Nach dem torlosen Nordderby gegen den Hamburger SV zeigte sich Alexander Blessin selbstkritisch. Der Trainer des FC St. Pauli sprach offen über die enttäuschende erste Halbzeit, fehlende Präsenz in den Zweikämpfen, Probleme im Offensivspiel – und darüber, warum der Punkt am Ende dennoch wichtig sein kann.
„Das hat mich überhaupt nicht erwärmt“
Herr Blessin, wie fällt Ihr erstes Fazit nach diesem Derby aus?
„Ich bin ehrlich gesagt enttäuscht. Gerade die erste Halbzeit hat mich überhaupt nicht erwärmt. Wir sind schlecht in die Zweikämpfe gekommen, waren bei zweiten Bällen nicht präsent und haben insgesamt zu wenig Aggressivität gezeigt. Wenn man von einem direkten Konkurrenten spricht, dann ist das einfach zu wenig.“
Defensiv stabil – offensiv zu harmlos
Trotzdem stand defensiv die Null. Ist das der positive Aspekt?
„Ja, das ist der Punkt, den man dagegenhalten muss. Wir haben wenig zugelassen, das stimmt. Aber wir haben auch fast ausschließlich reagiert und kaum selbst agiert. Das war mir zu passiv. Der HSV wollte mehr, war dynamischer, und wir haben uns oft nur daran angepasst.“
Probleme im Spielaufbau und bei zweiten Bällen
Woran lag es aus Ihrer Sicht, dass St. Pauli kaum Kontrolle entwickeln konnte?
„Wir haben viele falsche Entscheidungen getroffen. Gerade im Aufbau hatten wir Situationen, in denen wir eigentlich Lösungen hätten finden können – kurze Varianten, Verlagerungen, Räume im Rücken des Gegners. Stattdessen haben wir oft den langen Ball gewählt, ohne gut nachzurücken. Dann verlierst du den Ball schnell wieder und bekommst keinen Rhythmus.“
Mehr Bewegung, aber keine klare Durchschlagskraft
In der zweiten Halbzeit wirkte das Spiel etwas lebendiger. War das eine bewusste Umstellung?
„Ja, wir haben in der Halbzeit angesprochen, dass wir mutiger sein müssen. Die Wechsel haben uns gutgetan, wir hatten mehr Tempo und mehr Bewegung. Trotzdem waren wir vorne sehr fahrlässig. Acht Ecken, von denen sechs nicht einmal über den ersten Pfosten kommen – das ist einfach nicht gut genug.“
Offensive bleibt ein zentrales Thema
Fehlt Ihrer Mannschaft aktuell die nötige Qualität oder eher die letzte Konsequenz?
„Es ist eine Mischung aus beidem. Wir kommen in Situationen, in denen wir gefährlich werden können, aber dann fehlt entweder die klare Entscheidung oder die Präzision. Das ist ein Thema, an dem wir arbeiten müssen – gerade jetzt mit Blick auf die Rückrunde. Wir wollen nach vorne spielen, dann müssen wir diese Momente auch besser nutzen.“
Der Punkt – vielleicht später wertvoll
Wie ordnen Sie das Ergebnis mit etwas Abstand ein?
„Natürlich sind wir mit dem Punkt nicht zufrieden. Wir wollten zu Hause drei Punkte holen. Aber man weiß nie, wofür so ein Punkt am Ende gut ist. Wichtig ist, dass wir defensiv stabil geblieben sind. Jetzt geht es darum, die Dinge, die wir in der zweiten Halbzeit besser gemacht haben, mitzunehmen.“
Blick nach vorn: Fokus auf Leipzig
Was ist jetzt entscheidend vor der kommenden Englischen Woche?
„Regeneration, klare Analyse und dann voller Fokus auf das nächste Spiel. Leipzig ist eine ganz andere Aufgabe, mit enormer Qualität und Geschwindigkeit. Dafür müssen wir mutiger sein, klarer im Kopf und vor allem entschlossener in unseren Aktionen.“
Zum Thema Eintracht Frankfurt wollte Blessin grundsätzlich keine Stellung beziehen. Er verwies darauf, dass es nur ein Gerücht sei, dass er dort auf der Trainer-Wunschliste stehe. Laut NordKick Informationen soll er allerdings wirklich ein heißer Kandidat für Sportvorstand Markus Krösche sein, der Blessin auch am Wochenende noch einmal vor laufenden Kameras explizit lobte.
Interview und Bild: Ole Jacobsen.
