Inter startet in den Überlebenskampf: Youssef will seine Spielidee endlich aufbauen

Vorletzter Platz, eine extrem junge Mannschaft und nur noch elf Spiele, um die Oberliga zu halten: Inter Türkspor Kiel steht vor einer Rückrunde, in der es keine Ausreden mehr gibt. Cheftrainer Karim Youssef spricht im Gespräch offen über eine Hinrunde, die ihn selbst nicht zufriedenstellt – und über eine Vorbereitung, die für ihn der Schlüssel im Abstiegskampf sein soll.

„Ich persönlich habe gemerkt, dass ich kein Feuerwehrmann bin“, sagt Youssef. Genau deshalb setzt Inter nun alles auf die Winterwochen: Struktur, klare Abläufe, Tests – und eine Spielidee, die nicht mehr von Woche zu Woche nur auf den nächsten Gegner „zusammengebaut“ wird.

Seit seinem Einstieg mitten in der Saison lief bei Inter vieles unter Dauerstress. Youssef beschreibt, dass er seine Idee bisher kaum sauber implementieren konnte – nicht, weil er nicht wollte, sondern weil Zeit und Rahmenbedingungen gefehlt hätten. „Es war vielmehr trainingsbedingt, was auf den nächsten Gegner aufgebaut wurde – mit ein paar Facetten von meiner Spielidee“, erklärt er. „Aber ich konnte das nicht so richtig strukturell und wissenschaftlich aufbauen, wie ich das immer in der Vorbereitung mache.“

Auch die Tabelle tut weh – dem Trainer wie dem Umfeld. „Punktemäßig, wo wir stehen, bin ich auch nicht zufrieden“, sagt Youssef. Gleichzeitig ordnet er ein: Inter sei sehr jung, die Liga stark – und realistischerweise könne man „vier, fünf Punkten“ nachtrauern.

Die Winterpause kommt für Inter zur richtigen Zeit – zumindest aus Trainersicht. Youssef klingt fast erleichtert, wenn er über die kommenden Wochen spricht. „Auf die Wintervorbereitung freue ich mich sehr. Ich kann ja endlich das Training aufbauen, was ich vorhatte“, sagt er. Testspiele sollen dabei helfen, Antworten zu finden: „Durch die Testspiele siehst du, wer kann mitziehen, wer nicht. Man kann auch verschiedene Positionen testen.“

Ein klassisches Trainingslager im Ausland wird es nicht geben – aus einem nachvollziehbaren Grund: Viele Spieler sind Studenten, es stehen Klausuren an. Inter plant stattdessen ein Trainingslager „vor Ort“, inklusive gemeinsamer Einheiten und Rahmenprogramm. Auch alternative Belastungsreize sind vorgesehen: „Wir werden zum Schwimmbad gehen oder zu alternativen Einheiten wie Spinning, Boxen oder Crossfit. Irgendwas müssen wir tun.“

Das Ziel formuliert Youssef ohne Umwege: „Der Klassenerhalt – den wollen wir.“ Und: Inter braucht dafür mehr als nur „mal einen Punkt“. Der Coach rechnet knallhart: „Wir haben elf Endspiele. Und dann müssen wir auch mal in diesen elf Spielen fünf, sechs Siege holen. Minimum, glaube ich.“

Unentschieden sind für ihn eher Begleiterscheinung als Plan. „Ich will auch immer gewinnen. Ich kann nicht auf Unentschieden spielen – zumindest nicht von Anfang an“, betont er.

Inhaltlich kündigt Youssef an, Inter offensiver und aktiver zu sehen – schon weil die Situation es verlangt. „Um zu gewinnen musst du Tore schießen. Und damit du Tore schießt, musst du Chancen rausspielen“, sagt er. Der Schwerpunkt liegt auf Lösungen im Spielaufbau: gegen hohes Pressing, gegen Mittelfeldpressing – mit verschiedenen Aufbauschemata, um „den freien Raum zu finden“.

Auch gegen den Ball will Inter nicht passiv bleiben: „Dass wir aktiv gegen den Ball sind, nicht abwartend“, beschreibt er. Und mit Ball setzt Youssef auf Positionsspiel und Rotation: „Mit viel Positionsspiel und Rotation den Gegner vor Probleme stellen, damit wir Torchancen rausspielen können.“

Dabei macht er auch klar, was Inter nichtist: ein Team mit zwei, drei Unterschiedsspielern, die alles alleine entscheiden. „Wir haben nicht diese Unterschiedsspiele.  Das ist bei uns verteilt auf die ganze Mannschaft“, sagt er. Genau deshalb soll die Lösung über die Struktur kommen – nicht über Einzelaktionen.

Ob Dreierkette, Viererkette, Anpassungen in der Halbzeit: Für Youssef ist das eher Werkzeug als Grundsatzdebatte. „Das System bei mir ist nie fest. Wir können auch mal in der ersten Halbzeit in der Dreierkette spielen und nach der Pause auf Viererkette umstellen“, erklärt er. Entscheidend sei, „wie man das System mit Leben füllt“.

Was aber feststeht: Inter braucht Siege – und wird entsprechend „offensiv nach vorne“ denken. „Die taktische Ausrichtung wird so sein, dass wir offensiv nach vorne spielen wollen, weil wir Siege brauchen“, sagt Youssef.

Die Ausgangslage ist klar: Inter steht mit dem Rücken zur Wand. Gleichzeitig klingt Youssef nicht nach Resignation, sondern nach Aufbruch – weil er nun endlich die Zeit bekommt, seine Idee zu vermitteln. „Ich freue mich sowieso auf die Mannschaft. Ich freue mich auf den Fußball, auf den Platz“, sagt er.

Elf Spiele bleiben. Fünf, sechs Siege sollen es werden. Und Inter wird dafür nicht auf „verwaltenden Fußball“ setzen, sondern auf Mut, Aktivität – und auf eine Vorbereitung, die diesmal nicht nur Überbrückung sein soll, sondern Fundament.

Artikel und Bild: Ole Jacobsen.