„Ganz dicke Eier“ – doch hinter Walters neuem Holstein steckt inzwischen mehr

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Daumen hoch von und für Holstein-Coach Tim Walter und für seine Mannschaft

Vor wenigen Wochen wurde in Kiel noch über Krise, fehlende Ergebnisse und den richtigen Weg diskutiert. Jetzt ist Holstein seit drei Spielen ungeschlagen, hat Dynamo Dresden mit 3:0 bezwungen und einen Bundesligisten aus dem DFB-Pokal geworfen. Nicht nur die Ergebnisse haben sich verändert. Auch Tim Walter und seine Mannschaft wirken plötzlich anders.

„Ganz dicke Eier.“ Tim Walter brauchte nach dem Pokalsieg gegen die TSG Hoffenheim keine besonders komplizierte Analyse, als er über Lio Rothenhagen sprach. Doch so passend der Satz für den jungen Pokalhelden war: Er hätte an diesem Abend fast genauso gut über die gesamte Kieler Mannschaft fallen können.

Denn vielleicht war das Bemerkenswerteste an diesem 4:3 im Elfmeterschießen gar nicht, dass Holstein Kiel einen Bundesligisten ausgeschaltet hat. Es war die Art, wie diese Mannschaft inzwischen mit schwierigen Situationen umgeht.

Vor wenigen Wochen sah die Kieler Welt noch völlig anders aus

Acht Zweitligaspiele ohne Sieg, lediglich vier Punkte nach sieben Partien und immer wieder dieselben Diskussionen: Ist Walters Fußball zu riskant? Kann diese Mannschaft seine Idee überhaupt umsetzen? Braucht Holstein mehr Pragmatismus? Die Ergebnisse hatten die Diskussion immer größer werden lassen.

Dann kam Hertha BSC. Beim 0:0 gegen den damaligen Spitzenreiter veränderte Walter die Herangehensweise. Kiel stand phasenweise tiefer, presste dosierter und akzeptierte auch den langen Ball. Anschließend folgte gegen Dynamo Dresden endlich die Erlösung: 3:0 und der erste Saisonsieg.

Und jetzt Hoffenheim. Ein Bundesligist, der Kiel zunächst früh attackierte, das Spiel kontrollierte und nach elf Minuten durch Adam Hložek in Führung ging. Wenig später lag der Ball erneut im Kieler Tor, ehe der Treffer nach VAR-Eingriff aberkannt wurde.

Noch vor wenigen Wochen hätte man sich durchaus fragen können, ob eine verunsicherte Kieler Mannschaft in einer solchen Situation auseinanderfällt. Diesmal passierte das Gegenteil. Adrián Kaprálik glich aus. Holstein arbeitete sich immer tiefer in dieses Spiel hinein. Nach 120 Minuten stand es noch immer 1:1 – anschließend gewann Kiel im Elfmeterschießen.

Aus Unsicherheit wird wieder Glaube

Walter war anschließend mächtig stolz. „Was meine Jungs dann auch gezeigt haben, mit dem Ball, gegen den Ball – das war schon aller Ehren wert.“ Entscheidend ist der nächste Satz: „Wir haben uns ja nicht nur hinten reingestellt, sondern wir haben auch wirklich agiert.“ Genau darin steckt die derzeit vielleicht spannendste Entwicklung bei Holstein Kiel. Walter hat seine grundsätzliche Idee nicht über Bord geworfen. Aber die Mannschaft scheint inzwischen besser zu verstehen, wann sie Fußball spielen kann – und wann ein Spiel etwas anderes verlangt.

Schon gegen Hertha war das zu erkennen. Gegen Hoffenheim kam eine weitere Komponente hinzu: Holstein machte das Spiel unangenehm. Zweikämpfe. Unterbrechungen. Emotionen. Widerstand. Phil Harres brachte es anschließend ziemlich ungeschönt auf den Punkt: „Wir wollten uns reinfighten und robuster als Hoffenheim sein.“ Und irgendwann geschah tatsächlich etwas Bemerkenswertes. Nicht der Bundesligist wirkte in der Verlängerung zwingender. Holstein hatte plötzlich die besseren Möglichkeiten – und den längeren Atem.

