WM

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Die NordKick-WM-Umfrage beschäftigt sich heute mit der Kritik der Schleswig-Holsteiner:innen

Die Weltmeisterschaft läuft, der Ball rollt, die ersten Überraschungen sind passiert und Deutschland hat abgeliefert. Doch bei aller Freude über Tore, Außenseiter und große Namen bleibt bei vielen Fußballmenschen aus Schleswig-Holstein ein deutliches Unbehagen. NordKick hat Trainer, Spieler, Funktionäre, Ex-Profis und Partner aus der Region gefragt, ob sie sich auf die WM freuen oder dem Turnier kritisch gegenüberstehen. Die Antworten zeigen: Die Liebe zum Fußball ist groß. Das Vertrauen in das System dahinter dagegen längst nicht mehr.

„Die Lust vergeht mir immer mehr“

Besonders deutlich wird Dennis Polenkowski, Fußballobmann bei UT Kiel. Er hatte sich vor dem Turnier eigentlich auf die Eröffnungsfeier und die mexikanischen Fans gefreut. Doch seine grundsätzliche Begeisterung für solche Großereignisse hat stark nachgelassen. „Tatsächlich interessiert mich persönlich so ein Ereignis wie die WM immer weniger“, sagt Polenkowski. Er kritisiert die FIFA, die Rechtevergaben, immer mehr Streaming-Abos und die zunehmende Entfernung des Profifußballs von der Basis. Für ihn habe vieles „nichts mehr mit der Basis des Fußballs zu tun. Also uns, die Amateure und Zuschauer.“ Sein Fazit fällt entsprechend ernüchternd aus: „Die Lust vergeht mir immer mehr. Schade eigentlich. Solche Turniere, auch und gerade mit Public Viewings, waren immer toll.“

48 Mannschaften: Mehr Fußball oder zu viel des Guten?

Ein großer Kritikpunkt ist die Aufblähung des Turniers. Dennis Buthmann, Trainer des PSV Neumünster, findet klare Worte: „Das Aufstocken auf 48 Mannschaften ist zum Beispiel brutaler Quatsch.“ Auch Thomas Knuth von Nordmark Satrup sagt, das Turnier sei ihm „etwas zu aufgebläht“.

Thomas Karbsch, Fußballobmann des VfB Kiel, sieht dadurch weniger Qualität in einzelnen Gruppenspielen. Thomas Weltrowski, Fußball-Abteilungsleiter des TSV Gadeland, wird ebenfalls deutlich: Eine WM mit über 100 Spielen sei für ihn „keine WM mehr“. Sie sollte seiner Meinung nach wieder in einen kleineren Rahmen zurück.

Die ersten Turniertage liefern für beide Seiten Argumente. Einerseits gab es klare Ergebnisse und erkennbare Qualitätsunterschiede. Andererseits schrieb Kap Verde mit dem 0:0 gegen Spanien bereits eine Geschichte, die es ohne das größere Teilnehmerfeld vermutlich nie gegeben hätte.

Weite Wege, späte Spiele und schwierige Bedingungen

Auch die Austragung in drei Ländern sorgt für Diskussionen. Die USA, Mexiko und Kanada bieten große Stadien und spektakuläre Bilder, gleichzeitig aber enorme Entfernungen, unterschiedliche klimatische Bedingungen und schwierige Anstoßzeiten für europäische Fans. Marcel Schwantes, Fußballer und Vereinswirt des TSV Russee, freut sich grundsätzlich auf die WM, sieht aber die vielen Austragungsorte und großen Entfernungen kritisch. Auch die Anstoßzeiten seien für viele Fans in Europa nicht ideal.

Dimitrijus Guscinas, Ex-Profi von Holstein Kiel und ehemaliger litauischer Nationalspieler, verweist auf die klimatischen Bedingungen. Die Spieler müssten teilweise bei Temperaturen von über 30 Grad antreten. Dazu komme die große Show rund um die Spiele, die den Ablauf zusätzlich verlängern könne. Auch Tom Wüllner von Eidertal Molfsee sagt offen, dass bei ihm bisher kaum Vorfreude aufgekommen sei – vor allem wegen der schwierigen Anstoßzeiten.

