Mehr als ein Jahr voller Verletzungen, endlich wieder ein Pflichtspiel von Beginn an – und dann nach nicht einmal einer Stunde erneut der Griff zum Körper: Sebastian Schonlaus Comeback gegen Hertha BSC hätte eine der schönsten Geschichten des Kieler Abends werden können. Stattdessen endete es vorzeitig. Wie wichtig der 32-Jährige für Holstein sein kann, hatte er bis dahin eindrucksvoll gezeigt.
Es war eines dieser Comebacks, die weit über eine gewöhnliche Änderung in der Startelf hinausgehen. Sebastian Schonlau stand gegen Hertha BSC erstmals nach seiner langen Verletzungszeit in einem Pflichtspiel für Holstein Kiel auf dem Platz – und gleich in der Anfangsformation.
Nach zahlreichen Rückschlägen sollte ausgerechnet der erfahrene Innenverteidiger einer Defensive Stabilität verleihen, die in den vergangenen Wochen immer wieder durch individuelle Fehler aufgefallen war. Und Schonlau brauchte kaum Anlaufzeit.
Walter erkennt sofort den Unterschied
Nach dem Spiel sprach Tim Walter bemerkenswert deutlich über die Bedeutung seines Routiniers. „Natürlich war es ein komplett anderes Spiel, weil Bascho auf dem Platz ist.“ Walter hob dabei nicht nur Schonlaus Zweikampfführung hervor. Entscheidend war vor allem etwas anderes: Kommunikation. „Er kommuniziert, redet, initiiert und schiebt die Spieler, die bei uns auf dem Platz sind, auch dahin, wo er sie haben möchte.“ Genau diese Qualität hatte Holstein zuletzt gefehlt.
In einer Mannschaft mit zahlreichen jungen Spielern kann ein Innenverteidiger, der Situationen früh erkennt, seine Mitspieler dirigiert und Verantwortung übernimmt, erheblichen Einfluss haben – selbst ohne spektakuläre Aktionen. Walter bemerkte diesen Effekt unmittelbar. „Diese Qualität ist dann in der zweiten Halbzeit ein bisschen verloren gegangen.“ Ein größerer Hinweis auf Schonlaus Bedeutung lässt sich kaum geben.
Weiner schwärmt von Schonlau
Auch Timon Weiner wurde nach dem Spiel ausgesprochen emotional, als er auf seinen Vordermann angesprochen wurde. „Das ist ein unfassbarer Spieler. Wirklich ein Topspieler in der Liga.“ Vor allem Schonlaus Arbeit während der langen Verletzungszeit beeindruckt den Kieler Torhüter. „Wie der arbeitet, wie viel der macht – der macht alles für diesen Sport.“
Dass ein Spieler nach einer derart langen Pause unmittelbar in einem Spiel gegen den bislang verlustpunktfreien Tabellenführer zurückkehrt und der Defensive sofort Stabilität vermittelt, beeindruckte Weiner sichtbar. „Dann ist er über ein Jahr raus und spielt so eine erste Halbzeit. Ich ziehe jeden Hut davor.“
Dann sitzt Schonlau plötzlich auf dem Rasen
Umso bitterer war die Szene kurz nach Wiederbeginn. Schonlau signalisierte, dass es nicht weiterging. Er setzte sich auf den Rasen und musste in der 50. Minute ausgewechselt werden. David Zec kam für ihn. Wie schwer die erneuten Beschwerden sind, war unmittelbar nach der Partie noch nicht bekannt. Weiners Reaktion zeigte allerdings, wie sehr die Mannschaft mit Schonlau mitfühlt: „Der Junge tut mir unfassbar leid, als er sich dann auf den Boden gesetzt hat.“ Und er fügte einen entscheidenden Satz hinzu: „Ich glaube, man hat gesehen, dass wir ihn brauchen werden in dieser Saison und dass er ein absoluter Führungsspieler ist, sobald er auf dem Platz steht.“
Holstein braucht genau diesen Spielertyp
Damit bekommt Schonlaus Comeback eine zusätzliche Bedeutung. Holstein besitzt viele junge und entwicklungsfähige Spieler. Gegen Hertha standen mit Till Wiese und weiteren Eigengewächsen erneut Akteure auf dem Platz, denen Walter bewusst Verantwortung gibt. Doch Entwicklung funktioniert leichter, wenn Erfahrung danebensteht.
Schonlau muss dafür nicht jeden Zweikampf spektakulär gewinnen. Seine vielleicht wichtigste Qualität ist, Situationen früh zu erkennen und Mitspieler zu organisieren. Gerade in Walters anspruchsvollem Positionsspiel, in dem Abstände, Entscheidungen und Absicherung entscheidend sind, kann ein solcher Spieler enorm wertvoll sein. Die ersten 50 Minuten gegen Hertha lieferten dafür einen Vorgeschmack.
Jetzt bleibt Holstein nur zu hoffen, dass aus dem vorzeitigen Ende dieses Comebacks nicht der nächste lange Rückschlag wird. Denn sportlich hat dieser Freitagabend eine Sache ziemlich deutlich gezeigt: Sebastian Schonlau hat Holstein Kiel gefehlt.
Artikel und Bild: Ole Jacobsen.