Auch Walter wirkt verändert

Vielleicht liegt darin auch eine persönliche Entwicklung des Trainers. Walter bleibt Walter. Emotional an der Seitenlinie, permanent im Austausch mit seiner Mannschaft – und bisweilen auch mit Schiedsrichtergespann und gegnerischer Bank. Aber der Fußball wirkt inzwischen weniger dogmatisch.

Gegen Hertha hatte Walter selbst eingeräumt, dass seine Mannschaft momentan nicht immer hoch pressen könne und deshalb bewusst etwas tiefer agiert habe. Auch lange Bälle seien keineswegs ein Verrat am Positionsspiel. Es waren Aussagen, die man nach den ersten Wochen so vielleicht nicht unbedingt erwartet hätte. Jetzt zeigt sich: Die Veränderung bedeutete nicht, Walters Idee aufzugeben. Sie erweitert sie. Und plötzlich kommen auch die Ergebnisse.

Die Stimmung dreht sich

Noch vor wenigen Wochen mussten sich die Kieler Spieler nach Spielen vor der eigenen Kurve unangenehmen Diskussionen stellen. Der Druck auf Mannschaft und Trainer nahm spürbar zu. Jetzt sieht die Szenerie völlig anders aus. Das 0:0 gegen Hertha wurde von den Fans honoriert. Gegen Dresden durfte endlich wieder ein Sieg gefeiert werden. Und nach 120 Minuten plus Elfmeterschießen gegen Hoffenheim verwandelte sich das Holstein-Stadion in eine Pokalparty.

Auch innerhalb der Mannschaft scheint sich etwas verändert zu haben. Jonas Meffert sagte nach dem Hoffenheim-Spiel: „Klar tut das sehr, sehr gut, wenn man zwei Spiele am Stück gewinnt.“ Und der Kapitän erinnerte noch einmal an die schwierigen Wochen: „Ich finde sehr, sehr gut, dass der Verein da ruhig geblieben ist.“ Diese Ruhe zahlt sich zumindest momentan aus.

Aus Krise wird Aufbruchsstimmung – aber noch keine Trendwende

Dabei wäre es verfrüht, aus zwei Siegen und einem Unentschieden plötzlich eine vollständig gelöste Kieler Fußballwelt zu konstruieren. In der 2. Bundesliga ist noch immer einiges aufzuholen. Ein Pokalerfolg bringt dort keinen einzigen Punkt. Aber etwas hat sich verändert. Vor einigen Wochen spielte Holstein teilweise ordentlich und erklärte anschließend, warum die Ergebnisse trotzdem nicht kamen. Inzwischen kommen die Ergebnisse. 0:0 gegen Hertha. 3:0 gegen Dresden. Jetzt der Pokalcoup gegen Hoffenheim.

Und plötzlich erlebt Holstein genau das, was einer verunsicherten Mannschaft wochenlang gefehlt hat: Sie bekommt die Bestätigung dafür, dass sich Widerstand lohnt. Walter wollte von einer persönlichen Genugtuung nach den schwierigen Wochen übrigens nichts wissen. „So ist Fußball. Wir haben uns in den ersten Spielen einfach nicht dafür belohnt, wie gut wir waren, wie viele Torchancen wir uns herausgespielt haben. […] Heute freuen wir uns einfach über den DFB-Pokalsieg.“

Das darf er. Denn ausgerechnet in jener Phase, in der der Druck immer größer wurde, hat Walter nicht nur an seiner Mannschaft festgehalten. Er hat begonnen, Dinge anzupassen. Und seine Mannschaft scheint wieder an sich zu glauben.

Ob daraus tatsächlich die große Wende wird, entscheidet sich nicht im DFB-Pokal. Das müssen die kommenden Wochen in der 2. Bundesliga zeigen. Aber aus der Krisenstimmung ist erstmals echte Aufbruchsstimmung geworden. Und manchmal beginnt eine Trendwende genau so.

Artikel und Bild: Ole Jacobsen.

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