Politik, USA und ein ungutes Gefühl

Mehrere Befragte sehen vor allem die politische Lage kritisch. Dr. Tim Cassel, Geschäftsführer des SHFV, freut sich zwar auf die WM, formuliert seine Bedenken aber sehr klar. Die politische Situation in den USA empfindet er als „unerträglich“. Auch die Ticketpreise seien viel zu hoch. Trotzdem will Cassel sich den Fußball nicht nehmen lassen. Er sagt: „Ich freue mich trotzdem auf die WM und lasse mir den Fußball von irren Politikern und FIFA-Funktionären nicht wegnehmen.“

Die Ticketpreise erscheinen auch für Henrik Krüger (NordKick-Unterstützer mit Krüger Gartenpflege & Gestaltung) ein wichtiges Kriterium zu sein, gerade wenn man dabei an die Kinder und somit komplette Familien denkt: „Ich finde die Entwicklung schon bedenklich. Wenn selbst meine elfjährige Tochter sagt, ihr größter Wunsch wäre es einmal eine WM live zu erleben, ich aber gleichzeitig weiß, dass dafür teilweise Ticketpreise aufgerufen werden, die für Normalverdiener kaum noch zu stemmen sind. Fußball war mal der Sport der Menschen. Heute hat man manchmal das Gefühl, dass Fans nur noch Statisten für ein Premium-Event sind. Natürlich muss Geld verdient werden, aber wenn der normale Familienvater irgendwann einen Kredit für zwei WM-Tickets braucht, ist man ein gutes Stück von der Basis weggerutscht. Am Ende werden die Verbände reicher, die Träume der Kinder teurer und das kann eigentlich nicht der Sinn des Fußballs sein.“

Auch Uli Schröder, Ligaobmann der Probsteier SG 2012, nennt eine ganze Reihe kritischer Punkte: Menschenrechte, Einreiseprobleme, Diskriminierung, politische Spannungen, Kommerzialisierung, Umweltbelastung, große Entfernungen, überteuerte Tickets und 48 Mannschaften. Thomas Schwantes sieht die WM ebenfalls kritisch. Für ihn passt es nicht zusammen, dass alle Welt über Klima spreche und gleichzeitig eine Weltmeisterschaft in drei Ländern mit riesigen Entfernungen ausgetragen werde. Dazu nennt er hohe Ticketpreise und Einreisevorschriften der USA.

„Sport sollte verbinden“

Trotz aller Kritik wünschen sich viele Befragte, dass der Fußball im Mittelpunkt bleibt. Hannes Nissen, Geschäftsführer der Liga GmbH des Heider SV, sagt, politisch sei vieles komplex und nicht gut. Er würde es begrüßen, wenn der Sport nicht für solche Themen missbraucht werde. Sein Satz bringt die Haltung vieler auf den Punkt: „Sport sollte verbinden.“ Auch Yannick Jakubowski vom FC Kilia Kiel hofft auf ein friedliches Turnier, bei dem der Fußball Menschen und Kulturen verbindet.

Vorfreude bleibt – aber sie ist leiser geworden

Viele Befragte beschreiben ein Spannungsfeld. Sie freuen sich auf den Fußball, auf die Spiele, auf Emotionen – aber nicht mehr unbeschwert. Pascal Lorenz vom SC Rönnau freut sich auf den Fußball, sieht aber die Größe des Turniers und die geographischen Herausforderungen kritisch. Henning Knuth vom TuS Rotenhof sagt, bei jeder WM gebe es zurecht kritische Berichterstattung. Sobald der Ball rolle, gehe es für ihn aber um das Spiel.

Patrick Herrmann, Ex-Profi und Betreiber einer Fußballschule, sieht diese WM „absolut kritisch“ und wird wohl nur wenige Spiele im Fernsehen verfolgen. Trotzdem ist er in einer Tippgemeinschaft dabei und wird das Turnier zumindest verfolgen. Auch Berkant Özel vom FC Kilia Kiel hat noch nicht die Vorfreude wie bei früheren Turnieren. Die späten Spiele, politische Themen und Berichte aus dem Vorfeld hätten seine Stimmung deutlich gedämpft.

Der Fußball zieht trotzdem

Am Ende bleibt ein Widerspruch, den fast alle kennen: Man kann die FIFA kritisieren, die Vergabe hinterfragen, Ticketpreise ablehnen, die Größe des Turniers überzogen finden – und trotzdem beim Anpfiff wieder hinschauen.

Genau das macht diese WM für viele so schwierig. Der Fußball selbst fasziniert weiterhin. Die Geschichten auf dem Platz, die Außenseiter, die großen Spieler, die Nationen und Emotionen haben nichts von ihrer Kraft verloren. Aber das Drumherum sorgt dafür, dass die Begeisterung vieler Fußballmenschen aus Schleswig-Holstein nicht mehr so leicht und unbeschwert ist wie früher.

Vielleicht ist genau das die ehrlichste Bestandsaufnahme dieser WM: Die Liebe zum Spiel ist noch da. Aber sie muss inzwischen gegen vieles ankämpfen, was den Fußball immer weiter von seiner Basis entfernt.

Artikel und Bild: Ole Jacobsen.

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